Schutz in der Balance

Versicherung von Biomasseanlagen

Anlagen zur Energiegewinnung aus Abfällen und Biomasse waren in den letzten Jahren nur schwer zu versichern. Signifikante Prämiensteigerungen und Leistungseinschränkungen waren die Folge. Eine vorausschauende Risikoabwägung hilft hier meist schon weiter.

29. Juni 2005

Einerseits führten neue Technik und unerfahrene Betreiber zu vielen Schäden, andererseits deckten traditionelle Versicherungspolicen nur einen Teil der im Schadenfall auftretenden Belastungen ab. In den letzten Jahren hat sich der Versicherungsmarkt weltweit verhärtet. Signifikante Prämien­steigerungen und Leistungseinschränkungen waren die Folge.

Entscheidend für die Deckungszusage und die Versicherungskosten ist die nachweisbare Vermeidung von Risiken vor Ort, heißt es bei Marsh, einem im Versicherungs- und Risikomanagement tätigen Unternehmen. Um die Risikokosten auf ein Optimum zu bringen und auch dort zu halten, müßten sich die Sicherheitsmaßnahmen und der eingekaufte Versicherungsschutz in der richtigen Balance befinden. Während die behördlichen Auflagen im Rahmen des Genehmigungsverfahrens vor allem den Schutz von Personen und Umwelt im Auge haben, geht es den Versicherern primär um den Schutz der Anlage.

Ohne eine Anpassung der Sicherheitseinrichtungen und des Brandschutzes an den Stand der Technik gibt es keinen umfassenden Versicherungsschutz. Dr. Michael Härig, Teamleiter Power bei Marsh: „Die meisten Banken machen heute zur Absicherung der Kredite Versicherungen zur Voraussetzung, damit im Schadenfall der Kapitaldienst sichergestellt ist. Die selektive Auswahl der Versicherer führt dazu, daß nur noch erprobte Technik versichert wird und nicht wie früher experimentelle Anlagen.“

Neben Versicherungen gebe es jedoch weitere Maßnahmen zur Risikoreduzierung. „Bei umfangreichen Investitionen, wie Erweiterung oder Neubau eines Kraftwerkes, empfehlen wir, eine Risikoberatung möglichst früh durchzuführen“, sagt der Versicherungsexperte. Je früher der Brandschutz einbezogen werde, desto leichter lasse er sich später umsetzen. Marsh dürfe zwar keine Rechtsberatung erteilen, könne aber bei der Durchsicht von Lieferverträgen durchaus erklären, wo Kunden nicht in den Versicherungsmarkt transferierbare Gefahren zu tragen hätten.

Dies wirke sich schlußendlich positiv auf die Prämien aus. „Die schlechten Erfahrungen führten natürlich zu steigenden Prämien und reduziertem Versicherungsschutz“, sagt Dr. Härig. Er geht aber davon aus, daß durch die Einführung der genannten Voraussetzungen in Anlage und Betrieb die heute akzeptablen Prämien und Bedingungen gehalten werden könnten. (mn)

Interview

„Geringere Prämien bei gutem Brandschutz“

ES: Biomasse- und Müllverbrennungsanlagen lassen sich häufig nur schwer versichern. Was sind die Gründe?

Es liegt eine hohe Brandlast vor. Speziell in den Müllbunkern kommt es häufig zu Selbstentzündungen durch die Reaktion von in den Bunkern enthaltenen Stoffen. Gleiches gilt für die Rauchgasreinigung einer Müllverbrennungsanlage.

ES: Die Policen decken nur einen Teil der Belastungen ab. Bei welchen gibt es Schwierigkeiten?

Die Entschädigungen basieren auf Sachschäden. Kein Versicherungsschutz besteht, wenn ein wichtiger Abnehmer wegfällt oder bei Stillständen aus Gründen, die nicht in der Anlage selbst liegen. Nicht versicherbar ist die Behebung von Mängeln. Hier muß sich der Besitzer an den Hersteller oder Lieferanten der Anlage halten. Die aus dem Mangel folgenden Vermögensschäden sind meistens im Liefervertrag ausgeschlossen und auch nicht versicherbar. Auch sind Vermögensschäden durch Gesetzesänderung nicht versicherbar. Schäden, die heute noch unbekannt sind, können morgen mit Fortschreiten der Wissenschaft vorhersehbar werden. Damit sind sie nicht mehr versichert.

ES: Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Kohlenstoffverarmung an Schweißnähten kann zu Rissen führen, wenn nicht mit besonderen Materialien geschweißt wird. Seitdem dies bekannt ist, sind Schäden an Rohren, die nach den alten Verfahren geschweißt wurden, nicht mehr versicherbar.

ES: Wie hat sich die Anbieterseite in diesem Versicherungssektor ent­wickelt?

Aufgrund der hohen Schadenquoten haben sich viele technische Versicherer aus diesem Marktsegment zurückgezogen. Sie beobachten ihn aber und werden gegebenenfalls wieder zurückkommen.

ES: Was können die Versicherten tun, um ihre Situation zu verbessern?

Wichtig ist ein umfassendes und schlüssiges Risikomanagement. Die sinnvolle Kombination von gefahrenmindernden Maßnahmen und Versicherungen gibt Anlagenbesitzern und Betreibern Sicherheit.

ES: Gibt es bereits Veränderungen?

Es gibt Anzeichen, daß sich der Versicherungsmarkt zum Vorteil der Kunden entspannt. Dies gilt jedoch nicht allgemein und bezieht sich auf sogenannte gute Risiken. Dort, wo ein guter Brandschutz vorliegt, sind Versicherer bereit, dies mit geringerer Prämie zu honorieren. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 04/2005