Selbstständigkeit in Gefahr

Aussichten Immer mehr Stadtwerke und regionale Energieversorger sehen ihre Eigenständigkeit gefährdet. Gründe sind sinkende Gewinne, unsichere Geschäftsaussichten und wachsender Wettbewerb auf der Verbraucherseite.

04. September 2007

Nur 18 % der Unternehmen sind angesichts dieser Probleme der Meinung, dass die vollständige Eigenständigkeit zukünftig noch eine erfolgversprechende Perspektive für Stadtwerke und regionale Energieversorger darstellt. Das sind Ergebnisse einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die auf einer Befragung der Vorstände und Geschäftsführer von 100 deutschen Stadtwerken und regionalen Energieversorgern beruht.

Die 900 kommunalen Energieversorger in Deutschland mit ihren rund 140.000 Beschäftigten stehen unter einem wachsenden Druck. Die im Jahr 2005 eingeführte Regulierung der Energienetze hat dazu geführt, dass die Energieversorger ihre Nutzungsentgelte für die Stromdurchleitung der Konkurrenz von der Bundesnetzagentur vorab genehmigen lassen müssen. Im Durchschnitt kam es dabei zu Kürzungen in der Größenordnung von zehn bis 15 % bei den beantragten Strom- und Gasnetzentgelten.

»Die Margen der Stadtwerke sinken, die Einkaufspreise steigen«, stellt Helmut Edelmann, Autor der Studie und Direktor Energieversorgung bei Ernst & Young, fest. Zudem sehen sich die oft kleinen und mittelgroßen Energieversorger einer zunehmenden Marktmacht der großen Energiekonzerne gegenüber.

Aktuell bezeichnen 56 % der Befragten den Geschäftserfolg ihres Unternehmens als gut oder sehr gut. Im Vorjahr lag der Anteil noch bei 71 %, 2005 sogar bei 81 %. Für die Zukunft sind die Unternehmen skeptisch: 90 % erwarten, dass sich die eigene Ertragslage aufgrund der vielfältigen regulatorischen Eingriffe und der Unbundling-Anforderungen verschlechtern wird. Im Durchschnitt erwarten die Unternehmen dabei einen Rückgang ihrer Erträge in Höhe von circa 25 % in den kommenden drei bis fünf Jahren.

Kunden- und Gewinneinbussen

Neben der Regulierung drücke der zunehmende Wettbewerb im Endkundenbereich die Marge, so Gerd Lützeler, Leiter des Bereichs Energieversorgung bei Ernst & Young: »Stadtwerke werden Kunden verlieren und damit Gewinneinbußen haben«. Zudem führe die Entflechtung der Netze bei den Stadtwerken zu einer erhöhten Transparenz zwischen Netzbereich und Vertrieb.

»Der Energiemarkt wird sich in den kommenden Jahren grundsätzlich verändern. Viele Stadtwerke drohen zum Verlierer dieser Umgestaltung zu werden - für einige dieser Unternehmen stellt sich die Existenzfrage«, so Lützeler.

Inländische und ausländische Energiekonzerne sowie Finanzinvestoren wollen die anstehende Konsolidierung der Branche zu ihren Gunsten nutzen. »Viele Investoren stehen in den Startlöchern. Sie sind bereit, als First Mover die notwendigen strukturellen Veränderungen durchzuführen und sich eine günstige Ausgangsposition im anstehenden Konsolidierungsprozess zu sichern«, so Lützeler. Auch einige Energieversorger aus der zweiten Reihe stünden bereit, die sich abzeichnenden Zukaufschancen für einen Wachstumssprung zu nutzen.

Angesichts der anhaltenden Finanznot vieler Kommunen und der künftig eher geringer werdenden Gewinne, die die Stadtwerke abwerfen, wächst in den Kommunen zudem die Bereitschaft, über einen Verkauf der eigenen Stadtwerke nachzudenken.

Die Gewinne aus dem Netzgeschäft werden sinken, wenn die Unternehmen es nicht schaffen, deutliche Effizienzsteigerungen zu erzielen. Diese lassen sich in erster Linie durch Kooperationen erzielen. So sieht die Mehrheit der Stadtwerke (75 %) Netzkooperationen als einzige wirkliche Chance im Netzbereich an. Insbesondere horizontale Kooperationen - also die Zusammenarbeit mit Partnern aus der gleichen Versorgungsstufe - werden als erfolgversprechend bezeichnet (58 %).

»Kooperationen sind allerdings kein Allheilmittel «, betont Edelmann. »Nicht alle Stadtwerke werden es schaffen, auf diesem Weg die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und so die Eigenständigkeit zu wahren.« Einigen Unternehmen wird nichts anderes übrig bleiben, als sich komplett aus dem angestammten Geschäft zurückzuziehen - so bezeichnet jedes zwanzigste Unternehmen sogar den Verkauf des Netzes als Erfolg versprechend.

Wachsende Unzufriedenheit

Die Regulierung wird von der Mehrheit der Unternehmen insgesamt sehr kritisch gesehen. 61 % der Befragten haben negative oder sehr negative Erfahrungen mit der Regulierung gemacht - im Vorjahr lag der Anteil nur bei 34 %.

»Das sich ständig verändernde Umfeld in der Energiewirtschaft und die zunehmende Regulierung führen zu erheblichen Unsicherheiten im Hinblick auf die zukünftigen Rahmenbedingungen, unter denen Stadtwerke und Regionalversorger agieren müssen«, stellt Lützeler fest. Gerade die zahlreichen politischen Eingriffe erschwerten eine langfristige Planung von Investitionen.

Auch in Zukunft wird das Thema Regulierung aus Sicht der Unternehmen eine dominierende Rolle spielen: 92 % der Befragten sind der Meinung, dass sie sich in den kommenden Jahren stark oder sehr stark mit dem Thema Regulierung auseinandersetzen werden.

Die Mehrzahl - 65 % der befragten Unternehmen - ist davon überzeugt, dass die Regulierung nicht das verfolgte Ziel, mehr Wettbewerb auf den Energiemärkten zu schaffen, erreichen wird. Begründet wird dies in erster Linie damit, dass oligopolistische Strukturen nicht beseitigt werden, sondern dass im Gegenteil der anhaltende Konzentrationsprozess zu einer weiter steigenden Marktmacht der Konzerne führen wird. Zudem sind die befragten Unternehmen der Meinung, dass durch den mit der Regulierung einhergehenden Mehraufwand Wettbewerbsnachteile für kleinere Unternehmen entstehen.

Viele kritische Worte zur Entwicklung auf dem Versorgungssektor fielen kürzlich auch auf dem ›Forum für kleinere Stadtwerke‹ in Fellbach bei Stuttgart, das die BGW Kongress GmbH zum zweiten Mal veranstaltete. »Wettbewerb im Energiebereich gibt es nur mit den Stadtwerken und nicht ohne Stadtwerke«, sagte dort Stefan Gläser vom Städtetag Baden- Württemberg. Die »ehemaligen Monopolisten « Stadtwerke müssten wettbewerbsfähig gemacht und erhalten werden, um dem faktischen Oligopol im Energiebereich noch etwas entgegensetzen zu können. »Ansonsten bleibt die Marktwirtschaft auf der Strecke und es gibt nur noch Marktmacht«, formulierte Gläser den Handlungsbedarf.

Nicht Klassenbester als Maß

Als Zerreiß- oder Nagelprobe für die Querverbundunternehmen bezeichnete er die Regulierung und hier insbesondere die Anreizregulierung. Gläser forderte die betroffenen Unternehmen dazu auf, sich gegenüber der Politik für eine »Regulierung nach Augenmaß« einzusetzen, damit »kommunales Wirtschaften mit vernünftigen Rahmenbedingungen und Erlösen zur Sicherung des Wettbewerbs erhalten bleibt«.

Seine konkrete Kritik zielt hier vor allem auf das, was bisher zur Ausgestaltung der Anreizregulierung bekannt wurde. Laut Gläser sollte sich diese am »durchschnittlich effizienten Netzbetreiber« und nicht am »Klassenbesten« orientieren. Eine ausschließliche Ausrichtung am besten Netzbetreiber wäre nicht nur methodisch, sondern auch energiewirtschaftlich höchst problematisch, denn sie verhindere, dass (sehr) effiziente Netzbetreiber durch überdurchschnittliche Renditen belohnt werden könnten.

Auch die geforderten Effizienzvorgaben seien »nicht erreichbar«. Die Absenkung der generellen Produktivitätsvorgabe von 1,5 % pro Jahr auf 1,25 % pro Jahr in der Kabinettsfassung kann laut Gläser nicht akzeptiert werden. Die Absicht der Kabinettsfassung, das vereinfachte Verfahren für kleine Netzbetreiber zu entbürokratisieren, findet zwar seine Anerkennung. Problematisch sei jedoch, dass die kleinen Netzbetreiber sich zu einem Zeitpunkt entscheiden müssen, zu dem »die Auswirkungen noch nicht in voller Wirkung absehbar« seien. (mn)

RegulierungWenig Transparenz

Die Mehrheit der von Ernst & Young befragten Energiemanager übten Kritik an der Arbeit der Bundesnetzagentur. Die Gründe reichen vom ›Eindruck von Willkür bei Vorgaben/Festlegungen‹ (21 % aller Befragten) bis zum hohen Personal- und Kostenaufwand durch die Regulierung (17 %). Als verbesserungsbedürftig wird speziell die Transparenz der BNetzA eingestuft: 56 % bezeichnen sie als intransparent - davon 19 % als vollkommen intransparent - nur 7 % als transparent.

Erschienen in Ausgabe: 09/2007