Smart Metering für ganz Europa

Management/Messwesen

Zähler. Auf dem künftig global liberalisierten Energiemarkt liegt ein starker Fokus auf Standardisierung. In diversen nationalen und EU-weiten Gremien wird daran gearbeitet.

30. November 2009

Die Richtlinie 2006/32/EG der Europäischen Union (EU) über Endenergieeffizienz und Energiedienstleistungen und deren Umsetzung in nationales Recht treiben die entsprechenden Bemühungen der Mitgliedstaaten an.

Beispiele hierfür sind das niederländische Nuon Projekt nach dem Dutch Smart Metering Standard (DSMR), die deutsche Open Metering System Specification (OMS-S) oder das EU-geförderte Projekt OPEN meter in Spanien.

Eine erste Analyse der Anforderung zeigt bereits, dass eine einzige Lösung für alle Anwendungen im europäischen Raum nicht bestehen kann, da die Prozesse der beteiligten Marktteilnehmer sowie deren Lösungsansätze zu unterschiedlich sind.

Die geforderte zeitnahe Information des Kunden über sein Verbrauchsverhalten lässt sich über ein Homedisplay oder über ein Web-Portal des Versorgers realisieren. Des Weiteren beeinflusst die bestehende Infrastruktur die Auswahl einer geeigneten Lösung.

In einer urbanen Umgebung kann ein Kommunikationsknoten (Datenkonzentrator) pro Haus wirtschaftlich sein. In dicht besiedelten Wohngegenden können mehrere Haushalte über einen Knoten kommunizieren.

Als Übertragungsmedium für die erste Strecke, die ›Primärkommunikation‹, bieten sich zwei Varianten an: In bestehenden Gebäuden ist Funktechnik meist wirtschaftlicher, für Neubauten kann eine drahtgebundene Realisierung aufgrund der dann reduzierten Installati-onskosten in Betracht gezogen werden.

Im Bereich der Fernkommunikation besitzt GPRS den Vorteil der Verfügbarkeit, die erzielbaren Übertragungsraten liegen jedoch unter der von DSL. Weiterhin sind die Geräte- und Installationskosten für diese Technologie sehr hoch.

In der EU sind Rahmenbedingungen durch das Mandat M/441 mit dem Ziel der Standardisierung einer offenen Architektur geregelt. Ziel dieses Mandats ist die Definition eines Frameworks, bestehend aus Normen zur Datenübertragung in einem europaweiten Smart-Metering-System. Hierdurch ergibt sich eine Wettbewerbssituation, im speziellen bei der Liberalisierung des Messstellenbetriebes.

ETSI, Cenelec und cen beteiligt

Die Bearbeitung des Mandats wird von den drei europäischen Normungsgremien ETSI, CENELEC und CEN wahrgenommen. Mit Repräsentanten der Herstellerverbände Aqua, Fagogaz und der europäischen Vereinigung für Messwesen (WELMEC) wurde die Arbeitsgruppe ›Smart Metering Coordination Group‹ (SM-CG) gegründet.

Die Systemanforderungen werden durch das OPENmeter-Projekt und die European Smart Metering Industry Group (ESMIG) spezifiziert. Die ESMIG setzt sich aus Herstellern aller Systemkomponenten zusammen.

Zwei Ad-hoc-Arbeitsgruppen erarbeiten Standards für die Teile des Mandats. So soll eine Lösung für den Bereich Kommunikation innerhalb von neun Monaten definiert werden. Eine zweite Arbeitsgruppe legt die künftigen funktionalen Anforderungen und deren Abbildung auf das Smart-Metering-Framework in einem Zeitrahmen von 30 Monaten fest.

Die neuen Funktionalitäten sind beispielsweise die Fernwirkung, etwa für Leistungsbegrenzung oder das Zu- und Abschalten dezentraler Erzeuger, Pre-Paid-Systeme sowie die Kontrolle der Versorgungsqualität.

Betrachtet man die nationalen Bemühungen, lohnt sich ein Blick auf die Open Metering System-Specification (OMS-S).

Die in den deutschen Herstellerverbänden ZVEI, Figawa und KNX organisierten Unternehmen haben sich zu einer Open- Metering-Arbeitsgruppe zusammengeschlossen. Die nationalen Systemanforderungen werden durch verschiedene spartenübergreifende Versorger (wie die RheinEnergie) sowie durch einen großen Elektrizitätsversorger festgelegt.

In zwei Expertenteams wurden die Anforderungen bereits über zwei Jahre hinweg diskutiert und die Realisierung durch die OMS-S dargestellt. Der Part 1 beschäftigt sich medienübergreifend mit der System-architektur. Die Kommunikation vom und zum Zähler ist in Part 2 (Primary Communication) gebündelt.

Der Part 3 (Tertiary Communication) besteht aus den Anforderungen an den Datenkonzentrator sowie dessen Fernkommunikation. Die Qualität der Spezifikationen wurde bereits durch einige Unterneh-men bestätigt, die auf dieser Basis serienreife Messgeräte entwickelten. So hat Diehl Metering mit dem Hydrus einen Ultraschall-Wasserzähler mit integrierter Funktechnik nach OMS-S vorgestellt.

Jörg Feuchtmaier, Diehl Energy Solutions

Interview

»Radikale Änderung eingeschliffener Abläufe«

Andreas Bolder von der RheinEnergie AG, zu den ersten Erfahrungen des Energieversorgers mit Smart Metern und zur Möglichkeit neue Tarifmodelle einzuführen.

es: Wie bewerten Sie die ersten Erfahrungen, die Sie mit Smart Metering gemacht haben?

Nachdenken ist hilfreich. Zu bedenken ist, dass Lösungen aus anderen Ländern nur bedingt tauglich für den deutschen Markt sind, da der deutsche Markt durch den Querverbund geprägt ist. Die Wirtschaft ist bereit, neue Wege zu gehen und es werden mittlerweile zukunftsweisende Lösungen angeboten.

es: Worin sehen Sie die größten Vorteile?

Der Einsatz der Technologie bedeutet eine radikale Veränderung alteingeschliffener Abläufe und eine vollständige Modernisierung eines im Grunde 100 Jahre alten Geschäfts.

es: Wo gibt es Verbesserungsbedarf?

Die Menschen denken noch zu stark geräte- und zu wenig prozessbezogen. Auch der Begriff Smart Metering ist unglücklich, da er den Zähler in eine Rolle drängt, die er bei vernünftiger, wirtschaftlicher Betrachtung nicht ausfüllen sollte. Es muss klar werden, dass intelligente Zähler keine Lösung darstellen. Das System muss intelligent sein. Die Funktionen des Zählers beschränken sich auf Messen und Daten kommunizieren.

es: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die noch nicht vorhandende Standardisierung der Kommunikationsstrukturen?

Man muss zwischen der Nahbereichskommunikation vom Zähler zur ersten Datenkonzentrationsebene und der Weitbereichskommunikation über öffentliche oder geschlossene Netze zum Server des Messstellenbetreibers unterscheiden. Die Nahbereichskommunikation muss zwingend standardisiert werden. Durch das Mandat M/441 der Europäischen Kommission ist das aus dem nationalen Einflussbereich verschwunden.

Die Smart Meter Coordination Group, die SMCG, die das Mandat übernommen hat, wird von deutscher Seite kräftig unterstützt. Die Arbeit, die zur Open Metering Sys-tem Specifications OMS-S geführt hat, wird über CEN in die SMCG eingespeist. Über die Weitbereichskommunikation sollte sich die Branche nicht zu sehr Gedanken machen. Es existiert mit dem Internet ein umfassendes Kommunikationsnetzwerk, welches problemlos auch die Zählerdaten übermitteln wird.

es: Einige Experten empfehlen die flächendeckende Einführung in einem Versorgungsgebiet. Was spricht dafür?

Nur mit einer flächendeckenden Einführung können die bisher praktizierten Prozessabläufe vollständig auf die neuen, effektiven und effizien-ten Abläufe umgestellt werden. Deren Kennzeichen sind: keine Systembrüche sowie die höchstmögliche Automatisierung der Abläufe von der Messwerterhebung bis zum Rechnungsversand.

es: Wie verläuft die Schulung der Mitarbeiter auf die neuen Zähler?

Auf die neuen Zähler muss nicht geschult werden. Der Monteur soll es bei der Montage sogar noch einfacher haben als bisher. Mit einem durchgehenden Workforce-Management-System muss der Prozess der Montage unterstützt werden. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter auf die neuen Arbeitsabläufe geschult werden müssen.

es: Welche Chancen bietet Smart Metering im Hinblick auf neue Tarifmodelle?

Die Einführung kommunikationsfähiger Messeinrichtungen eröffnet völlig neue Möglichkeiten der Tarifgestaltung. Da der menschlichen Erfindungskraft keine Grenzen gesetzt sind – das Beispiel aus der Telekommunikation zeigt dies – ist nicht absehbar, in welche Richtung es sich entwickeln wird. Aus technischer Sicht ist heute schon klar, dass beliebig komplexe Tarifstrukturen auf Geräteseite nicht beherrschbar sind. Also wird der Zähler über einen Zählerstandsgang verfügen, aus dem mittels nachgelagerter Tarifierung die Bepreisung erfolgen wird. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 11-12/2009