Solarer Leitfaden für Europas Städte

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Stadtplanung - Städte sind Schlüsselakteure, um das Solarpotenzial im Siedlungsbestand zu erschließen. Im EU-Projekt POLIS haben sechs europäische Städte, darunter München, solare Aktionspläne erarbeitet. Bis 2012 sollen aus den Erfahrungen sowie Best-Practice-Beispielen Leitfäden für Europas Stadtplaner entstehen.

16. März 2011

»Gebäudeoberflächen bieten ein enormes Potenzial für die Gewinnung von Wärme, Kälte und Strom aus Sonnenenergie«, sagt Ramón Arndt, POLIS-Projektpartner aus München. Das von der EU geförderte Kooperationsprojekt startete im September 2009 und hat zum Ziel, solare Potenziale in Europas Städten stärker nutzbar zu machen, also langfristig eine solare Stadtplanung zu etablieren.

»Es ist absehbar: künftig werden sich auch die Städte zunehmend zu aktiven Erzeugern entwickeln – und dabei insbesondere von Solarenergie. Die Städte müssen einen Anteil der von den urbanen Strukturen benötigten Energie in angemessenem Maße auf ihrem Territorium selber abdecken«, so der Stadtökologe weiter.

Hier setzt das Projekt an. Sechs europäische Orte beteiligen sich: Neben Lissabon gehören dazu das spanische Vitoria-Gasteiz, Malmö in Schweden, die französischen Städte Paris und Lyon sowie München. Jede Stadt arbeitet mit einem technischen Partner zusammen. Für München ist das Ecofys Deutschland. Das Kölner Beratungsunternehmen ist außerdem Gesamtkoordinator für POLIS (Identification and Mobilisation of Solar Potentials via Local Strategies).

Vor allem kommunale Planungsbehörden werden stark in das Projekt eingebunden. Zuständig für städtische Entwicklung sind sie wichtige Akteure einer solaren Stadtplanung. Ein Ziel des Projekts ist die Schaffung von Netzwerken, die auf lokaler sowie europäischer Ebene kommunale Entscheidungsträger, Stadtplaner, Vertreter lokaler Wirtschaft, Energieexperten und weitere Inter-essengruppen zusammenbringen.

Auch bilden solare Aktionspläne ein zentrales Element des Vorhabens. »Jeder Aktionsplan umfasst strategische Ziele in Bezug auf den lokalen Einsatz von Solarenergie sowie konkrete Maßnahmen der Stadtplanung, um die Nutzung von Solarenergie zu steigern und langfristig zu verankern«, erklärt Estefanía Caamaño von der Technischen Universität Madrid.

Laufende Projekte einbezogen

Zu einigen Aktionsplänen gehört die Vereinbarung, zunächst das solare Potenzial der Städte zu erfassen und ebenso die nationalen Rahmenbedingungen sowie bereits laufende Projekte mit einzubeziehen.

Im solaren Aktionsplan von Lyon etwa ist eines von mehreren langfristigen Zielen, den Anteil passiver Solargewinne am Heizwärmebedarf in Neubaugebieten mit mehr als 100 Wohneinheiten auf mindestens 20% festzulegen. Hier stehen Wohngebiete im Mittelpunkt der geplanten Maßnahmen.

In Vitoria-Gasteiz dagegen umfasst die Aufgabe auch ein großes Industriegebiet: Bis 2015 sollen 10% der Solarpotenziale in diesem Areal mobilisiert werden. Außerdem will die Stadtverwaltung in ihrem Stadtentwicklungsplan, der 2015 beschlossen werden soll, Voraussetzungen für eine solare Stadtplanung integrieren.

Die Stadt Paris hat das Ziel, bis 2014 auf Gebäuden 200.000m2 PV-Fläche umzusetzen. Die lokale Arbeitsgruppe untersucht zudem die Möglichkeiten einer Solarsatzung. In Lissabon soll das Potenzial der gesamten Stadt ermittelt werden, und in Malmö werden Festsetzungen für Neubaugebiete erarbeitet.

München optimiert mit Solenop

Auch in München hat die Stadt einen Aktionsplan entwickelt, der nun umgesetzt werden soll. Dabei war die solare Stadtplanung schon vorher ein Thema – neben der Errichtung großer Photovoltaik-Anlagen auf Basis von Bürgerbeteiligungsmodellen. Ende der Neunzigerjahre wurde im Rahmen des damaligen Forschungsfördertopfs ›Solarthermie 2000‹ des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) eine Siedlung auf den Weg gebracht, die über einen Großspeicher die solare Wärmeversorgung für 320 Wohnungen zu 50% saisonal absichern sollte (Ackermannbogen).

Im Jahr 2002 begann die Landeshauptstadt München mit ersten Überlegungen, ihre städtebaulichen Wettbewerbe einer solarenergetischen Optimierung (SolEnOp) zu unterziehen. Seit 2009 werden alle neuen Planungsgebiete mit mehr als 500 Wohneinheiten gemäß der SolEnOP überprüft.

Eine das bekanntlich in der Großstadt nur sehr schwer zu mobilisierende PV-Potenzial adressierende Maßnahme ist die von der Stadtspitze 2010 ins Leben gerufene Organisation mit dem Namen ›Solarinitiative München – München solar durchDacht‹ (SIM). Sie soll die heimischen Dachbesitzer dazu bewegen, ihrer Dächer und Fassaden mit solarer Technik auszustatten (siehe Kasten).

Ziele für mehr Solarenergie

Basierend auf dem geschätzten »theoretisch mobilisierbaren Solar-Potenzial« hat die Landeshauptstadt in ihrem Aktionsplan drei Zielsetzungen festgelegt: Der Anteil von vor Ort erzeugter Photovoltaikleistung am Stromverbrauch soll bis 2030 auf 7% ansteigen. Zweitens soll der Beitrag von Solarthermie am Gesamtwärmebedarf in Bestand und Neubau bis 2030 3% betragen. Und ab 2012 sollen bei Neubauprojekten, die größer als 100 Wohneinheiten sind, die passiven solaren Gewinne einen 25%igen Anteil des Heizwärmebedarfs ausmachen.

Basis, um diese Ziele zu erreichen, sind etwa diverse Maßnahmen, die bereits seit Jahren laufen. Dazu zählen zum Beispiel die Kooperationsprojekte mit Kammern und dem Handwerk oder die Förderungen über das derzeit mit 14Mio.€/a ausgestattete Förderprogramm Energieeinsparung der LHM.

Um solare Anforderungen transparenter zu machen und auch andere Kommunen an gesammelten Erfahrungen teilhaben zu lassen, wird Ecofys im Rahmen des EU-Projektes einen Leitfaden zur solaren Stadtplanung für die Stadt München erarbeiten. »Mit diesem Leitfaden wollen wir inhaltliche Grundlagen und fachliche Lösungen aufzeigen, wie sich stadtplanerische Vorgehensweisen mit den Anforderungen einer solarenergetischen Planung verbinden lassen«, sagt Sigrid Lindner, die bei dem Kölner Beratungsunternehmen für das Projekt verantwortlich ist.

Als weitere Maßnahme im Rahmen von POLIS soll in diesem Jahr der städtebauliche Wettbewerb für das Gebiet der ehemaligen ›Bayernkaserne‹ im Sinne der Regularien einer solaren Siedlung ausgeschrieben werden. Derzeit werden hier solare Kriterien in die Wettbewerbsunterlagen eingearbeitet, um so energieeffizientes Bauen und solare Nutzung zu gewährleisten.

In das im Rahmen des von der Kommission der Europäischen Gemeinschaft im Programm ›Intelligent Energy Europe‹ geförderte Vorhaben fließen auch europaweit gemachte Erfahrungen aus bereits durchgeführten Projekten der solaren Stadtplanung ein. POLIS sammelt Best-Practice-Beispiele aus verschiedenen Städten und überprüft und bewertet diese in Bezug auf ihre Übertragbarkeit.

Toolbox zur Planung

Ein Beispiel ist eine Internetanwendung der Insel Lanzarote: Interessierte können anhand einer Karte das Solarpotenzial ihres Hausdaches für die Nutzung von Photovoltaikanlagen überprüfen. So werden Bürger in die solare Mobilisierung eingebunden.

Ziel von POLIS ist es, zum Ende des Projektes im August 2012 klare Empfehlungen und Handlungsanleitungen für Stadtplaner in Europa bereitstellen zu können. Die Partner entwickeln Leitfäden zur Umsetzung verschiedener Maßnahmen sowie Übersichten zu den Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern.

Auf der Projektwebseite soll eine Toolbox mit Arbeitshilfen und Planungsinstrumenten zusammengestellt werden. »So kann eine kohärente Planungsroutine entstehen, welche die solaren Aspekte europäischer Städte stärker berücksichtigt. Genau das wollen wir mit POLIS erreichen«, so Sigrid Lindner.

Solar durchdacht

PV-Masterplan für München

Die Solarinitiative München ist mit der SIM GmbH unter der Leitung von Dr. Harald Will im November gestartet. Zwei erste große Projekte sind bereits in fortgeschrittenem Planungsstadium.

Ziel der Initiative ist, den Anteil lokal erzeugter PV zu steigern und dafür die gesamte Stadtgesellschaft mit einzubeziehen. Damit der Ausbau stadtverträglich abläuft, ist ein Masterplan angedacht. Die PV soll auch sichtbar in architektonisch anspruchsvolle Konzepte integriert werden.

Erschienen in Ausgabe: 02/2011