Sonderregeln bremsen Markt aus

STUDIE Experten erwarten aufgrund der Deponierichtlinie keinen kurzfristigen Marktboom bei Müllverbrennungsanlagen. Ein mittel- bis langfristiges Wachstum hingegen schon.

01. Dezember 2005

Die aktuelle Multi Client Studie ‚Der Markt für Müllverbrennungsanlagen in Europa’ von ecoprog/Fraunhofer?UMSICHT untersucht den Anlagenmarkt der europäischen Müllverbrennung. Basis der Untersuchung ist unter anderem eine Befragung von über 350 Anlagenbetreibern in 19 Ländern.

Derzeit wird der europäische Anlagenmarkt für Müllverbrennungsanlagen (MVA) vor allem durch das Inkrafttreten der EU-Deponierichtlinie stimuliert. Diese verbietet die Deponierung unbehandelter Abfälle. Für die Mitgliedsstaaten der EU bedeuten diese Auflagen zum Teil sehr hohe Kosten. Abfalldeponien müssen modernisiert oder alternative Behandlungsverfahren aufgebaut werden. V.a. in Südeuropa und Großbritannien erfolgt die Umsetzung aus diesem Grund nur sehr zögerlich.

Dies wird begünstigt durch die langwierige Kontroll- und Sanktionsmechanismen des EU-Rechts. Auch wenn die erste Stufe der Richtlinie 2005/2006 in Kraft tritt, sind materiellen Folgen für Länder, die die Richtlinie nicht einhalten, frühestens 2013/2014 zu erwarten. Bis dahin bleibt Zeit für Verhandlungen.

Auch sind nicht alle Länder von Anfang an dabei: Eine Sonderregelung besagt, dass Länder, die 1995 über 80 % ihrer biologisch abbaubaren Abfälle deponiert haben, vier Jahre Aufschub erhalten. Bislang haben nur Griechenland und Großbritannien und von den ‚neuen’ EU-Ländern Tschechien von dieser Regelung Gebrauch gemacht. Wahrscheinlich ist, dass die meisten Neu-Mitglieder dem tschechischen Beispiel folgen.

Billiglösung bei MBA kann zum Bumerang werden

Führend bei der Umsetzung sind Länder wie Dänemark oder Schweden. Vergleichsweise weit sind auch die Nicht-Mitglieder Norwegen und Schweiz. Gerade in Südeuropa aber war die direkte Deponierung von Abfällen bislang die dominante Form der Beseitigung. Dementsprechend ist hier die Notwendigkeit für den Aufbau von Behandlungskapazitäten am höchsten.

Auch in diesen Ländern kann allerdings nicht automatisch von einem enormen Nachholbedarf bei dem Ausbau der Verbrennungskapazitäten ausgegangen werden. Häufig wird versucht, vor allem über mechanisch-biologische Anlagen (MBA) den EU-Anforderungen gerecht zu werden. Man erhofft sich von der Behandlungsmethode mit dem ökologisch korrekten Image nicht nur deutlich weniger Widerstand in der Bevölkerung. Die Attraktivität liegt auch im Regelungsdefizit, das unter Umständen Billiglösungen erlaubt. Mit den geforderten hochwertigen MBA-Lösungen hat dies allerdings nichts mehr zu tun.

Langfristig kann eine solche Strategie zum Bumerang werden. Ähnlich wie in der Vergangenheit bei MVA ist nun auch bei MBA ein Standardisierungsprozess im Gange. Einige Länder sind hier weit, etwa Deutschland durch die 30. BImschV. Kurzfristige Billiglösungen können langfristig dann doch teurer werden.

Für eine kleine Sonderkonjunktur in 2005/2006 hat die Verbrennungsrichtlinie (2000/76/EG) der EU gesorgt. Sie schreibt etwa strengere Immissionswerte vor. Folge ist das Nachrüsten von Rauchgasreinigung und Messtechnik.

Von dieser Entwicklung ausgenommen sind Länder wie Belgien oder Deutschland, die bereits Jahre zuvor im Rahmen der nationalen Gesetzgebung Anforderungen definiert haben, die die Vorgaben der EU-Richtlinie vorwegnahmen. Hier bleibt das Modernisierungsvolumen eher gering. Grundsätzlich ist das Marktpotenzial für das Upgrading bestehender Anlagen für die kommenden Jahre weitgehend ausgeschöpft. Auf europäischer Ebene ist bis 2011 keine Verschärfung der Anforderungen absehbar.

Als Folge dieser zuletzt wieder positiven Marktentwicklung hat sich auch die Branche der Anlagenbauer erholt. Nach einem Boom Mitte der 1990er-Jahre sank das Marktvolumen von 1997 bis 2003 um über 50 %. Die Folge war ein Konzentrationsprozess, an dessen Ende nur wenige große Hersteller stehen. Mit der Erholung des Marktes hat sich diese Entwicklung wieder verlangsamt.

Das Fazit der Studie: Der MVA-Markt bleibt als langfristiger Wachstumsmarkt spannend. In Süd- und Osteuropa sowie in Frankreich und Großbritannien besteht über 2010 hinaus ein erheblicher Nachholbedarf. In Traditionsmärkten wie Deutschland oder Skandinavien wächst der Erneuerungsbedarf aufgrund des steigenden Anlagenalters. Mittelfristig wird ein Marktwachstum für Neubau, Erneuerung und Instandhaltung auf knapp 4 Mrd. € erwartet.

Erschienen in Ausgabe: 11/2005