Russland baut Effizienz aus

Erzeugung Um ausreichend Gas und Öl zu exportieren, will Russland Energie sparen. Das Land könnte sich nach China zum zweitgrößten Markt für Kyoto-Klimaschutzprojekte entwickeln.

18. August 2008

»Ökologische Fragen sind eine Sache der nationalen Sicherheit«, erklärte Präsident Dimitri Mewedjew vor Studenten an der staatlichen Petersburger Universität im Juni 2008. Am 4. Juni hatte er den Erlass zur ökologischen und energetischen Effizienzsteigerung der russischen Wirtschaft unterschrieben. Dieser sieht vor, die Energieintensität bezogen auf das Bruttoinlandprodukt von 2007 bis 2020 um 40 % zu senken. Bis Herbst 2008 sollen der Duma Gesetzesprojekte vorliegen, die Anreize für den Einsatz von energiesparsamen und ökologischen Technologien enthalten. Eine Woche darauf kündigte Umweltminister Juri Trutnjew nach dem Besuch seines deutschen Amtskollegen Sigmar Gabriel Ökosteuern an, die in den nächsten fünf bis sieben Jahren eingeführt werden sollen.

Bereits Ende Mai hatten auf der Russian Power Generation 2008 in München etwa 120 russische Unternehmens- und Politikvertreter über die Reformergebnisse der RAO UES diskutiert. Nach Einstellung des Geschäftsbetriebes der RAO UES zum 1. Juli 2008 seien neben Infrastruktur- und Koordinationsmaßnahmen effizientere Kraftwerke nötig, um den steigenden Inlandsbedarf (etwa 7 % bis 2020) zu decken, das Wirtschaftswachstum zu gewährleisten und Ressourcen zu schonen. Vor allem stimuliere der wachsende Gaspreis die Modernisierung der russischen Kraftwerke, erklärte Igor Koschuchowski von der Agentur für Elektrizitätsprognosen und -bilanzen (APBE).

Hohe Einsparpotenziale bestehen laut der RAO UES und Siemens in der Umrüstung der russischen gasbefeuerten Dampfturbinenkraftwerke, die teils über zwanzig Jahre alt sind. Durch das Siemens Repowering System (SRS) mittels zweier Gasturbinen des Typs ›SGT5-4000F‹ mit einer Leistung von 285 MW lässt sich der Wirkungsgrad von 38 bis auf 58 % steigern, so die Unternehmen. Die Effizienz erhöht sich bei diesem Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerkskonzept auf 800 MW.

Referenzprojekt in Kirishi

Der Ressourcenverbrauch und die spezifischen CO2-Emissionen pro erzeugter Kilowattstunde sinken um je 30 %. So liefert Siemens im Auftrag von Power Machines für das 6-mal-300-MW-Dampfturbinenkraftwerk Kirishi, 120 km östlich von St. Petersburg, zwei Gasturbinen, zwei Generatoren, Elektrotechnik und Hilfssysteme. Kirishi soll als Referenzkonzept für weitere Umrüstungen dienen.

Um die Einführung effizienzsteigernder Kraftwerkstechnologie und erneuerbarer Energien in der Strom- und Wärmeerzeugung zu fördern, arbeitet der Energy Carbon Fund, 2001 von der RAO UES gegründet, an Joint-Implementation(JI)-Klimaschutzprojekten auf Basis des Kyoto- Protokolls. Nach der erfolgreichen Durchführung von JI-Projekten erhalten ausländische Investoren Emission Reduction Units (ERU), die sie sich auf ihre Emissionsbilanz gutschreiben lassen können. Der geschätzte Preis für ein ERU liegt in Russland bei etwa 10 €. Seit Ende Juni 2008 ist das Land offiziell berechtigt, JI-Projekte durchzuführen.

E.on Climate & Renewables will nach eigenen Angaben mithilfe seines Knowhows in CO2-Reduktionsprojekte in ausgesuchten Ländern investieren, um dort eine führende Marktposition zu erzielen. Dabei gilt Russland als ein Schwerpunktland, da es laut E.on signifikante Reduktionsvolumina generieren kann.

»Russland könnte, betrachtet man allein das Potenzial für Emissionsreduktionen, nach China der zweitgrößte Markt für Kyoto-Klimaschutzprojekte werden«, unterstrich Thomas Kleiser vom TÜV Süd. Dafür müsste das nationale Genehmigungsverfahren in Russland – ähnlich zu China aufbauend auf den Erkenntnissen laufender Prüfverfahren – beschleunigt und praxisnah angepasst werden und das Supervisory Committee des UN-Klimasekretariats die ersten russischen JI-Projekte unter Track 2 noch in 2008 genehmigen, um dem Markt die Funktionsfähigkeit des JI Track 2 Systems zu demonstrieren. Eine wichtige Voraussetzung sei zudem, dass möglichst bald ein Nachfolgesystem für das Kyoto-Protokoll beschlossen wird, das sichtbar macht, dass auch nach 2012 JI-Projekte möglich sind. TÜV Süd ist aktuell mit der Determinierung von mehr als 30 der etwa 80 beim russischen Klimasekretariat angemeldeten Klimaschutzprojekte betraut.

Auf der Embiz Moscow 2008 sind JI-Klimaschutzprojekte in Russland zentrales Thema. Dr. Petra Opitz von der Deutschen Energie-Agentur (dena) wird dort die neuesten Ergebnisse aus der Arbeit der JI/ CDM-Projektvermittlungsstelle, die im Juni 2008 gegründet wurde, vorstellen. Zugleich präsentieren Regionalvertreter Projekte und Investitionsmöglichkeiten. »Gerade die Regionen bieten viel Potenzial, um JI-Projekte auf den Weg zu bringen. Erneuerbare Energien wie Biomasse können lokal stärker genutzt werden«, so Johannes Häring von der Ost-West Partner GmbH, die in Kooperation mit dem russischen Energieministerium die Embiz Moscow organisiert. Der Anteil der Erneuerbaren (mit Wasserkraft bis 25 MW) an der Elektrizitätserzeugung beträgt 2008 laut APBE 0,9 %. Bis 2020 könne er verfünffacht werden. Bestimmungen zu Förderkriterien und Energiepreisen aus Erneuerbaren sind beim Energieministerium in Arbeit.

Dach: MESSE

Embiz Moscow 2008

Politik und Wirtschaft setzen in Russland zunehmend auf Energieeffizienz. Die Embiz Moscow bietet daher vom 5. bis 7. November 2008 eine Geschäftsplattform für internationale Firmen und mehr als 50 russische Regionen. Investitionsvorhaben und neue Technologien stehen im Fokus.

Erschienen in Ausgabe: 7-8/2008