Schlingerkurs bei KWK

Erdgas - Bereits beim Wuppertal Institut für Klima und Energie beschäftigte sich Dr. Stephan Ramesohl mit innovativen Energietechnologien. Wir sprachen mit dem Leiter für Forschung und Entwicklung bei E.on Ruhrgas über Förderpolitik und die Zukunft der Mikro- und Mini-KWK.

25. Mai 2010

es: Die Politik hat die Förderung der Mikro- und Mini-KWK gestoppt. Können Sie dies nachvollziehen?

Der Schlingerkurs der Politik bei der Förderung von neuen Heiztechnologien ist absolut nicht nachvollziehbar. Der Stopp des ursprünglich auf zehn Jahre ausgelegten Mini-KWK-Förderprogram-ms Ende 2009 ist vor allem deshalb unerklärlich, weil dieses Programm die gewünschten Impulseffekte erzeugt hat. Die Förderung ist von den Bauherren sehr gut angenommen worden. Seit Herbst 2008 wurden 10.200 Förderanträge gestellt; gut 7.000 Mini-KWK-Anlagen sind seitdem in Betrieb gegangen.

es: Welche Auswirkung hat dies konkret?

Die Politik selbst hat das Ziel aufgestellt, bis 2020 den Stromanteil aus der Kraft-Wärme-Kopplung auf 25 Prozent zu verdoppeln. Wie sie das bei einer Verschlechterung der Förderbedingungen erreichen will, ist schleierhaft. Der Markt hat auf die ursprünglichen Förderzusagen schnell reagiert und kräftig in die Entwicklung neuer Geräte investiert. Die Modellvielfalt hat sich nahezu verdoppelt. Ein Stopp der finanziellen Anreize könnte jetzt jegliches Engagement auf dem Pfad hin zu effizienter Energienutzung gefährden. Für die weitere Entwicklung neuer Mini-KWK-Technologien könnte er das Aus bedeuten.

es: Können diese Argumente in der Politik noch etwas bewirken?

Der Stopp des Mini-KWK-Impulsprogramms wird von Vertretern aller Parteien kritisch gesehen, auch von Politikern aus den Reihen der Regierungskoalition. Gerade in der Anfangsphase ist bei neuen Technologien Kontinuität angesagt. Wir geben deshalb die Hoffnung nicht auf, dass sich die Politik an dieser Stelle eines Besseren besinnt.

es: Welche Vorschläge zur effizienteren Ausgestaltung der Förderung würden Sie der Politik denn unterbreiten?

Wir sehen Veränderungsbedarf auf zwei Ebenen. Erstens muss ein massiver Anstoß gegeben werden, um den zum Teil katastrophal veralteten Heizungsbestand in Deutschland auf Vordermann zu bringen. Rund 80 Prozent der gegenwärtigen Anlagen entsprechen nicht dem neuesten Stand der Technik; sie arbeiten deshalb ineffizient und belasten das Klima.

Eine Modernisierungsoffensive im Heizungskeller ist die zentrale Erfolgsvoraussetzung zur Erreichung der Klimaschutzziele. Zweitens brauchen wir mehr Verlässlichkeit in der Förderung. Kurzfristige Programme oder Programme, die nach kurzer Laufzeit schon wieder gekürzt oder ganz gestrichen werden, sorgen für Unsicherheit – bei Herstellern und Handwerksbetrieben genauso wie bei Verbrauchern. Die Folge ist, dass häufig die notwendige Modernisierung wieder zurückgestellt wird, solange es die alte Heizung noch tut.

es: E.on Ruhrgas hat die Mikro-KWK-User-Group gegründet. Was versprechen Sie sich davon?

Dort kommen Energieversorgungsunternehmen und Stadtwerke zum technisch-fachlichen Erfahrungsaustausch zusammen. Das gemeinsame Ziel ist, die Markteinführung von Mikro- und Mini-KWK-Anlagen voranzutreiben. Die EVU wählen in ihrem Versorgungsgebiet geeignete Wohngebäude aus, in denen wir unterschiedliche Geräte testen. Unser Bereich Forschung und Entwicklung begleitet den Betrieb mit umfangreichen messtechnischen Analysen. Die Ergebnisse stellen wir dann Heizgeräteherstellern zur Verfügung, um sie bei der Weiterentwicklung der Technologie zu unterstützen.

es: Wie wird das Angebot der User-Group von den Versorgern angenommen?

Es stößt auf positive Resonanz. Zu unserem zweiten Treffen im Februar dieses Jahres kamen bereits 50 Teilnehmer. In den nächsten vier Jahren sollen rund 250 Anlagen im Feldtest erprobt werden. Für die Stadtwerke bietet die Teilnahme an der User-Group den Vorteil, sich direkt mit der neuen Technologie vertraut zu machen und die Entwicklung mitgestalten zu können. Zudem eröffnet sie neue Absatzwege, etwa durch das Angebot von Energiedienstleistungen.

es: Was haben Sie auf der kommunikativen Ebene sonst noch geplant?

Wir kooperieren etwa mit dem Fachverband Sanitär Heizung Klima NRW und bieten dort beispielsweise einen Pilot-Fernlehrgang Kraft-Wärme-Kopplung an. Für die Endkunden haben wir unser Programm erdgas.on neu aufgelegt. Gemeinsam mit unseren Großhandelskunden beraten wir interessierte Verbraucher zum Thema KWK und fördern sie bei ihren Investitionen in neue Erdgastechnologien. Privatpersonen, die in ihrem Haus eine Mikro-KWK-Anlage einbauen, erhalten eine Gutschrift über 20.000kWh Erdgas. Das Förderprogramm startet am 1. Oktober 2010.

es: Das Thema KWK ist komplex und erklärungsbedürftig. Wie weit ist es beim Endkunden denn heute überhaupt schon präsent?

In größeren Objekten, Mehrfamilienhäusern und Gewerbebetrieben hat sich das Prinzip der KWK bereits bewährt. Jetzt wird die stromerzeugende Heizung auch für den Einsatz in Ein- und Zweifamilienhäusern weiter entwickelt. Das ist noch neu und bedarf der Kommunikation durch die Industrie, die Handwerksbetriebe im SHK-Bereich und durch die Kundencenter von Stadtwerken und EVU.

Grundsätzlich steht eine große Mehrheit der Verbraucher einer Dezentralisierung der Energieerzeugung positiv gegenüber, wie auch eine Forsa-Umfrage Anfang des Jahres feststellte. Das können wir aus unseren Gesprächen mit Endkunden auf Messen und bei ähnlichen Veranstaltungen bestätigen: Das Interesse am Thema Mikro- und Mini-KWK ist sehr groß. Die Menschen wollen mehr darüber erfahren.

es: Damit haben Sie aber noch keine Anlage verkauft. Steigt auch die Bereitschaft zu investieren?

Grundsätzlich steigt das Interesse an innovativen Technologien. Die Bereitschaft, auch konkret in neue Heiztechnologien oder andere energetische Sanierungsmaßnahmen zu investieren wird dann zusätzlich gestärkt, wenn sie sich nachweisbar lohnen. Eine sinnvolle Förderpolitik kann diese Bereitschaft natürlich unterstützen. Daneben sind die Sachargumente entscheidend: Die Einsparung von 40 Prozent Primärenergie mit einer Mini-KWK-Anlage wirkt bei steigenden Energiepreisen überzeugend.

es: Ein wichtiger Aspekt hier ist der Return on Invest. Was antworten Sie den Endkunden bei konkreter Nachfrage?

Wie die Preisgestaltung nach der Markt-einführung aussieht, ist derzeit schwer zu sagen. Das hängt einerseits von der Marktentwicklung ab. Und wie bei anderen Techniken, die mit höheren Investitionskosten verbunden sind, wie Elektrowärmepumpen oder Pelletkessel, kommt es auch ganz entscheidend auf die weitere Förderpolitik an. Rein technologisch betrachtet ist die Kraft-Wärme-Kopplung eine besonders wirtschaftliche Art der Energieversorgung von Gebäuden. KWK-Anlagen setzen 90 Prozent der eingesetzten Energie in nutzbare Energie um. Die Einsparung von 40 Prozent Primärenergie ist schon ein beträchtlicher Return on Invest.

es: Wirkt sich dabei die relativ hohe Förderung von Solarthermie in Verbindung mit Gasbrennwerttechnik in diesem Bereich nicht nachteilig aus?

Nein, die Mikro-KWK ist ja noch nicht vollständig marktreif. Wer aktuell vor der Entscheidung steht, seine alte Heizung auszutauschen oder im Neubau eine neue Anlage zu installieren, ist mit der Gasbrennwert-Heizung derzeit am besten bedient. Die Gasbrennwert-Technik ist allein oder in Kombination mit Solarthermie unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten die im Moment günstigste Option für Modernisierer und Bauherren.

es: VW hat mit seinem Zuhause-Kraftwerk für viel Aufsehen gesorgt. Behindert das Ihr Geschäft oder erwarten Sie sich eher eine Belebung durch die aufgekommene Beachtung des Themas?

Eher Letzteres. Das Projekt macht deutlich, welches Potenzial in der KWK-Technologie steckt. Und es bereitet die Menschen auf das neue Zeitalter der Energieversorgung vor, das durch den Einsatz erneuerbarer Energien sehr viel dezentraler organisiert sein wird.

es: VW ist dabei eine exklusive Partnerschaft mit Lichtblick eingegangen. Können Sie sich diese Art von Exklusivität auch für E.on Ruhrgas vorstellen?

Partnerschaften mit dem Ziel, Innovationen in den Markt zu bringen, sind sinnvoll und notwendig. Alleine kann das kein Unternehmen schaffen. Auch wir arbeiten in Projekten und Initiativen mit der Geräteindustrie, dem Handwerk, mit EVU und Verbänden eng zusammen, wie zum Beispiel im Rahmen unserer User-Group Mikro-KWK. Entscheidend ist, dass wir zügig ein breites Angebot im Markt etablieren.

es: Eine noch neuere Technologie ist die Brennstoffzelle. Wie kommen Sie hier insbesondere im Callux-Projekt voran?

In unserem Kompetenzcenter Anwendungstechnik arbeiten wir an verschiedenen Lösungen hocheffizienter Gastechnologie. Es ist ja gerade der große Vorteil von Erdgas, dass es als klimaschonender Energieträger für viele Zukunftstechnologien einsetzbar ist. Der Praxistest von Brennstoffzellen-Heizgeräten im Callux-Projekt, in dem wir mit weiteren EVU und führenden Heizgeräteherstellern zusammenarbeiten, verläuft planmäßig.

Vita

Stephan Ramesohl

Nach dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens sowie der Volkswirtschaft und der Promotion war er von 1994 bis 2007 Wissenschaftler am Wuppertal Institut für Klima Umwelt Energie, zuletzt als stellvertretender Direktor einer Forschungsgruppe.

Seit Oktober 2008 ist er Bereichsleiter Forschung und Entwicklung der E.on Ruhrgas AG, davor war er Bereichsleiter Anwendungstechnik. Er leitet die Entwicklung von Gastechnologien und die Optimierung von Bioerdgasanlagen.

Erschienen in Ausgabe: 05/2010