Schwäbischer Sinn für das Machbare

Markt/Software

Akquisition - Der Ulmer Softwareanbieter Wilken hat den Grevener IT-Spezialisten Neutrasoft übernommen. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer von Wilken, Dr. Andreas Lied, über Neuerungen und Gleichbleibendes.

09. Februar 2009

Der gemeinsam größere Kundenstamm ermöglicht uns eine kostengünstigere und wirtschaftliche Produktentwicklung. Mit 390 Branchenkunden sind wir nun größter Softwareanbieter im Bereich der Energieversorger und können neue Produktlinien stärker vorantreiben. Zudem garantiert die Übernahme unseren Kunden eine hohe Investitionssicherheit.

es: Welche neuen Produktlinien streben Sie konkret an?

Energieversorger drückt der Schuh bei den zahlreichen neuen Anforderungen der Bundesnetzagentur. Hier herrscht mit dem Marktdatenaustausch, dem Unbundling und der kommenden Anreizregulierung ein enormer Änderungsdruck. Zusammen mit Neutrasoft wollen wir hier gemeinsam neue Lösungen entwickeln.

es: Ist damit eine Ausweitung auf andere Branchenfelder verbunden?

Nein, ein mittelständischer IT-Hersteller kann heute nicht alle Branchen abdecken. Daher konzentrieren wir uns auf sechs Kernbereiche, in denen wir kontinuierlich wachsen und zu den jeweils sechs größten Anbietern des Bereiches gehören. Das sind Banken, Krankenversicherungen, Gesundheits- und Sozialwesen, Handel und eben Energieversorgung. Als Anbieter mit Standbeinen in mehreren Branchen ist man natürlich lange nicht so wackelig auf den Beinen wie einer, der allein vom Wohl einer einzelnen Branche abhängig ist.

es: Welche Synergien ergeben sich durch die Übernahme im Einzelnen? Wie wahrscheinlich sind schlankere Strukturen im Personalbestand?

Neutrasoft ist nun Teil der wachsenden Wilken-Gruppe. Statt mit 120 Mitarbeitern betreuen wir die Neutrasoft-Kunden jetzt mit gemeinsam 350 Mitarbeitern. Dabei setzen wir auf einen schwäbischen Sinn für das finanziell Machbare. So werden wir in den nicht unternehmenskritischen Bereichen der Verwaltung, der Buchhaltung und des Marketings Einsparungen vornehmen und Bereiche zusammenlegen. Gleichzeitig wollen wir in für den Kunden wichtige Bereiche wie Entwicklung, Beratung und Service investieren.

es: Wie ist Ihr neues, zunächst etwas widersprüchliches Motto ›Alles bleibt – anders!‹ im Detail zu verstehen?

Es handelt sich im Grunde um zwei Aussagen. Erstens, dass für die Bestandskunden alles beim Alten bleibt. Gleiches gilt für den Standort Greven, die dort entwickelte ERP-Produktlinie und die bekannten Ansprechpartner. Zweitens gibt es Änderungen bei den Zusatzprodukten. Hier planen wir, das Beste aus beiden Welten zu vereinigen. Dies betrifft das Energiedatenmanagement, den Marktdatenaustausch und neue, relevante Themen wie die Anreizregulierung.

es: Sie planen, die von Neutrasoft entwickelte ERP-Lösung ›NTS.suite‹ weiterzuführen. Wo wird dagegen Ihr ERP-System zum Einsatz kommen?

Neutrasoft-Kunden behalten die NTS-Suite, Wilken-Kunden behalten Wilken ENER:GY. Da wird es vorerst keine Änderung geben. Unsere Kunden haben sich ja aus gutem Grund für das eine oder andere System entschieden. Komponenten, die rund laufen und unsere Kunden vollends zufrieden stellen, werden nicht in Frage gestellt. Die Synergieeffekte ergeben sich in den vor- und nachgelagerten Prozessen.

es: Die Lösung von Neutrasoft basiert auf Microsoft. Lässt sich hier eine funktionale Kompatibilität der Systeme herstellen?

Ja, nur die NTS-Suite, das heißt die ERP- und die Abrechnungssoftware von Neutrasoft basieren auf der Microsoft-Technologie. Alle Zusatzkomponenten, wie etwa für den Marktdatenaustausch, hat der Ulmer IT-Spezialist schon in der Vergangenheit in offener Java- oder Open Source-Technologie programmiert. Daher sind diese Komponenten kompatibel zu unserer Lösung. Wir verfolgen hier bewusst einen Best-of-Breed-Ansatz. Wir setzen unser Vertrauen auf Komponenten, die seit Jahren erfolgreich in unterschiedlichen Branchen im Einsatz sind und ihre Leistungsfähigkeit bereits bewiesen haben.

es: Inwieweit wollen Sie beide Lösungen langfristig parallel weiterführen? Ist eine Verschränkung denkbar?

Vereinheitlichung nur der Vereinheitlichung wegen macht keinen Sinn. Im Gegenteil, sie würde unsere Kunden verwirren und ihnen unnötige Kosten aufbürden. Eine Verschmelzung macht daher mittelfristig keinen Sinn. Wir werden beide Lösungen weiterführen. Alle Neuentwicklungen dagegen werden so entwickelt, dass sie in beiden IT-Welten funktionieren. Zudem werden wir einzelne besonders gute Bausteine und Funktionen in beide Systeme integrieren.

es: Halten Sie an dem Namen ›Neutrasoft‹ weiter fest?

Ja. Das aus der Neutrasoft hervorgegangene neue Unternehmen heißt Wilken Neutrasoft GmbH. Das Neutrasoft-Logo werden wir weiterführen. (ds) <

Erschienen in Ausgabe: 1-2/2009