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Stadtwerke Bielefeld errichten GuD-Kraftwerk auf Contracting-Basis

In Eigenregie und Rekordtempo errichten die Stadtwerke Bielefeld auf dem Gelände einer Papierfabrik ein hochmodernes 36-MW-GuD-Kraftwerk. Mit dem Papiererzeuger wurde ein Contracting- Vertrag geschlossen. Das Konzept bietet beiden Partnern Vorteile.

19. November 2004

Wenn auch der Endspurt so reibungslos klappt wie der bisherige Bauverlauf, wird das neue GuDKraftwerk der Stadtwerke Bielefeld auf dem Gelände der Mitsubishi HiTech Paper GmbH (MPB) im Ortsteil Hillegossen schon Anfang Dezember 2004 in den Probebetrieb gehen - nach nur neunmonatiger Bauzeit! Bereits Anfang 2005 soll die im Rahmen eines Contracting- Projekts entstehende Anlage die alten Erzeugungseinheiten ablösen und Strom und Dampf liefern.

In einer Gasturbine mit Abhitzekessel und nachgeschalteter Dampfturbine sowie drei weiteren Dampfkesseln werden voraussichtlich jährlich rund 360 Mio. kWh Wärme und 265 Mio. kWh Strom erzeugt. Mit 33 Mio. € stellt der Kraftwerksbau die größte Einzelinvestition der Stadtwerke Bielefeld in den letzten Jahrzehnten dar.

Für seine Produktionsprozesse braucht der Spezialpapierhersteller Strom und Dampf - auf verläßlicher Basis und zu wettbewerbsfähigen Preisen. Da das aus dem Jahr 1968 stammende alte Kraftwerk nach rund 300.000 Betriebsstunden unausweichlich auf sein Lebensende zusteuerte, galt es eine neue Lösung zu finden.

Nach Abwägung aller Alternativen kamen die Verantwortlichen bei MPB und den Stadtwerken Bielefeld zu dem Ergebnis, daß eine hocheffiziente GuD-Anlage, die von der KWK-Förderung (befristet bis 2010) und der Erdgassteuerbefreiung profitiert, gegenüber einer reinen Sattdampflösung die vorteilhafteste Variante ist.

Bau in Eigenregie spart Zeit und viel Geld

Das neue Kraftwerk besteht im Kern aus zwei Titan-130-Gasturbinen von Solar, die Tuma Turbomach gepackaged und geliefert hat. Mit je 13,2 MWel Generatorklemmleistung sowie einer 9,4-MW-Dampfturbine von Blohm+Voss steht eine maximale elektrische Leistung von knapp 36 MW zur Verfügung. Dieser Strom wird ins Netz der Stadtwerke Bielefeld eingespeist. Die Stromversorgung der Papierfabrik bleibt über das bestehende 110-kV-Netz der Stadtwerke Bielefeld gewährleistet.

Die maximal 105 t/h Dampf, die MPB rund um die Uhr in der Papierproduktion auf zwei Druckebenen benötigt, werden einerseits von zwei neuen Sattdampfkesseln von Bertsch bereitgestellt, die mit einer Feuerungswärmeleistung von je 25 MW zusammen 70 t/h Dampf produzieren. Weitere 35 t/h Dampf liefert der bestehende Baumgarte-Kessel, der als einziger Bestandteil der Altanlage weiter in Betrieb bleibt. Damit ist eine von der Stromproduktion unabhängige Dampferzeugung gewährleistet. Die bis zu 12 t/h Dampf, die MPB im Mitteldrucknetz benötigt, werden bei Vollastbetrieb der GuD-Anlage per Wanderanzapfung aus der neuen Dampfturbine entnommen.

Der Kraftwerksbetrieb ist mit einem Minimum an Personal möglich. In der Anfangsphase wird mindestens ein Mitarbeiter ständig in der Anlage sein. Später ist der Betrieb ohne ständige Beaufsichtigung geplant. Das Kraftwerk läßt sich von der zentralen Leitwarte der Stadtwerke aus ferngesteuern.

Die Stadtwerke, die selbst über umfassendes Know-how beim Bau und Betrieb von Heizkraftwerken verfügen, errichten die Anlage in Eigenregie. Mit Unterstützung der Ingenieurgruppe M aus München wurden Planungen und Ausschreibungen durchgeführt.

„Wir haben alle Lose separat ausgeschrieben“, berichtet Klaus Danwerth, Leiter Fernwärmeerzeugung und Projektleiter beim Bau des Kraftwerks. „Das macht zwar eine Menge mehr Arbeit, verkürzt aber die Bauzeit und spart enorm Geld.“ Gegenüber einem Bau durch einen Generalunternehmer seien 20 % Kostenvorteil die Regel. Nur so sei es möglich, im Rahmen der knapp kalkulierten Investitionssumme zu bleiben. Bislang sehe es so aus, als würde die Rechnung aufgehen. Eine bemerkenswerte Leistung, da allein 2 Mio. € für zusätzlichen Schallschutz für Abhitzekessel und Stahlkamin nötig waren, um die Auflagen einzuhalten.

Besonders vorteilhaft gestaltet sich die Gasversorgung für das Kraftwerk, da die Wedal der Kasseler Wingas GmbH über das MPB-Gelände führt und dort bereits eine Gasdruckregelstation existiert. Die direkte Anbindung an die Wedal-Gas-HD-Leitung ermöglicht die Versorgung der Gasturbinen mit dem erforderlichen Vordruck ohne eine Verdichterstation. Die bislang auf 1,5 bar Druck ausgelegte Regel- und Meßstation muß allerdings umgebaut werden, damit bei Inbetriebnahme die für die Gasturbinen benötigten 30 bar Gasvordruck verfügbar sind. Die 1,5- bar-Niederdruckversorgung wird bestehen bleiben: Zur Gasversorgung der drei Sattdampfkessel und für die Zusatzfeuerung des Abhitzekessels.

Erschienen in Ausgabe: 11/2004