Seilbahnen als Peoplemover

Titelgeschichte

Alpine Technik erobert urbane Anwendungen: Die Hersteller Leitner und Doppelmayr haben bereits einige Peoplemover-Projekte in Metropolen realisiert. Doch müssen die Lift- und Seilbahn-Spezialisten noch viel tun, um mehr Städteplaner überzeugen zu können: Die ordnen solche Systeme unter Freizeit und Tourismus ein – und verkennen so die Möglichkeiten.

22. Mai 2012

> Personentransport - Zwar kennt die Fachwelt die Abkürzung PTS für ›Passenger Transport System‹, doch aus Nordamerika kommend ist der Begriff ›Peoplemover‹ inzwischen auch bei uns gebräuchlich. Er bezeichnet horizontale Systeme, die auf einer relativ kurzen Strecke von einigen Hundert Metern bis zu wenigen Kilometern vollautomatisch viele Menschen transportieren können – vergleichbar mit Aufzügen in hohen Gebäuden. Damit lassen sich stadtgerechte Mobilitätskonzepte als Kurzstrecken-Ergänzung zu bestehenden Nahverkehrsstrukturen aufbauen oder ganz neue Anforderungen des Massentransports lösen.

Erfahrungen mit dieser Art von Transport gibt es im alpinen Wintersport und das mit in vielen Jahrzehnten der technischen Evolution ausgereiften Systemen, die unter extremen klimatischen Bedingungen funktionieren und höchste Sicherheitsanforderungen erfüllen.

Technik aus Südtirol

Es würde also naheliegen, Experten für solche Systeme auch mit Transportaufgaben in Städten oder an Flughäfen zu betrauen. Tatsächlich schaffen Hersteller solcher Systeme mittlerweile zunehmend den Schritt von den Sport- und Freizeitanwendungen in den angestammten Gebirgswelten in neue, urbane Einsatzgebiete. Das zeigt ein Blick auf den Wirtschaftsstandort Südtirol. Dort adaptieren führende Hersteller alpiner Technologien schon seit einigen Jahren ihre Technik für die Anwendung in urbanen Räumen. So hat Leitner aus Sterzing ein solches System am Flughafen Frankfurt/Main installiert. Diese Mini-Metro ist eine Standseilbahn mit zwei Kabinen, die im Pendelbetrieb die Verbindung zwischen dem neuen Business-Komplex ›The Squire‹ und den vorgelagerten Parkhausflächen schafft.

›The Squire‹ ist eine weltweit einzigartige Konstruktion auf 86 Säulen über dem ICE-Bahnhof am Airport und bildet eine kleine Stadt unter einem Dach. Es ist 660m lang, 65m breit, 45m hoch und bietet 140.000m2 Mietfläche. Vom Parkhaus ins Herz des Komplexes dauert die Fahrt mit der neuen Squire-Metro 90 Sekunden. Eingeweiht wurde diese Mini-Metro im März 2012.

Leitner hat erst kürzlich auch die Ausschreibung für einen Peoplemover in Pisa gewonnen. Ab April 2015 soll ein Mini-Metro-System dort den Flughafen ›Galileo Galilei‹ mit dem zwei Kilometer entfernten Bahnhof ›Centrale‹ verbinden. Zwei Kabinen für jeweils 50 Personen sollen dann im 5-Minuten-Takt pendeln und so jährlich 2Mio. Fahrgäste befördern. »Auf der Kurzstrecke zwischen Hauptbahnhof und internationalem Flughafen kann die Standseilbahn ihre besonderen Stärken entfalten«, so Anton Seeber, Leitner-Vorstand.

3.000 Personen pro Stunde

Auch Doppelmayr hat vergleichbare Systeme realisiert. Ebenfalls in Südtirol, am Standort Lana in der Nähe von Meran, fertigte das Unternehmen, das ursprünglich im österreichischen Wolfurt zu Hause ist, beispielsweise das neue Peoplemover-System für Venedig. Das vom Seilbahnhersteller als ›Cable-Liner-Paradeprojekt‹ bezeichnete System verbindet seit 2010 die ›Isola del Tronchetto‹, auf der sich Dienstleistungs- und Bürozentren sowie Parkhäuser befinden, mit dem ›Piazzale Roma‹ am Hauptbahnhof von Venedig. In drei Minuten bewältigt das Shuttle die 900m lange Strecke zwischen der Stadt und der künstlich aufgeschütteten Insel. Stündlich können 3.000 Personen pro Richtung transportiert werden.

Standseilbahnen sind auch im britischen Birmingham und in Las Vegas realisiert. Das erstgenannte System wurde 2002 gebaut und besteht aus zwei parallel laufenden und unabhängig voneinander betreibbaren Standseilbahnen. Die Transportstrecke wird in 90 Sekunden bewältigt. Knapp 1.500 Passagiere können pro Stunde von diesen Systemen bewältigt werden. Der Birmingham International Airport gehört zu den fünf größten Flughäfen von Großbritannien und hat ein Passagieraufkommen von über 7Mio. Passagieren/a. Durch den Bau des Cable Liner Shuttle wurde der Passagierfluss optimiert. In Las Vegas verbindet ein ebenfalls von Doppelmayr gebautes System mehrere am südlichen Strip gelegene Hotels miteinander. Von Gästen der Stadt und den Einwohnern, die in den Hotels und Casinos arbeiten, wird sie als schnelle Verbindung gerne angenommen. Der Cable Liner Shuttle gehört mittlerweile fest zum Stadtbild der Wüstenmetropole. Er war Vorbild für das Birmingham-Projekt.

Automatischer Betrieb

Solche Standseilbahnen sind für den Laien auf den ersten Blick gar nicht von einer herkömmlichen U-Bahn oder Straßenbahn zu unterscheiden. Die Fahrzeuge sind nur kleiner als normale Nahverkehrszüge. Aber sie fahren auf Rädern eine feste Trasse oder einen Schienenstrang entlang. Betreten die Fahrgäste die Kabine, fällt allerdings gleich auf, dass kein Fahrer an Bord ist. Denn die Fahrzeuge hängen gemeinsam an einem Zugseil, das von Antriebsmaschinen in einer der beiden Kopfstationen bewegt wird. Und dort befindet sich auch die Steuerzentrale, von der aus alle sicherheitsrelevanten Teile des Systems überwacht werden und der Betrieb geführt wird. Dabei laufen die Vorgänge ähnlich vollautomatisch ab wie in einem Aufzug.

Am Seil schweben

Auch die klassische Hängeseilbahn oder Gondelbahn wird in städtischen Mobilitätskonzepten immer häufiger eingesetzt. Peter Luger von Doppelmayr: »Mit unseren Stadtseilbahnen schaffen wir eine zusätzliche und unabhängige Verkehrsebene, die nur wenig Ressourcen verbraucht und ähnlich effektiv ist, wie andere Nahverkehrsmittel.« In Koblenz transportierte eine Seilbahn während der Bundesgartenschau 2011 über 5 Mio. Besucher schnell und sicher über den Rhein. Eingesetzt wurde dabei erstmals in einem urbanen Einsatz die Doppelmayr-›3S‹-Bahn. Die Konstruktion der Seilbahn aus zwei Tragseilen und einem Zugseil hat sich bereits im Wintersport unter extremen Wetterbedingungen bewährt: Die beiden Tragseile bilden eine doppelspurige Fahrbahn. Zusammen mit anderen Maßnahmen lässt sich so erreichen, dass die Gondeln auch bei starkem Wind nicht pendeln und die Reise für die Fahrgäste angenehm ruhig verläuft. Hohes Tempo und entsprechenden Durchsatz bei gleichzeitig bequemem und sicherem Zu- und Ausstieg erreichen diese Systeme durch die Technologien, die für den Wintersporteinsatz entwickelt wurden und sich dort seit vielen Jahren bewährt haben.

Elbquerung in der Gondel

Eine solche Bahn soll auch bald die Elbe in Hamburg überspannen und eine Verbindung zwischen einem Musical-Theater und dem Stadtteil St. Pauli schaffen. Trotz dieser schlagenden Beispiele und ihrer erkennbaren Vorteile bleibt für die Seilbahnspezialisten noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, um bei Verkehrs- und Stadtplanern ernst genommen zu werden. Luger: »Seilbahnen verbinden viele Menschen immer noch mit Tourismus und Freizeitspaß und nicht mit einer ernsthaften Alternative im urbanen Transport.«

Dabei haben sowohl Leitner als auch Doppelmayr vor allem in Südamerika längst das Gegenteil bewiesen. Dort nämlich wurden Seilbahnen rein aus städtebaulicher Not realisiert und haben sich als Segen für den Stadtverkehr erwiesen. In den kolumbianischen Metropolen Medellin und Maninzales schweben die Passagiere in Leitner-Seilbahnen über die verstopften Straßen und hoch über den Verkehrslärm hinweg von Stadtteil zu Stadtteil. Dabei tragen die Systeme weder zum Stau noch zum Smog bei.

Stadterschließung in Südamerika

Auch Doppelmayr ist bei den Seilbahnen in Medellin vertreten. Sie verbinden vor allem über Jahre hinweg an den Berghängen nahezu ungeplant gewachsene sozial- und strukturschwache Stadtteile mit den Verkehrssystemen im Talboden. Die Bewohner der so erschlossenen Stadtgebiete haben dadurch Zugang zu einer Hochgeschwindigkeitsbahn und weiteren Verkehrsmitteln bekommen. Durch Straßenbau oder Schienentrassen wäre diese effektive Anbindung nicht möglich gewesen. So können mehr Menschen am öffentlichen Leben teilnehmen und zur Arbeit, Schule oder Bibliothek kommen.

Da es nach aktuellen Prognosen bereits 2020 über 40 Megastädte mit mehr als 10Mio. Einwohnern geben wird und 2050 mehr als 70% aller Menschen in Städten leben werden, dürften sich für die Mobilitätstechnologien, die sich an den alpinen Skipisten bewährt haben, zukünftig noch viele urbane Einsatzmöglichkeiten eröffnen. (vt)

Erschienen in Ausgabe: 02/2012