»Schlüssel zur schnellen Lösung«

Netzausbau Erdkabel statt der ungeliebten Freileitung – lässt sich so der gordische Knoten durchschlagen? Ob die in vielen Fällen teurere auch die schnellere Lösung ist, muss sich zukünftig erst noch zeigen.

24. April 2008

Der ›Wachstumsbremse‹ Stromnetz widmete die deutsche Ökostromlobby unlängst einen Nachmittag ihrer Jahreskonferenz Erneuerbare Energien. Auf dem Podium neben Matthias Kurth, dem Präsidenten der Bundesnetzagentur (BNetzA), E.on-Netz- Chef Dr. Urban Keussen und dem Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie (BWE), Ralf Bischof, kam die SPD-Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn zu Wort. In ihrem Wahlkreis, dem windkraftgeprägten Ostholstein, wartet zwischen Lübeck und der 1.000-Seelen-Gemeinde Göhl seit mehreren Jahren eine 50 km lange 110-kV-Freileitung zum Abtransport der Windenergie auf ihre Realisierung. Möglicherweise vergeblich, denn vor Ort wäre eine Überlandleitung nicht gern gesehen. Nicht nur bei den Anliegern und der Bürgerinitiative ›Pro-Erdkabel‹, auch im Kreis- und Landtag wird fast einmütig gefordert: Die Leitung gehört in den Boden. »Die Investitionskosten sind doch nur marginal höher«, sagt Frau Hagedorn und fragt: »Warum, Herr Keussen, wehren Sie sich derart gegen Erdkabel?« Mit den Planungsunterlagen für das Raumordnungsverfahren hatte der Übertragungsnetzbetreiber im letzten Dezember lediglich die Freileitung beantragt und auf die in der Region favorisierte Kabelvariante verzichtet – wohl wissend, so Hagedorn, »dass dies der Schlüssel zu einer schnellen Lösung wäre«. Ein Zusammenhang, an den man zumindest in Niedersachsen glaubt: Infolge mangelnder Akzeptanz oberirdischer Stromtrassen hat das Land der Untertageverlegung auf weiten Strecken den Weg geebnet. Nach dem Erdkabelgesetz müssen neue Freileitungen mit mehr als 110 kV zu Siedlungen und einzelnen Häusern mindestens 400 beziehungsweise 200 m Abstand halten und dürfen Landschaftsschutzgebiete nicht durchqueren.

Einige bereits abgesteckte Strecken muss E.on Netz nun neu planen und teilweise unterirdisch ausführen. Keussen: »Jetzt beobachten wir mal, ob wir das St.-Florians- Prinzip damit wirklich lösen können und eine Beschleunigung kriegen.« Sein Unternehmen, so Keussen, sei weder für noch gegen Kabel. »Wir setzen um, was der Gesetzgeber fordert.« Bundesweit seien das in der Hoch- und Höchstspannung gewöhnlich Freileitungen. Die große Ausnahme ist ein 20 km schmaler Küstenstreifen. Hier können laut Infrastrukturplanungsbeschleunigungsgesetz auch Erdkabel zum Einsatz kommen, allerdings, so die Interpretation der BNA, nur zur Anbindung der Windenergie auf See, nicht für Onshore-Anlagen. Die Einschätzung der Netzagentur wiegt einiges. Denn keineswegs ist es so, wie im niedersächsischen Landtagswahlkampf fälschlicherweise angeklungen war, dass der Netzausbau aus Konzerngewinnen finanziert wird. Selbstverständlich bezahlt der Stromverbraucher, und mit der Genehmigung der Netzentgelte entscheidet letztlich die BNetzA über Art und Umfang des Invests.

Zickzack-Trassen befürchtet

Mehrkosten für Erdkabel erkennt die Behörde in den allermeisten Fällen nicht an. Dafür fehlten die gesetzlichen Grundlagen. So reicht auch die Netzagentur den schwarzen Peter weiter. »Wir sind nicht die Planfeststellungsbehörde«, sagt Matthias Kurth. Dort, wo Planungsämter die Erdverkabelung befürworten, etwa an »naturschutzsensiblen Stellen« wie dem Thüringer Rennsteig, werde sich die BNetzA »nicht gegen pragmatische Lösungen sperren«. Allerdings seien Tourismus oder landschaftliche Schönheit sehr vage Kriterien, gibt Kurth zu bedenken. Man müsse genau abwägen und vorsichtig sein, vor allem dürfe man »die Leute nicht hellhörig machen«. Denn dies könnte einen Dominoeffekt auslösen: »Kriegen wir dann 20 oder 30 Rennsteige?« Das Akzeptanz-Problem sei der Netzagentur bewusst. Doch gebe es, wie frühere Debatten zeigen, wirksame Strategien, damit umzugehen. Den Widerstand gegen Mobilfunk-Masten habe die Politik einst ausgesessen, Grenzwerte belassen wie sie sind, und sei damit gut gefahren: »Die Debatte ist wieder abgeebbt.«

Die BNetzA hat »kein Interesse an einem Flächenbrand gegen Freileitungen«, und so gilt ihr der niedersächsische Vorstoß als »ein von politischem Opportunismus getriebener und von Sachkenntnis wenig getrübter«. Durch die Abstandsregelung müssten Stromtrassen künftig womöglich im »Zickzack« angelegt werden, lästert Kurth. Zudem sind Untertagetrassen deutlich breiter, auch unterscheidet sich ihr Bodenbewuchs von dem der Umgebung – das Erdreich erwärmt sich dank der Stromkabel, an der Oberfläche werden etwa 2 °C mehr gemessen. Nicht jeder würde bei einer Erdverkabelung in großem Maßstab »Hurra schreien«, prophezeit Kurth. Daher sei zweifelhaft, ob der Faktor Boden die gewünschte Beschleunigung bringt. Welches die schnellere Lösung ist, müsse angesichts des dringenden Ausbaubedarfes nun schnell und nüchtern geklärt werden – eben nicht als »Gegenstand eines Bauchgefühls«. Gegen »eine sachgerechte Debatte« hätte auch der Bundesverband Windenergie nichts einzuwenden. Differenzieren sollte man vor allem bei den Kosten, empfiehlt Geschäftsführer Bischof. In der Hochspannung sei mit maximal 20 % Mehraufwand zu rechnen.

In manchen Fällen liegen die Gesamtkosten einer Studie der Uni Duisburg-Essen zufolge sogar unter denen von Freileitungen. »Es wäre einfach zu sagen, wir bringen die 110 Kilovolt generell unter die Erde.« Vorteile wie bessere Akzeptanz, Beschleunigung und zeitgerechte Erfüllung der Klimaziele würden etwaige Mehrkosten aufwiegen. Das Erdkabelgesetz wertet der BWE als positives Signal. Allerdings müsste nachgebessert werden, so Bischof, da Kabel bis und einschließlich 110 kV nicht unter die Neuregelung fallen.

Netzausbau nicht notwendig

Im Höchstspannungsnetz sind Kabelsysteme nach der Studie von Prof. Dr. Heinrich Brakelmann derzeit noch deutlich teurer als Freileitungen: Werden Einfachsysteme ersetzt, steigen die Investitionen um den Faktor drei, bei Doppelsystemen sogar um den Faktor sechs. An sensiblen Stellen wie am Rennsteig sollte man dennoch nicht darauf verzichten, rät Bischof. Die Südwestkuppelleitung zwischen Halle und Schweinfurth ist in weiten Teilen heftig umstritten. Für den Abschnitt Vieselbach/Erfurt und Redwitz in Oberfranken haben einige Bürgerinitiativen sowie 30 Gemeinden und Landkreise eine Studie in Auftrag gegeben. Ergebnis: Der Neubau einer 380-kVLeitung durch »das grüne Herz Deutschlands « ist für die Integration der Windkraft auf dem Festland weder notwendig noch wirtschaftlich zumutbar. Es reiche völlig aus, so Gutachter Lorenz Jarass, bestehende Trassen mit bewährter Technik aufzurüsten: Hochtemperaturseile und Temperaturmonitoring. Gleichzeitig müssten an wenigen Tagen im Jahr die Windspitzen gekappt werden. Dieses Einspeisemanagement würde im Mittel weit weniger als 1 % des erzeugbaren Windstroms »aussperren«. Jarass verweist auf das Erneuerbare-Energien- Gesetz, wonach der Netzausbau wirtschaftlich zumutbar bleiben müsse. Selbst bei massivem Zuwachs auf See wäre ein stückweiser Ausbau des bestehenden 380-kV-Drehstromnetzes der falsche Weg, so Jarass an die Adresse der Deutsche Energie-Agentur, die den Leitungsbedarf in ihrer ersten Netzstudie mit 850 km beziffert hatte. Nach Jarass Einschätzung bringt die Zukunft »ein neuartiges Höchstleistungsnetz, das wohl großenteils nicht als Freileitung ausgeführt werden wird«.

»Wo sich eine ganze Region auf die Barrikaden stellt, gehen auch 380 Kilovolt unter die Erde«, rät Ralf Bischof für die Gegenwart. »Die Technologie ist da«, unterstreicht Matthias Kirchner, Vertriebschef des Kabelherstellers Nexans. Die Nachfrage nach 400-kV-Wechselspannungskabeln sei derzeit allerdings eine beinahe ausschließlich internationale. Deutsche Energieversorger verweisen gern auf die geringeren Erfahrungswerte: Während 380-kV-Überlandleitungen seit den 50er- Jahren gebaut werden, gibt es die Kabel mit vernetzter Polyethylen- Isolierung (VPE) für die Höchstspannung erst seit etwa zehn Jahren. Als deutsche Pionierleistung gilt ein 5,4 km langes 400-kV-System, das seit Juni 2000 in Berlin in Betrieb ist. Ein Alleinstellungsmerkmal habe die Freileitung jedenfalls nicht mehr, betont Kirchner. »Es gibt heute mehrere Lösungen.«

Ob Freileitung, VPE-Kabel, gasisolierte Leitung oder Gleichstromsystem, es wird vom Einzelfall abhängen, was gebaut wird. Die Einflussgrößen reichen von der Beschaffenheit des Untergrundes, der die Tiefbaukosten bestimmt, über Streckenlänge und mögliche Spannungsverluste bis hin zur Zahl der Kabel, ob Doppel- oder Dreifachsystem. Neben den Investitionskosten wären die bei Freileitungen höheren Leitungsverluste und der für Kabel geringere Betriebsaufwand zu berücksichtigen. Entsprechende Wirtschaftlichkeitsberechnungen hat das Zentrum für Windenergieforschung der Universitäten Oldenburg und Hannover, Forwind, für die Strecke Ganderkesee (St. Hülfe in Niedersachsen) erstellt. Danach sind Kabelsysteme auf diesem Teilstück im 380-kVVerbundsystem je nach Ausbauszenario für Windkraft und Gesamtnetz 1,6- bis 2,4-mal so teuer wie Freileitungen. Im Normalfall Freileitung und an sensiblen Punkten Kabel, beschreibt Kirchner die »Stoßrichtung« seiner Branche. »Wir können nicht die gesamte dena-Trassenlänge machen, das geht auch technisch nicht.«

Hans Forster

Erschienen in Ausgabe: 05/2008