Schwarze Riesen Entwicklung der Energiezukunft CHinas

Markt

Asien - Wie stellen sich China und Indien mit einem hohen und noch steigenden Energiebedarf ihre Energieversorgung von morgen vor und welche Maßnahmen planen sie gegen die mit ihrem ›Energiehunger‹ verbundenen hohen CO2-Emissionen zu ergreifen?

24. August 2011

>Neuesten Schätzungen zufolge werden China und Indien bis 2030 zusammen für 45% des Anstiegs des Primärenergieverbrauchs verantwortlich sein. Während sie jetzt bereits 45% der Weltkohlenachfrage für sich verbuchen, rechnen Experten damit, dass der Zuwachs der Kohlenachfrage in beiden Ländern zusammen bis 2030 bei 80% liegen wird.

Dabei steigt Chinas Energiebedarf neuesten Prognosen zufolge bis 2035 um 75%. Der Grund sei, dass das derzeitige Wirtschaftswachstum des Landes 10 bis 12% pro Jahr beträgt, so Frank Umbach, Senior Associate CESS und Associate Director of EUCERS King’s College. 2009/10 hatte China die USA als weltgrößten Energieverbraucher abgelöst und gilt derzeit als zweitgrößter Rohölimporteur der Welt. Zugleich ist es weltweit der zweitgrößte Stromproduzent.

In den kommenden fünf Jahren will China weitere 108Mrd.$ in den Stromsektor investieren. Dabei kommt Kohle eine Schlüsselrolle zu: Mit 2,9Mrd.t jährlich ist China der größte Steinkohleförderer und zugleich führend hinsichtlich des Kohleverbrauchs ebenso wie der Treibhausgasemissionen.

In den Bau von modernen und effizienten Kohlekraftwerken investiert das Land hohe Summen. Die CCS-Technologie spielt eine wichtige Rolle und wird, wie Umbach sagt, in einem eventuell schnelleren Tempo als in Deutschland erprobt. »Dort werden mehr ›saubere‹ Kohlekraftwerke als in Deutschland und den USA zusammen gebaut.« Aber nur 60% der Kraftwerksneubauten in China erreichten deren Effizienzstufe.

CCS und Effizienz als Strategie

Auch Daniel Vallentin, Projektleiter der Forschungsgruppe ›Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen‹ am Wuppertaler Klimainstitut, weist darauf hin, dass CCS in China seit einiger Zeit eine größere Rolle spielt. Derzeit gebe es bereits recht fortgeschrittene Demonstrationsprojekte sowie eine Anlage zur Kohleverflüssigung, die mit der CCS-Technologie ausgestattet sei. Bei Kohlekraftwerken sei der aktuelle Stand der Subcritical-Technologie längst Standard und Ultrasupercritical-Kraftwerke (USC) würden bereits zugebaut. Die USC-Dampferzeugung ermöglicht eine effizientere Kohlestaubverbrennung.

Chinas derzeitige globale Energieherausforderungen beziehen sich laut Umbach im Wesentlichen auf zwei Bereiche. Zum einen handelt es sich um den Automobilsektor. Obwohl derzeit nur 1,5% der Bevölkerung ein Auto besitzen, absorbiere dieser Bereich ein Drittel der Ölnachfrage des Landes.

Es sei mittlerweile zum zweitgrößten Automarkt der Welt avanciert. Die Gesamtanzahl an Autos sei von 8,5Mio. im Jahr 2000 auf inzwischen 50Mio. angestiegen, was die höhere Ölnachfrage erkläre. Der zweite Bereich ist der Energiesektor. Obwohl China die drittgrößten Kohlevorräte der Welt besitzt, ist das Land 2009 zum weltgrößten Kohlenimporteur aufgestiegen.

Darüber hinaus plane China – trotz Reaktorkatastrophe in Japan – einen Ausbau des Nuklearsektors. Momentan befänden sich 13 Reaktoren im Betrieb, 25 weitere im Bau und 50 weitere in konkreter Planung und es seien bis zu 110 zusätzliche Reaktoren in der weiteren Diskussion. Geplant sei ein Ausbau von derzeit 10GW auf 400GW bis 2050.

Indien noch nicht so weit

Die künftigen Perspektiven sehen nicht gerade rosig aus. »Bis 2035 wird sich die Stromnachfrage in China verdreifachen und das 1,5-fache der heutigen Gesamtkapazitäten der USA erreichen«, so Umbach. Der derzeitige Anteil am weltweiten Primärenergieverbrauch von 70% solle zwar bis 2030 auf 50% reduziert werden. »Dies könnte jedoch womöglich eine Verdoppelung im Volumenbereich und damit der Emissionen bedeuten. In jedem Fall wäre der Ausbau der Kernkraft eine wichtige Voraussetzung dafür, das 50-Prozent-Ziel zu erreichen.«

Hinsichtlich des künftigen Energiemixes in China bemerkt er, dass dieser prinzipiell mit einem großen Fragezeichen zu versehen sei. Bis 2030 könne der Anteil der Kohle auf 50% reduziert werden und ein Ausbau der Kernkraft und des Gassektors sei möglich. 14% könnten von Wasserkraft und Erneuerbaren bestritten werden.

Indien hat ebenfalls mit einer zunehmenden Energienachfrage zu kämpfen. Auch hier dominiert die Kohle mit 92.378MW installierter Leistung. Die Kapazität von Wasserkraft liegt bei 37.367MW, die von Gas bei 17.456MW. Hinsichtlich der Energievorräte ist die Kohle mit 93% ebenfalls dominant.

An Herausforderungen für die künftige, auf Kohle basierende Elektrizitätsversorgung Indiens nennt Jacob Verghese, Managing Director von Evonik Energy Services India, zunächst die Einführung der Supercritical Technologie. Das Problem bestehe jedoch darin, dass die Kosten für solche Projekte 20% über denjenigen für Projekte der Subcritical-Technik liegen. Auch gebe es Defizite bezüglich Produktion und Transport der Kohle. Da die Differenz zwischen heimischer Lieferung und Bedarf 2017 bei 33% liegen werde, seien Importe unumgänglich.

Wichtig sei auch die Minimierung der CO2-Emissionen, denn mit einem Kapazitätszuwachs um 100.000MW werde Indien in den kommenden sieben Jahren zu einem der größten Emittenten weltweit.

Kohlevergasung als Option

Wie Experte Vallentin sagt, geht es dem Land jedoch zunächst darum, die Effizienz des Kraftwerksparks zu steigern, der durchschnittliche Wirkungsgrad liege nur bei rund 30%. Längerfristig sei auch die Erprobung und Einführung von CCS denkbar. Aktuell werde dies jedoch von politischen Entscheidungsträgern äußerst skeptisch beurteilt. Die Kohlevergasung aber werde als wichtige Option gesehen, da indische Kohle auf Grund ihres hohen Aschegehalts flexibel für aufzunehmende Stoffe sei.

Trotz der Dominanz der Kohle als Hauptenergieträger in Indien gibt es auch Faktoren, die die Position dieser beeinträchtigen könnte, sagt Verghese. So könnte die geringe Produktivität des Abbaus in Indien die Preise hochtreiben. Auch könne das Potenzial für Gasreserven an der Ostküste zu verstärkten Investitionen in Gaskraftwerke führen. Schließlich sei die National Solar Mission ein nicht zu unterschätzender Faktor. Bis 2022 strebe Indien 20.000MW an.

An Strategien für die Zukunft nennt Verghese zunächst die Sanierung alter Kraftwerke. Außerdem sei eine Weiterentwicklung küstennaher Kraftwerke anzustreben, um Importkohle besser nutzen zu können. »Große Investitionen werden getätigt werden müssen, um die Produktivität des Kohleabbaus zu verbessern und eine adäquate Versorgung und Preisstabilität sicherzustellen«, so Verghese mit Blick auf die künftige Energieversorgung. Eine Verbesserung der Effizienz existierender Kraftwerken sei unabdingbar. »Zwar werden neu entdeckte Gasvorräte und reduzierte Kapitalkosten für Solaranlagen den Kohleanteil nach 2020 reduzieren. Die Kohle wird jedoch bis mindestens 2020 die entscheidende Ressource für die Stromproduktion sein.«

Anette Weingärtner

Erschienen in Ausgabe: 07/2011