Speicher en bloc

Markt

Auf die Senkung der Redispatchkosten durch die Einbindung kleiner Batteriespeicher via Blockchain baut Tennet in einem Pilotprojekt. Partner Sonnen erhofft sich zusätzliche Verdienstmöglichkeiten. Wenn der Ansatz funktioniert, könnte dies eine Lawine zur verbesserten Nutzung von Flexibilitätsoptionen auslösen.

22. Januar 2018

Wenn sich die Technik bewährt hat, möchten wir in Zukunft für das Redispatch Hunderttausende kleiner Speicher einbinden und uns hierfür auch für weitere Partner öffnen«, sagt Ulrike Hörchens von Tennet. Die Rede ist von einem bisher einmaligen Pilotprojekt des Übertragungsnetzbetreibers mit Sonnen, das die Blockchain-Technologie im Zusammenspiel mit vernetzten Heimspeichern zur Stabilisierung des Stromnetzes nutzt. »Im Gegensatz zu anderen Blockchain-Projekten im Energiesektor beschränken wir uns hier nicht auf Standard-Handelsaktionen, sondern setzen eine komplexe Netzdienstleistung um«, so Hörchens. Zudem sei dies das erste Mal, dass vernetzte Heimspeicher für das Redispatch und nicht für Regelleistung genutzt würden, wie beispielsweise in der Zusammenarbeit mit Caterva.

Kostenbremse

»Wir versprechen uns vor allem Kostenvorteile durch die Senkung der Redispatchkosten, insbesondere eine Reduzierung der Zahlungen für die Abriegelung von Windenergieanlagen«, betont Hörchens. Trägt das Unternehmen als größter deutscher Übertragungsnetzbetreiber doch den Löwenanteil der Kosten für das Management von Transportengpässen im Stromnetz aufgrund der zunehmenden dezentralen Einspeisung erneuerbarer Energien und Verzögerungen beim Netzausbau. Rund 660 Millionen Euro musste Tennet 2016 für das Redispatch, die Netzreserve und Windabregelungen hinblättern. Die Gesamtkosten hierfür beliefen sich deutschlandweit auf rund 800 Millionen Euro. Wobei diese Kosten über die Netzentgelte ja letztlich von den Stromverbrauchern getragen werden.

Transparenz

»Blockchain bietet aus unserer Sicht für die Einbindung einer großen Zahl kleiner Speicher für das Redispatch vielfältige Vorteile. Dies wollen wir nun in dem Pilotprojekt erproben«, sagt Hörchens. Als Vorteile der neuen dezentralen Kommunikations- und Archivierungstechnologie nennt sie vor allem deren Kosteneffizienz, Schnelligkeit, Transparenz und Skalierbarkeit. »Als günstige und praktisch unendlich skalierbare Technologie ist die Blockchain prädestiniert für den Einsatz in der zukünftigen Energieversorgung, die aus Millionen dezentraler und miteinander vernetzter Einheiten bestehen wird«, so die Tennet-Sprecherin. Zudem würden so sichere, direkte Transaktionen zwischen dezentralen Energieerzeugern und Verbrauchern ermöglicht.

Netz mit hunderten Heimspeichern

Konkret sind nun in dem noch bis zum zweiten Quartal 2018 laufenden Pilotvorhaben mehrere Hundert Heimspeicher der Sonnen-Community in das Netz von Tennet per Blockchain eingebunden. »Momentan rechnen wir hier noch in bescheidenen Dimensionen, doch unsere Kollegen in den Schaltleitungen können damit arbeiten. Die eingebundene Speicherleistung reicht aus, um zu testen, ob es funktioniert oder nicht«, so Hörchens. Entwickelt wurde die Blockchain-Lösung von IBM. Datenschutzprobleme sieht Hörchens nicht, denn man arbeite ja im Rahmen einer privaten Blockchain und die Nutzer seien alle bekannt und informiert.

Da man nicht mit einer Kryptowährung wie Bitcoin arbeite, entfielen auch Wechselkursrisiken. »Es ist momentan noch nicht das Ziel des Projekts, dies mit einer virtuellen Währung zu verbinden. Im Vordergrund steht die Entlastung der Netze«, betont auch Mathias Bloch von Sonnen. Auch er sieht die Blockchain als Schlüsseltechnologie für das Energieversorgungssystem der Zukunft. Durch die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt erhofft sich das Unternehmen »einen Wissensvorsprung, der für weitere Innovationen genutzt werden kann.« Auch Bloch erwartet von der neuen dezentralen Technologie Kostenvorteile durch den Wegfall einer zentralen Organisation. »Die Blockchain-Technologie bietet eine hohe Kosteneffizienz bei den einzelnen Strom-Transaktionen. Für das Energiesystem der Zukunft schätzen wir das wirtschaftliche Potenzial sehr hoch ein.« Bloch sieht das Pilotprojekt als einen weiteren Entwicklungsschritt zu einer noch einfacheren und effizienteren Vernetzung von Batteriespeichern, Solaranlagen und Stromnetzen.

Zusätzliche Verdienstmöglichkeiten

Ziel sei es, nach einem erfolgreichen Abschluss der Pilotphase mehrere Tausend Batteriespeicher in das Projekt zu integrieren und eine Speicherleistung im zweistelligen Megawattbereich zu erreichen. Die teilnehmenden Kunden würden so zusätzliche Verdienstmöglichkeiten gewinnen, sagt Bloch. »Jeder Besitzer, der mit seinem Speicher an Sonnens Netzdienstleistungen teilnimmt, erhält im Gegenzug eine Vergütung. Bei der Sonnen-Flat ist dies zum Beispiel in Form von kostenlosem Strom.«

Doch gehe es bei dem Pilotprojekt auch darum, die Vorteile für die einzelnen Speicherbesitzer noch stärker herauszuarbeiten. Über die Details der Vereinbarung mit Tennet zur Vergütung der bereitgestellten Speicherleistung könne man jedoch derzeit noch keine Angaben machen, so Bloch. Dazu werde man sich nach dem Abschluss der Pilotphase genauer äußern. Vor allem gehe es jedoch darum, in einem ersten Schritt Erfahrungswerte und Daten zur Nutzung der Blockchain-Technologie im Energiesystem zu gewinnen. Weitere Projekte zur Nutzung von Blockchain seien bereits in Vorbereitung und würden in naher Zukunft von Sonnen kommuniziert, so Bloch.

Kleinstmengen abrechnen

Nicht aktiv im Bereich Blockchain und Speicher ist dagegen bisher Daimler, so Sprecherin Madeleine Herdlitschka. Auch Varta Storage äußert sich eher verhalten. »Wir können derzeit noch keine Aussage machen, inwieweit sich die Blockchain durchsetzen wird. Wir beobachten den Markt und die Technologie«, so Dr. Alexander Hirnet, der bei Varta Storage für Forschung und Entwicklung zuständig ist. Doch verfügten bereits alle Batteriespeicher von Varta Storage über entsprechende Schnittstellen.

»Wir selbst als Speicherhersteller sind mit dem Thema der Blockchain nicht direkt in Verbindung«, sagt Eva-Maria Speidel von Ads Tec.

Doch denkt ein Partner des württembergischen Unternehmens, Wind to Gas Energy, in diese Richtung. Die Brunsbütteler Firma betreibt seit Kurzem einen Großbatteriespeicher von Ads Tec mit einer Leistung von 2,5 MW zur Erbringung von Regelenergie und zur Glättung lokaler Netzspitzen.

Als Forschungsprojekt wird die Anlage durch das Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Es ist Teil der Norddeutschen Energiewende 4.0. In diesem Rahmen arbeite man auch an Konzepten zur Direktbelieferung von Verbrauchern mit Windstrom unter Einsatz von Batteriespeichern. »Die Blockchain-Technologie soll dabei die Prozesse vereinfachen und die Datensicherheit garantieren, beispielsweise bei Marktprozessen, Abrechnungsprozessen oder Meldeprozessen«, sagt Geschäftsführer Tim Brandt.

»Das große Potenzial der Blockchain-Technologie ist das effiziente Abrechnen von Kleinstmengen«, so Tobias Federico von Energy Brainpool. Je nach Design und Technologieansatz der Blockchain könne dies auch energieeffizient sein bei sehr hohen Transaktionsraten. Eines der großen Probleme in der Zuordnung der Verfügbarkeit der Peers seien die hohen Transaktionskosten konventioneller Technologien, sodass sich eine Aggregation von kleinen Einheiten bisher nicht gerechnet habe, so Federico.

Tennet jedenfalls untersucht in einem zweiten Pilotprojekt in den Niederlanden, inwieweit mithilfe von Blockchain Flexibilität, die von E-Autos zur Verfügung gestellt wird, genutzt werden kann. Partner dieses Pilotprojekts ist der Energiedienstleister Vandebron, der hierfür Regelleistung aus einem Pool von Ladestationen für Elektrofahrzeuge zur Verfügung stellt, um Frequenzschwankungen im Netz auszugleichen.

Hans-Christoph Neidlein

Erschienen in Ausgabe: 01/2018

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