Schieflage im System

Strom- & Gasmarkt

Bilanzausgleich - Haushaltskunden zahlen aus Sicht der Industrie nur einen Bruchteil der Regelenergie – auf Kosten der großen Gasverbraucher.

30. November 2009

Nach der Bundestagswahl rückt die Novelle der Gasnetzzugangsverordnung (GasNZV) erneut auf die Agenda. Mit einem Referenten-Entwurf dürfte noch in diesem Jahr zu rechnen sein, so schätzt Stefan Ohmen, Geschäftsführer der Aachener Stawag Netz.

Der Regulierungsbedarf scheint bei den Netzbetreibern erst einmal gedeckt zu sein. Man hofft auf ein Innehalten und gesetzliches Festzurren bestehender Regelungen. »Langsam sollten wir uns auf einen Konsolidierungsweg begeben und die Regulierung, so wie sie jetzt ist, erst einmal wirken lassen«, sagte Ohmen beim Euroforum-Regulierungskongress in Berlin.

Eckpunkte der geplanten Novelle hatte das Bundeswirtschaftsministerium bereits im Frühjahr vorgestellt. Die Zahl der Marktgebiete soll danach weiter reduziert werden, auf jeweils eines für H-Gas und für L-Gas. An ein neues Vergabesystem für Netzkapazitäten und Verbesserungen im Regelenergiemarkt ist ebenso gedacht wie an Zugangserleichterungen für Gaskraftwerke und Speicher.

Es soll eine schlanke Verordnung werden, die lediglich Leitlinien setzt und Raum für regulatorische Prozesse lässt. Dass damit auch ein Bürokratieabbau, also eine Verringerung der Veröffentlichungs- und Berichtspflichten verbunden ist, hofft die Netzbetreiberseite.

Über die Grundpfeiler der Novelle dürfte auch nach der Wahl noch politischer Konsens bestehen, erwartet Ohmen – »vor allem, was das Festschreiben und Rechtssichermachen existierender Regelungen betrifft«. Aus kommunaler Sicht sei Rechtssicherheit entscheidend, denn in ihrer aktuellen Fassung sei die Verordnung von der Regulierungspraxis weit entfernt.

Unter anderem finde sich der Regelenergiemarkt, wie er derzeit gehandhabt wird, dort nicht wieder. Wichtig sei deshalb, dass die Bestimmungen der Bundesnetzagentur (BNetzA) zu Ausgleichsenergie und Bilanzierung (GABIGas) in die Novelle eingehen.

»Hoffentlich bleibt es nicht bei dem, was gerade vorliegt, das wäre für die Industrie geradezu unerträglich«, entgegnete Dr. Christof Bauer auf dem Kongress. Für den Chef der Konzern-Energiewirtschaft bei Evonik Degussa wäre es »der GAU, wenn die GABIGas eins zu eins in die Netzzugangsverordnung übernommen würde«.

Quer-Subventioniert

Die Grundregeln des Systems für Regel- und Ausgleichsenergie sorgen laut Bauer dafür, dass die Industrie für Haushaltskunden oder deren Lieferanten mitbezahlen muss. Eine Quersubventionierung, für die jede gesetzliche Grundlage fehle.

Schon in den Verhandlungen zur GABIGas hatten die Industrieverbände davor gewarnt, die kostenorientierte Zuordnung der Entgelte für Ausgleichs- und Regelenergie aufzuweichen. Bauer schob nun Zahlen nach, die belegen sollen, dass Privathaushalte Standardlastprofil(SLP)-Kunden – vom System profitieren.

Nach einer Modellrechnung des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) bezahlt ein durchschnittlicher Versorger von SLP-Kunden nur 57% der Entgelte für Regel- und Ausgleichsenergie, die ein vergleichbarer Industriebetrieb mit registrierender Leistungsmessung (RLM-Kunde) dafür aufbringen müsste.

Der Grund: SLP-Kunden wird von drei Preiskomponenten für den Bilanzausgleich lediglich die Regelenergieumlage berechnet. Damit ist der Regelenergiebedarf finanziell abgegolten. Der eigentlich nötige Tagesbilanzausgleich erfolgt durch Mengenkompensation an den Folgetagen.

RLM-Kunden dagegen werden dafür extra zur Kasse gebeten. Sie zahlen neben der Umlage auch für stündliche Anreize sowie ein Entgelt für den Tagesbilanzausgleich. Dies ergibt ein Plus von 68% auf die Regelenergieumlage, wie der VCI für einen kleinen Chemiestandort errechnet hat.

Selbst für ein branchenübergreifendes Kollektiv aus Chemie-, Stahl und Papierunternehmen mit deutlich geglätteter Lastkurve ergibt sich noch ein Aufschlag von 23%. »Jede auch noch so kleine Abweichung in der Tagesmenge wird pönalisiert«, für Bauer »eine bemerkenswert ungleiche Sicht der Dinge«.

Darauf hat auch der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) hingewiesen. So beliefen sich etwa im Marktgebiet NetConnect Germany (NCG) der E.on Ruhrgas die Mehrkosten für einen Industriekunden mit 500Mio.kWh Gasbedarf pro Jahr auf 175.000€.

Das Problem werde noch verschärft durch die »drastische« Anhebung der Regelenergieumlagen in den sechs Marktgebieten. Beim Spitzenreiter NCG sei der Preis von 0,05€/MWh vor einem Jahr nun im Oktober um das Achtfache auf 0,4€/MWh geklettert.

Die Bilanzkreisnetzbetreiber begründeten den Anstieg im Wesentlichen mit den Abweichungen bei den pauschal abgerechneten Haushaltskunden, berichtet der VIK. Hier passen Prognose und tatsächlicher Gasbezug nur entfernt zusammen. Das vergrößert den Aufwand, um das System stabil zu halten.

Schlechte Lastprofile

Für die Zusatzkosten müsse der genau abgerechnete Industriekunde mit aufkommen. »Die Abrechnung erfolgt über ein von der Bundesnetzagentur geführtes Umlagekonto«, erklärte VIK-Geschäftsführerin Birgit Ortlieb. »Hierbei werden die Industriekunden benachteiligt und überproportional zur Kasse gebeten ein Umstand, den auch die Monopolkommission in ihrem diesjährigen Bericht bemängelt.«

Die Bundesnetzagentur sei aufgerufen, »die Schieflage im System zu beseitigen und damit weiterer erheblicher Diskriminierung von Industriekunden im System GABIGas entgegenzuwirken«.

Dass Standardlastprofile den Gasverbauch von Kleinkunden nicht richtig wiedergeben, hat die KEMA Consulting in einer Studie nachgewiesen.

Typischerweise unterschieden sich die für den Folgetag prognostizierten Bezugswerte um rund 20% vom tatsächlichen Verbrauch. »In Einzelfällen wurden Abweichungen von bis zu 65 Prozent beobachtet«, so Bauer über das von VIK und VCI in Auftrag gegebene Gutachten.

Der größte Teil der Verbrauchsprognosefehler ist der Studie zufolge darauf zurückzuführen, dass die derzeit verwendeten SLP selbst dann ungenau arbeiten, wenn die Temperaturen für den Liefertag richtig prognostiziert wurden.

»Das Problem ist nicht die Temperatur-Ungenauigkeit«, so Bauer. So seien sowohl bei den von der TU München entwickelten synthetischen als auch bei analytischen Lastprofilen erhebliche Abweichungen zu verzeichnen. Die Ursache liege vielmehr in methodischen Fehlern.

Für zusätzlichen Regelenergiebedarf hat die GABIGas laut der Studie mit einer weiteren Neuerung gesorgt: Seit Oktober 2008 reicht es aus, wenn Lieferanten von SLP-Kunden nach prognostizier-ten Tagesmittelwerten statt nach stundenscharfen Prognosen ins Netz einspeisen.

Die Belieferung der Kunden mit konstanten Tagesbändern erhöht den Aufwand des Netzbetreibers für die Strukturierung während des Tages. Laut Bauer entsteht dadurch »in der Spitze zusätzlich ein kumulierter Regelenergiebedarf von zehn bis 15 Prozent der Tagesmenge«.

Auch für Stefan Ohmen sind die SLP-Verfahren »nicht das Nonplusultra«. Aufgrund zahlreicher Fehlerquellen, von der Temperaturprognose bis zum Verbrauchsverhalten der Kunden, sei nicht zu verhindern, dass Ein- und Ausspeisemengen voneinander abweichen.

So sollten Transportkunden die Qualität angewendeter Verfahren kontinuierlich überprüfen und wenn nötig anpassen. Vollständig prognostizierbar seien die vom Bilanzkreisnetzbetreiber in einem Netzkonto saldierten Mehr- und Mindermengen freilich nicht, sagte Ohmen.

So kamen Stadtwerke in einer Untersuchung der Stawag Netz und der Beratungsfirma Kom-Solution auf monatliche Mehr- und Mindermengen, die um bis zu 40% von den am Netzkopplungspunkt gemessenen Werten abwichen. Für die Gasbeschaffung bedeuteten solche Posten ein erhebliches Preisrisiko.

Bessere Daten nötig

Mit dem analytischen Verfahren ließe sich das Risiko deutlich reduzieren, glaubt Ohmen. Denn die auf Basis gemessener Verbrauchsdaten erstellten Lastprofile führten tendenziell zu besseren Netzkontensalden als die auf repräsentativen Kundenprofilen basierenden synthetischen.

Die kommunalen Verteilnetzbetreiber jedenfalls forderten mit Blick auf die Novelle der Netzzugangsverordnung die Beibehaltung und Weiterentwicklung des analytischen Verfahrens.

Wirklich entschärft werde das Problem wohl erst dann, wenn Smart Metering breitenwirksam eingeführt ist, erwartet Ohmen. Fernauslesbare intelligente Zähler dürften die Datenlage schlagartig verbessern und Bilanzabweichungen bei Haushaltskunden verringern. »Das würde auch den Regelenergiemarkt entlasten.«

Die Kritikpunkte der Industrie seien durchaus nachvollziehbar, meinte Ulrich Ronnacker. Allerdings müsse man den Abwägungsprozess der Bundesnetzagentur im Festlegungsverfahren zur GABIGas eben als einen politischen verstehen, so der Bereichsleiter Recht und Regulierung der E.on Gastransport. »Das Bilanzierungssystem ist Energiepolitik und Interessenausgleich.«

Aus Sicht der Netzbehörde zeigt GABIGas die gewünschte Wirkung. Von großer Bedeutung für den Wettbewerb im Massengeschäft sei die Regelung, dass SLP-Kunden keinem Prognoserisiko mehr unterliegen, heißt es im aktuellen Monitoringbericht.

Vor Einführung der neuen Bilanzierungsregeln hätten hier die größten Risiken bestanden, was eine preisgünstige Belieferung erschwerte. Inzwischen habe sich der Marktzutritt für neue Anbieter signifikant erleichtert.

Die Neuregelungen hätten mehr Liquidität in den Markt gebracht, zu stärkerem Wettbewerb geführt und den Transport verbilligt, so BNetzA-Präsident Matthias Kurth: »Den Gasmarkt hat eine neue Dynamik erfasst. Zwar brauchen wir weitere Fortschritte, beispielsweise bei der Reduzierung der Marktgebiete, aber es passiert etwas.«

Hans Forster

Gasmarkt

Großhandel ohne Industrie

Industriekunden sind im Gashandelsmarkt selten anzutreffen. Nach Christof Bauer von Evonik liegt es an den Bilanzausgleichregeln der GABIGas, dass die Unternehmen kaum eigene Bilanzkreise einrichten. 95% der Betriebe haben noch immer Vollversorgungsverträge abgeschlossen, wie vom VIK zu hören ist. Schuld seien auch weitere »Hemmnisse« wie die Zahl der Marktgebiete, beschränkte Kapazitäten an den Kuppelstellen und wenig transparenter Speicherzugang.

Erschienen in Ausgabe: 11-12/2009