Schottland sucht Alternativen zum Öl

WIND - Die Ölmetropole Aberdeen wendet sich den erneuerbaren Energien zu. Ein kanadischer Ölversorger wagt den Schritt aufs Meer.

29. September 2005

An der schottischen Küste in Aberdeen hat die Ölindustrie eine lange Tradition hinter sich. Noch immer hängen rund 40.000 Jobs direkt von den Pipelines ab. Die Arbeiter verlassen ihre Stadt, um auf der Shearwater Plattform von Shell oder BP’s Forties Field zu arbeiten. Von 1965 bis zum Jahr 2000 investierte die Ölindustrie in der Nordsee etwa 300 Mrd. € in die Erschließung neuer Vorkommen.

Doch es zeichnet sich unverkennbar das nahende Ende des Ölbooms ab. Kontinuierlich sinkt das Aufkommen. Auf den Forties Fields wurden zur Blütezeit rund 500.000 Barrel am Tag produziert, heute macht die Förderung gerade noch ein Zehntel davon aus. Kein Wunder, dass die Big Player auch über mögliche wirtschaftliche Alternativen nachdenken. Big Player wie Shell und BP unterhalten heute bereits zahlreiche Beteilungen und Projekte, etwa in der Windkraft.

Auf der diesjährigen internationalen Konferenz für erneuerbare Energien in Aberdeen - All Energy - fand kein Geringerer als Lord Oxburgh, Chairman bei Shell Transport, ausgesprochen deutliche Worte: „Der Klimawandel macht mich sehr besorgt.“ Ein Wechsel in Richtung erneuerbare Energien müsse sofort beginnen, da die destruktive Rolle von klimaschädlichen CO2-Abgasen wissenschaftlich nicht mehr strittig sei.

Windreiche Region

Oxburgh legte auf der All Energy konkrete Zahlen auf den Tisch: 280? ppm betrug der CO2-Gehalt in der vorindustriellen Epoche im Jahre 1750. Heute betrage dieser deutlich mehr, nämlich 379 ppm. 75 % gingen dabei auf das Konto der fossilen Treibstoffe, ein Viertel zu Lasten einer falsch orientierten Land- und Forstwirtschaft. „Wir benötigen ein starkes Commitment des Staates, um zur CO2-freien Elektrizitätsgewinnung überzugehen“, fordert Oxburgh.

Bereits heute investiert Shell Renewables größere Beträge im Bereich erneuerbare Energien, weltweit etwa 2 Mrd. € in 2004. Etwa in das kanadische Biotech-Unternehmen Iogen, an dem sich Shell beteiligt, das aus Getreide, Stroh und anderen landwirtschaftlichen Ressourcen Biosprit (Ethanol) gewinnt.

In Großbritannien selbst ist die Nutzung der Windenergie vielversprechend. Die Insel gehört zu den windreichsten Regionen der Welt. Was also liegt näher, als dass sich die Big Player nicht mehr mit Öl ihr Geld verdienen, sondern mit sauberer Windenergie. Shell Wind Energy etwa hat sich bereits an entsprechenden Projekten beteiligt.

Allerdings hat sich im Königreich eine lange Schlange an Projekten gebildet, die teilweise in der Pipeline stecken geblieben sind. Insbesondere die teure Erschließung der Offshore-Windkraft ist noch umstritten. In Schottland liefert noch immer die Öl- und Gasförderung mit rund 3.500 ?MW pro Jahr das leistungsstärkste Energiepaket, gefolgt von Hydro- und Nukleartechnologien. Die Windkraft spielt mit 368 Megawatt installierter Leistung weiterhin eine untergeordnete Rolle.

Ein erstes ausgesprochen ambitioniertes Windparkprojekt auf einer ausrangierten Ölplattform nimmt jetzt der kanadische Ölversorger Talisman Energy in Angriff. Zugute kommt dem Konzern dabei die bereits bestehende Offshore- und Pipeline-Infrastruktur, die eine Wirtschaftlichkeitsrechnung überhaupt plausibel macht.

Weltgrößter Tiefsee-Windpark

In dem rund 25 km vor der schottischen Ostküste gelegenen Beatrice Field soll der größte Tiefsee-Windpark der Welt entstehen. „Läuft alles planmäßig, geht das sauberste Ölfeld in der ganzen Welt im Oktober 2006 in Betrieb“, sagt Alan MacAskill, Projektmanager bei Talisman Energy (UK) Ltd. Rund 20 Mio. € investiert ein Konsortium in das Projekt, in dem auch der lokale Energieversorger Scottish & Southern Energy beteiligt ist. Darüber hinaus sehen Pläne weitere Investments von 75 Mio. € vor, um einen Tiefseepark mit einer Leistung von bis zu 1.000 MW auszustatten.

Aufwändige Planungen

Eine besondere Herausforderung in Beatrice Field sind die Windräder, die in 45 bis 50 m Wassertiefe stehen. So weit hat sich bisher noch kein Projektplaner vorgewagt. Bisherige Offshore-Parks in Großbritannien oder Dänemark stehen allesamt in niedrigem Gewässer vor der Küste. Noch gibt es einige ungeklärte Details in Bezug auf die aufwändige Planungs- und Versorgungslogistik, erläutert MacAskill, aber das Unternehmen ist zuversichtlich, die technischen Herausforderungen in Zukunft bewältigen zu können.

Die leistungsfähigen Windräder soll der deutsche Hersteller REpower aus Hamburg liefern. Für die im vergangenen Herbst in Brunsbüttel fertig gestellte weltweit größte Anlage im Multimegawattbereich (5 M) wäre das Talisman-Projekt ein spektakulärer Härtetest. Verläuft das Projekt im Sollbereich, winken Folgeaufträge im lukrativen Offshore-Exportgeschäft für die Hamburger.

Unterdessen ist noch offen, wie nachhaltig in der schottischen Ölmetropole Aberdeen der ‚wind of change’ in ein neues Energiezeitalter tatsächlich betrieben wird. In der Vergangenheit haben starke Aktivitäten der Kohle- und Atomlobby zu einem Zickzackkurs in der britischen Energiepolitik geführt.

Immerhin, auf der All Energy proklamierten die Veranstalter die Vision einer europäischen „Renewable Metropole“ im Jahr 2050, die den Energiebedarf ausschließlich aus umweltfreundlichen Technologien bestreiten soll.

Bis dahin bleibt jedoch noch viel Arbeit im kleinen Maßstab zu tun. Mit der Aberdeen Renewable Energy Group (AREG) haben die Stadtoberen der Ölmetropole immerhin bereits eine Organisation gegründet, die den Übergang in eine umweltfreundlichere Energieversorgung koordinieren soll. Mitglieder sind Multis wie Shell und BP, aber auch zahlreiche lokale Dienstleister, die Arbeitsplätze in neue Sektoren umlenken könnten, wie Ross Deeptech, SIGEN oder die Offshore Contractors Association.

Lothar Lochmaier

Erschienen in Ausgabe: 09/2005