Sicherer Boden für Linoleum

Technik

KWK - Nicht nur eine Backup-Lösung, sondern auch Strom und Dampf für die Produktion hat Hochtief in Delmenhorst verwirklicht.

02. September 2010

Das neue Gebäude steht vielleicht 300m entfernt. Der moderne Metall-Bau ist in schlichtem Weißgrau gehalten. Der blaue Schornstein blitzt. Nur ein leises Brummen ist aus dem Inneren zu vernehmen. Seit November 2009 läuft die Anlage. Denn das alte 6-MW-Kraftwerk musste zu diesem Zeitpunkt abgeschaltet sein.

»Unsere Aufgabe war: Das alte Kraftwerk zu ersetzen und die Bedford-Anlage dauerhaft und sicher mit Strom zu versorgen«, fasst Helge Fredriksdotter die Herausforderung für Contractor Hochtief Energy Management zusammen. »Der Betrieb musste dabei gleich in Echtzeit klappen, ohne vorherige lange Probe.«

Er ist Betriebsleiter der neuen Anlage auf dem Fabrikgelände des Bodenbelagherstellers Armstrong in Delmenhorst. Als deutschlandweit einziges Unternehmen produziert es Linoleum jährlich deutlich über 10Mio.m². Bei dessen Herstellung wird in einem der ersten Schritte das sogenannte Bedford-Verfahren angewendet. Dabei werden unter Zugabe von Luftsauerstoff unter anderem Leinöl und Harze in einer Trommel vermengt.

»Dieser Anfangsprozess ist exotherm, gibt also Hitze ab. Daher ist ein ständiges Rühren und Kühlen erforderlich. Das ist nur bei einem sicheren Stromnetz möglich, der Prozess muss ständig kontrolliert werden«, erklärt Werkleiter Jürgen Mildner die Wichtigkeit einer unterbrechungsfreien Stromversorgung.

Notstrom-Test bestanden

Dabei ging die Realisierung des Contracting-Projektes relativ schnell: Von der Vertragsunterzeichnung im Juni über den Bau bis zur Inbetriebnahme im November waren es gerade einmal fünf Monate. Da das Werkgelände im bebauten Gebiet liegt, waren zusätzlich hohe Schallschutzanforderungen zu beachten.

Die Anlage besteht unter anderem aus drei BHKW-Modulen mit je 1MWel, die mit Gas betrieben werden. Die Aggregate sind vollkommen redundant aufgebaut und kommunizieren über eine zentrale Anlagensteuerung. Die Netzübergabe findet 300m entfernt vom BHKW statt.

Für die Notstromversorgung der Bedford-Anlage sind 2MW nötig. Falls ein BHKW gewartet werden muss oder ausfällt, kann das dritte einspringen. Ansonsten speist das Kraftwerk die 2MW ins Werknetz ein. Der Vollservice-Wartungsvertrag mit dem Anlagenhersteller MWM läuft über fünf Jahre, danach sollen die drei Mitarbeiter, die das neue Kraftwerk betreuen, diese Aufgabe übernehmen.

Die 550°C heiße Abwärme, die beim Betrieb der BHKW entstehen, nutzen die Energieexperten zur Dampferzeugung in drei Abgaskesseln. Pro Kessel können rund 800kg Dampf pro Stunde ins Werknetz eingespeist werden. Das Wasser dafür entnehmen die Contractoren aus einem nahegelegenen Fluss und bereiten es entsprechend den Normen auf Speisewasserqualität auf. Außerdem liefern sie rund 5m3/h des aufbereiteten Wassers an DLW für deren werkeigene Kesselanlagen zur Dampfherstellung.

Ende September 2009 war der Rohbau fertig, die BHKW eingebracht. Im November kam für die Experten dann der spannende Augenblick: Gemeinsam mit dem Werkleiter starteten sie den Notstromtest. Würden die vereinbarten Leistungen und die großen Lastaufschaltungen sicher gewährleistet? Welche Ausregelzeit würde die Anlage brauchen? Wie würde das Anlaufen aus dem Schwarzstart funktionieren? Neben dem Prüfplan führten sie darüber hinausgehende Tests durch. Das Ergebnis war laut Fredriksdotter gut: »Wir haben deutlich mehr als die vereinbarten Lastzuschaltungen von 320 Kilowatt sicher bewältigt, die Maschinen haben immer durchgehalten. Wir mussten die Anlage abschalten, um überhaupt einen Schwarzstart zu fahren.« (mwi)

Erschienen in Ausgabe: 07/2010