Menschen

Schritt für Schritt raus aus der Falle

IT - Digitalisierung und Smart City sorgen für Handlungsdruck in Stadtwerken oder Landkreisen. Was als Erstes tun? Prego-services-Geschäftsführer Andreas Tzschoppe-Kölling rät zu Gelassenheit. Städte und Gemeinden sollen möglichst kleine Schritte tun, statt den großen Wurf anzustreben. Getreu dem Motto: Weniger ist mehr.

28. März 2018

Herr Tzschoppe-Kölling, Digitalisierung kann alles heißen, der Begriff ist unscharf. Sie werben mit Utility 4.0, was ist damit gemeint?

Der Begriff drückt Modernität aus und generiert eine direkte Ansprache zur Digitalisierung in der Energiebranche. Hinter Utility 4.0 – einfach machen! verbirgt sich nicht nur unser bedarfsgerechtes Lösungsportfolio, sondern auch der Appell, die Digitalisierung anzugehen. Wir haben uns ähnlich wie Sie die Frage gestellt, wofür Digitalisierung steht. Ausgangspunkt war für uns der BDEW-Kongress 2016, der unter dem Motto Digitalisierung stand. Wir erlebten dort viele Versorger, die zur Digitalisierung mehr Fragen als Antworten hatten.

Wie lautet Ihre Antwort?

Basierend auf den Erfahrungen von 2016 haben wir letztes Jahr eine Studie zum Digitalisierungsgrad in EVU abgeleitet. Dabei haben sich zwei große Bereiche herauskristallisiert. Zum einen werden mit Digitalisierung neue Services für Kunden von EVU kreiert. Zum anderen zielt Digitalisierung auf Commodityleistungen ab. Hier geht es um herkömmliche, nicht oder halb automatisierte Prozesse, die auf eine digitale Plattform gehoben und durchgängig sowie nachhaltig organisiert werden sollen.

Das heißt, offenbar gibt es zwei unterschiedliche Geschwindigkeiten.

In der Tat. Die Branche wird nicht umhinkommen, bei Commodityleistungen das digitale Niveau anzuheben. Ich komme aus der Finanzwelt. Dort wurden schon früh Commodityprozesse digital abgewickelt – die sogenannte Dunkelverarbeitung. Das kennt man in der Energiebranche nur in den klassischen Meter-to-Cash-Prozessen. Dort ist schon ein hoher Grad von Dunkelverarbeitung erreicht, dennoch gibt es noch zu viele Einzelvorgänge, die nachbearbeitet werden müssen.

Was bedeutet das einerseits für die Unternehmen und andererseits für Sie als Dienstleister?

Die Firmen stehen vor der Herausforderung, ihren Kunden etwas Neues und Zielgruppengerechtes anzubieten. Für uns als Dienstleister bedeutet es, den Unternehmen keine Lösungen von der Stange anzubieten, sondern gemeinsam mit den Kunden an einer individuell entwickelten Lösung zu arbeiten, die mit der gesamten Prozesswelt der Kunden harmoniert.

Haben Sie dazu Beispiele?

Zählerwerte vom Kunden in die Abrechnungswelt zu übertragen ist heute kein Hexenwerk mehr. Möchte man komplexere Daten wie zum Beispiel Tarifwechsel oder Einspeise- und Speichereinbauten an den Versorger digital übermitteln, benötigt man individuelle Lösungen.

Ein weiteres Beispiel ist das eigenständige Hausanschlussportal, über das Bauherren ganz flexibel und volldigital bis zur einzelnen Gewerkbeauftragung mit ihrem Energieversorger in Verbindung treten können.

Für Stadtwerke übernehmen wir bei der Netz- und Lieferantenabrechnung Prozessunterstützung und können damit Lastspitzen abfangen, ohne die gesamte Prozesskette zu bedienen. Wir arbeiten mit unseren Kunden komplette IT-Roadmaps aus und konzipieren die Architektur für die nächsten fünf bis zehn Jahre. 

Mit unserem breiten Spektrum können wir für EVU bedarfsgerechte Angebote schnüren, die den unterschiedlichen Digitalisierungsgeschwindigkeiten und Budgets in Unternehmen gerecht werden.

Welche Rolle spielen dabei die bestehenden IT-Systeme, die ein Unternehmen nutzt?

In der Energiewirtschaft machen viele Unternehmen im Kern das Gleiche. In der Regel finden wir aber historisch gewachsene IT-Strukturen, die mit der Zeit um die Kernsysteme herumgebaut wurden und mittlerweile hochkomplex sind.

Wenn Digitalisierung greifen soll, muss der Grad an Komplexität deutlich reduziert werden und verstärkt auf einen Systemstandard zurückversetzt werden. Schritt für Schritt können dann mit bescheidenen Mitteln echte Digitalisierungsschritte umgesetzt werden. Nur so kommt man aus der Komplexitätsfalle heraus, kann Prozesse volldigital abwickeln und vertretbare Kostenstrukturen realisieren.

Der Begriff Smart City steht ähnlich wie Digitalisierung für vieles und wird dadurch beliebig.

Wir setzen uns mit den EVU und Kommunen mit der Aufrechterhaltung beziehungsweise dem Ausbau der Netze auseinander. Wir liefern und betreuen die notwendigen IT-Sicherheitsinfrastrukturen und IT-Netze zur Übertragung sensorisch ermittelter Daten. Dies ist die Basis, damit Smart-City-Ziele erreicht werden können. Bei Smart City stellen sich viele Fragen hinsichtlich der Beschaffung und Logistik sowie der Betreibung von IT-Infrastrukturen. Als Anbieter eines Ein-Lieferanten-Modells sind wir ein sehr attraktiver Partner für eine Smart City.

Was heißt das?

Prego services agiert als alleiniger Lieferant gegenüber der Kommune oder dem Stadtwerk und liefert bedarfsgerecht aus. Der Service ist auch hier sehr breit aufgestellt. Von der komplexen Abwicklung von Projektausschreibungen über Ausschreibungsportale bis hin zur Volldigitalisierung der gesamten Prozesskette „Bestellung – Lieferung – Rechnungsstellung – Verbuchung“ stellen wir passgenaue Lösungen bereit.

Die Verwaltungen in Städten und Kommunen gelten gemeinhin als träge. Strukturelle Defizite würden Entscheidungen be- oder verhindern, heißt es. Wird man damit auch künftig leben müssen, Digitalisierung hin oder her?

Kommunen wie auch Stadtwerke arbeiten mit Hochdruck an ihren Umbaustrategien. Aktuell sind wir in einer Umbruchphase. Mit kleinen Schritten kommt man in der Digitalisierung nicht mehr weiter. Ich begrüße unsere derzeitige Zusammenarbeit mit mehreren Landkreisen, bei der es um ein sicheres Leitungsnetz für die Schulen geht und wie diese Lösung gleichzeitig infrastrukturell in den gesamten Landkreis technisch integriert werden kann. Da Schulen entscheidungsautonom und mit eigenen Budgets ausgestattet sind, geht es erst mal um eine gemeinsame Sichtweise, die in Workshops erarbeitet werden muss.

Das Ziel ist, ein von Landkreis und Schulen gemeinsam genutztes, sicheres W-LAN- und LAN-Netz, auf dem integrative Services wie Lehrer-, Schüler- und Elternportale oder eine integrierte Schulmittelverwaltung aufgebaut werden können. hd

Erschienen in Ausgabe: 07/2018

Schlagworte