So geht Pionierarbeit

Interview

Für Schleupen und Soluvia hat der Rollout schon begonnen. Im Projektbetrieb testen sie die Smart Meter Gateway Administration auf Herz und Nieren. Volker Kruschinski und Gerald Hornfeck mit einem Blick zurück nach vorne.

02. August 2016

Herr Hornfeck, viele Netzbetreiber tun bislang nichts und warten auf das Gesetz. Was passiert eigentlich, wenn Versorger am 1.1.2017 nicht startklar sind? Drohen Strafzahlungen oder gar Klagen?

Grundvoraussetzung um finale Investitionsentscheidungen für den Rollout und den Betriebder intelligenten Messsysteme treffen zu können, ist das Inkrafttreten des Messstellenbetriebsgesetzes. Insofern warten viele Versorger noch diesen Zeitpunkt ab.

Wir rechnen jedoch weiterhin damit, dassder Rollout zum 1.1.2017 startet. Solltengrundzuständige Messstellenbetreiber ihrer Verpflichtungen nicht nachkommen droht im schlimmsten Fall die Übertragung der Grundzuständigkeit im Rahmen eines Ausschreibungsverfahrens auf einen dritten Messstellenbetreiber.

Dr. Kruschinski, was müssen beziehungsweise sollten die Unternehmen tun, damit sie die Vorgaben des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende noch fristgerecht umsetzen können?

Das Gesetz hat weitreichende Auswirkungen, die über die digitale Umsetzung der Smart Meter Gateway Administration herausreichen. Durch den Softwareeinsatz alleine wird nur ein- wenn auch sehr zentraler - Teil der gesetzlichen Vorgaben abgedeckt.

Wichtig ist, dass die Unternehmen ihre Geschäftsprozesse an die neuen Vorgaben anpassen. Die Stadtwerke sollten keine Zeit mehrverstreichen lassen und unter strategischensowie wirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden, welche Leistungen sie zukünftigselber erbringen und in welchen Bereichen sie über Partnerschaften und spezialisierte Dienstleister Teilprozesse auslagern wollen.

Ihr Pilotprojekt läuft seit 2015. Welche Erkenntnisse haben sie bisher gewonnen? - Gerald Hornfeck: Die wesentlichen Veränderungen ergaben sich bei den Logistikprozessen von der Auslösung der Bestellung bis zur Rückführung der ausgebauten Altzähler.

Hier steigen die Anforderungen aufgrund der gestiegenen Durchsatzmenge sowie hinsichtlich der elektronischen Bestell- und Lieferprozesse sowie dem Umgang mit Zertifikaten und Schlüsseln. Die gesamte Prozesskette muss neudefiniert werden und auch die Denk- und Arbeitsweise der Mitarbeiter muss sich verändern.

Beruhigend ist allerdings, dass keine IT-Experten für die Installation der intelligenten Mess-systeme benötigt werden, sondern dass diese Aufgabe wie bisher von den Monteuren erledigt werden kann.

Die Energieverbände bemängeln das Fehlen einheitlicher technischer Standards bei den Gateways. Gab es Auswirkungen im Zusammenspiel zwischen den Gateways und der Software?

Die Roadmaps der Gateway-Hersteller sind nicht identisch, und passen nicht zwangsläufig zu denen der Softwareentwickler. So kam es vor, dass Funktionen erst später vollständig unterstützt wurden.

Im Rahmen der Entwicklungen wurden an der einen oder anderen Stelle Abkürzungen genommen, die dann im Zeitverlauf in den Standard überführt wurden.

Dieser Prozess ist bei neuer Technik jedoch völlig normal und hat den Praxistest nicht in unerwarteter Weise gestört.

Das Wort Pilotprojekt suggeriert, das danach das Basiswissen vorhanden ist. Gilt das auch für die IT? - Volker Kruschinski: Unsere Softwaresysteme waren bereits voll einsatzbereit, als wir mit den ersten Pilotprojekten gestartet sind. Im Rahmen der intensiven Zusammenarbeit mit der Soluvia Metering haben wir unsere Komplettlösung im Projektverlauf iterativ weiterentwickelt, so dass wir im Ergebnis alle einen erheblichen Know-how-Zuwachs haben.

Davon können jetzt weitere Messstellen- beziehungsweise Netzbetreiber profitieren, die ihre Prozesse in der eigenen Hand behalten und wirtschaftlich betreiben wollen, ohne dafür eigene Systeme aufbauen zu müssen.

Der Gesetzgeber hat für die Gateway Administration hohe rechtliche Vorgaben zur IT-Sicherheit formuliert. Wie lassen sich diese Auflagen von den Stadtwerken und Messstellenbetreibern wirtschaftlich umsetzen?

Der von BNetzA und BSI erstellte IT-Sicherheitskatalog ist sicher sinnvoll, aber in der Umsetzung tatsächlich auch sehr komplex. Die Einführung eines Informationssicherheitsmanagementsystems (ISMS) auf Basis der DIN-Norm ISO/IEC 27001 als Kernanforderung ist beispielsweise mit einem sehr hohen organisatorischen und personellen Aufwand verbunden.

Wir wissen wovon wir reden, denn wir haben sowohl als Unternehmen als auch mit unserer Gateway-Komplettlösung diverse IT-Sicherheitszertifizierungen erfolgreich durchlaufen. Allein dadurch, dass wir die Komplettlösung zur Smart Meter Gateway Administration in der Schleupen-Cloud anbieten, reduziert sich für unsere Kunden der Investitionsaufwand erheblich.

Können die Unternehmen die neuen Aufgaben überhaupt mit den vorhandenen Ressourcen komplett eigenständig abwickeln?

Gerald Hornfeck: Die vorhandenen Ressourcen werden wahrscheinlich nicht ausreichen, da in der Übergangszeit die konventionellen Zähler und die intelligenten Messsysteme parallel betrieben werden müssen. Zum einen betrifft das die Personal-Ressourcen für den Rollout und die Gateway-Administration, zum anderen müssen die IT-Ressourcen mit den GWA-Systemen neu aufgebaut werden. Bei der Frage der Eigenständigkeit kommt es hauptsächlich auf die Unternehmensgröße, Anzahl Zählpunkte, vorhandene Ressourcen etc. und die strategische Positionierung als Messstellenbetreiber beziehungsweise Gateway-Administrator an.

Um die intelligenten Messsysteme im Rahmen der gesetzlich festgelegten Preisobergrenzen wirtschaftlich betreiben zu können spielen Größen- und Skaleneffekte eine entscheidende Rolle. Wo große Unternehmen viel in eigener Wertschöpfung leisten können, sind kleine und mittlere Versorgungsunternehmen und Messstellenbetreiber bis 100.000 Zählpunkte bei der Gateway-Administration auf externe Dienstleister oder Kooperationen angewiesen.

Warum hat sich Schleupen entschieden, eine eigene IKT-Komplettlösung für die Smart Meter Gateway Administration zu entwickeln?

Volker Kruschinski: Wir sind schon immer dem Ansatz gefolgt, die Stadtwerke bei der IT-seitigen Umsetzung neuer Marktanforderungen möglichst umfassend zu unterstützen. Gerade die anstehende ›Digitalisierung der Energiewende‹ bietet sowohl für unser Unternehmen als auch für die Stadtwerke völlig neue Chancen. Wir halten es für wichtig, dass gerade mit Blick auf die Smart Meter Gateway Administration Stadtwerke die Marktrolle selbst übernehmen. Deshalb haben wir uns für dieses interessante Geschäftsfeld entschieden.

Unsere Komplettlösung arbeitet sowohl gatewayseitig als auch in Richtung der nachgelagerten Abrechnungssysteme herstellerübergreifend mit allen relevanten Hardware- und Softwarelösungen zusammen.

Damit die Prozesse reibungslos funktionieren, stellen wir neben der Software zur Abwicklung der IT-Prozesse zur Gateway Administration auch alle weiteren erforderlichen IT- und Infrastrukturkomponenten wie Security Server und PTB-konforme Zeitserver zur Verfügung. Als zertifizierte Sub-CA stellen wir auch die notwendigen PKI-Zertifikate aus.

Herr Hornfeck, auch Soluvia Metering hat sich sehr früh dem Thema Gateway Administration angenommen. Was waren ihre Beweggründe und wie kam es zur Zusammenarbeit mit Schleupen?

Für die Soluvia Metering bildet der Einstieg in das Geschäftsfeld der Gateway-Administration einen wichtigen strategischen Schritt auf dem Weg vom klassischen Messstellenbetreiber/Messdienstleister hin zum Systemdienstleister, der als Enabler und Datenlieferant für Mehrwertleistungen in der MVV-Unternehmensgruppe tätig ist. Um die gesetzlichen Verpflichtungen an den Standorten Mannheim, Kiel und Offenbach kosten- und risikominimal umsetzen zu können, haben wir verschiedene Umsetzungsvarianten kritisch geprüft.

Dabei haben wir neben der detaillierten Bewertung der Fremd- und Eigenleistungstiefe auch Kooperationsmöglichkeiten geprüft.

Durch die Zusammenarbeit mit Schleupen haben wir einen Kooperationspartner der es uns ermöglicht, die Wertschöpfungskette im Bereich der Gateway-Administration vollständig abzudecken.

Wie bereiten sich ihre Unternehmen auf den 1.1.17 vor? Werden Sie eine Urlaubssperre für Mitarbeiter einrichten?

Volker Kruschinski: Wir fühlen uns gut vorbereitet, unsere Komplettlösung steht. Insofern ist eine Urlaubssperre zurzeit kein Thema.

Gerald Hornfeck: Aufgrund der umfangreichen Vorbereitungen und unserer Planungen rechnen wir damit, dass unsere Mitarbeiter im Normalumfang eingesetzt werden.

Holger Dirks/Georg Staß

Erschienen in Ausgabe: 06/2016