Rollout: Sicherheit vor Schnelligkeit

Digitales

Messwesen - Der Umbau von Analog- auf Digitaltechnik im Strombereich ist eine einmalige Chance für Kommunalversorger, neue Angebote zu entwickeln. Denn ab 2021 steht ihnen der Markt für Submetering offen, sagen Karsten Vortanz und Peter Zayer von Voltaris.

28. Mai 2018

Das erste BSI-zertifizierte Smart-Meter-Gateway lässt auf sich warten. Im Frühsommer soll es jetzt so weit sein, heißt es aus Expertenkreisen. Herr Vortanz, was bedeutet das für Stadtwerke und deren Vertrieb?

Karsten Vortanz: Stadtwerke sind gut beraten, jetzt den richtigen Dienstleister zu wählen, um dann in ihrem Versorgungsgebiet eigene Produkte anbieten zu können. Denn mit dem ersten zertifizierten Gateway startet der wettbewerbliche Einbau der intelligenten Messsysteme. Ab diesem Zeitpunkt werden die wettbewerblichen Messstellenbetreiber Produkte anbieten. Der verpflichtende Rollout für den grundzuständigen Messstellenbetreiber startet erst nach der Zertifizierung von drei Gateways und der Freigabe durch das BSI. Innerhalb von drei Jahren müssen dann zehn Prozent der iMSys eingebaut sein.

Welche Produkte sind das?

Vortanz: Zunächst werden das vor allem Energieberatung und Energiemanagement nach ISO 50001 beziehungsweise nach DIN 16247-1 für kleine und mittlere Unternehmen sein. Im Kern geht es um das Auslesen, Darstellen und Analysieren von Verbräuchen.

Herr Zayer, der Rollout moderner Messeinrichtungen, kurz mME, hat begonnen. Mein Münchner Netzbetreiber hat jüngst bei uns im Mehrfamilienhaus Ferrariszähler durch Digitaltechnik ersetzt. Trotzdem spricht die Fachwelt vor allem über intelligente Messsysteme, kurz iMSys. Dabei ist der Anteil der mME ja viel größer.

Peter Zayer: Ja, das stimmt. Ob eine mME oder ein iMSys verbaut wird, hängt vom Jahresverbrauch ab. Nach den Rolloutvorschriften des Gesetzgebers werden unterhalb 6.000 kWh nur mME verpflichtend eingebaut. Daher dominiert bei den Stückzahlen die mME. 85 Prozent der Messstellen werden mit den neuen digitalen Stromzählern bestückt, nur 15 Prozent mit iMSys. Seit Mitte letzten Jahres sind auch bei unseren Stadtwerkekunden bereits mehrere tausend mME erfolgreich in Kundenanlagen verbaut worden.

Vortanz: Aktuell ist die mME das Thema, aber die iMSys sind vertrieblich spannend für die Zukunft, da mit ihnen attraktive Mehrwertdienste angeboten werden können.

Zayer: Zusammenfassend kann man feststellen: Logistisch dominiert die mME, inhaltlich dominiert – insbesondere wegen der hohen Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit – die iMSys. Daher spricht die Fachwelt auch besonders ausführlich darüber. Das spiegelt sich auch in den Vorleistungen wider. Die iMSys beschäftigen die Branche schon seit Jahren. Das Forum Netztechnik Netzbetriebe im VDE/FNN treibt seit Jahren aktiv die konkrete technische Ausgestaltung der iMSys voran. Geräte unterschiedlicher Hersteller müssen schließlich problemlos miteinander funktionieren, Stichwort Interoperabilität. Außerdem müssen die Geräte austauschbar sein. Dazu kommt die neue Aufgabe der Gateway-Administration. Wir sind seit Juni 2017 als Gateway-Administrator zertifiziert. Insgesamt sind aktuell 26 Anbieter für Gateway-Administration beim BSI angemeldet. Diese teils enormen Vorleistungen müssen nun refinanziert werden. Entsprechend groß ist das Interesse, dass der Startschuss bald erfolgt.

Herr Vortanz, bei Hardware für PV oder Smart Home setzen immer mehr Stadtwerke auf White-Label-Produkte. Geht das auch mit Mehrwertdiensten rund um Metering?

Vortanz: Ja. Voltaris stellt beispielsweise Portale für die Verbrauchsvisualisierung bei Haushaltskunden, Kommunen und EEG-Betreibern sowie für Gewerbekunden zur Verfügung.

Wie funktioniert das?

Vortanz: Voltaris agiert im Hintergrund, nach außen tritt stets das Stadtwerk auf. Das gilt auch für die Submetering-Dienstleistungen, an denen wir im Moment arbeiten. Ab 2021 können Immobilieneigentümer als Anschlussnehmer den Messstellenbetreiber frei wählen. Die Wahl gilt dann für alle Stromzähler der Immobilie. Das wird den Markt für das Submetering erst richtig beleben. Lösungen für Prosumer rund um das Steuern von PV-Anlagen werden zeitnah folgen, sobald die ersten Steuerboxen verfügbar sind. Das Lastenheft dazu ist aktuell von FNN veröffentlicht.

Auf dem Markt für Verbrauchsabrechnung von Heizung, Wasser und so weiter sind bereits viele Unternehmen aktiv, wie sollen hier Stadtwerke punkten?

Vortanz: Die etablierten Submetering-Dienstleister haben keine Erfahrung im Messstellenbetrieb für Strom und Gas. Das ist ein Vorteil für Stadtwerke, die zudem hinsichtlich der Abrechnung bereits in Kontakt mit den Hausverwaltungen stehen.

Zayer: Bisher war man mitunter den etablierten Submetering-Dienstleistern ausgeliefert. Nun kommen als neue Player die Stadtwerke dazu, die Erfahrung im Messstellenbetrieb mitbringen, die Zähler im Zugriff haben und bereits bestehende gute Geschäftsbeziehungen mit der Wohnungswirtschaft besitzen.

Das ist eine Chance für Stadtwerke, die ja gemeinhin als verlässlich gelten und regional einen sehr hohen Bekanntheitsgrad haben.

Zayer: Die Tür ist quasi halb offen. So gesehen ist das Submetering eine gute Chance für Stadtwerke, sich mit Mehrwertdiensten neue Kunden zu erschließen. Neben dem verpflichtenden Rollout ist das die zweite wichtige Komponente der neuen Produktwelt rund um die Smart Meter Gateways.

Vortanz: Etwa in einer Universitätsstadt mit vielen Studenten kann ein Stadtwerk die Verbräuche bei Ein- oder Auszug des Mieters auf Knopfdruck erfassen und abrechnen. Eine enorme Erleichterung für den Vermieter im Vergleich zum Status quo.

Stadtwerk ist nicht gleich Stadtwerk. Wer ist denn typischerweise Ihre Zielgruppe?

Zayer: Wir richten uns vor allem an kleine und mittlere Stadtwerke. Die großen Kommunalversorger sind erfahrungsgemäß personell und finanziell gut aufgestellt und machen vieles in Eigenregie. Wir wollen mit den Voltaris-Angeboten dafür sorgen, dass kleine und mittlere Stadtwerke mit den Branchengrößen mithalten können. Das ist unsere Motivation. Eigenentwicklungen wie etwa für das Submetering sind für ein einzelnes Stadtwerk mittlerer Größe in der Regel nicht machbar. Hier setzen wir an. In unserer Anwendergemeinschaft Messsystem beispielsweise arbeiten mehr als 30 Stadtwerke an der Gestaltung des intelligenten Messstellenbetriebs zusammen. Die Entwicklung von Mehrwertdienstleistungen und Vertriebsprodukten steht dabei ganz oben auf der Agenda.

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KOMMENTAR

Buy British

Mit dem Slogan Buy British wollte in den achtziger Jahren Premierministerin Margaret Thatcher die schwache Konjunktur in Großbritannien ankurbeln. Die Briten sollten ihr Geld für heimische Produkte ausgeben.

Daran sollten Stadtwerke denken, wenn ab 2021 Immobilienbesitzer den Messstellenbetreiber frei wählen. Das lokale Stadtwerk am Ort kennt fast jeder. Viele verbinden damit Beständigkeit, sprich Verlässlichkeit. Das sollten sich die Unternehmen geschickt zunutze machen, wenn sie vor Ort für ihre Dienste werben – es muss ja nicht gleich so staatstragend sein wie bei Maggie Thatcher. hd

Erschienen in Ausgabe: 05/2018