Stabile Basis für den Wechsel

ERDGASVERTRIEB Die Prozesse des Lieferantenwechsels sind bei Gas aufwändiger als die in der Sparte Strom, wobei letztere sich teilweise nachnutzen lassen. Aufgrund dieser Komplexität sind die Anforderungen an IT-Systeme und Dienstleister hoch.

04. September 2006

Die Preissteigerungen der jüngsten Vergangenheit haben die Endkunden sensibilisiert, und markige Ankündigungen in den Medien erhöhen die Erwartungshaltung an die Preisreduktion durch die Liberalisierung des Gasmarktes. Die Wechselbereitschaft der Endkunden gegenüber dem Strommarkt wird sicherlich ungleich höher sein. Die Basis dafür ist die Chance, als prozess- und damit kosteneffizienterer, schlanker Gaslieferant bessere Endkundenpreise anbieten zu können.

Wechselverantwortliche der ersten Stunde im Strommarkt werden sich noch mit Schaudern an die Gänge voller Akten erinnern, die mit Vorgängen der Lieferantenwechsel gefüllt waren. Der Versuch, dieser Datenflut mit den bewährten MSExcel- Konstruktionen Herr zu werden, ist abgesehen von der vergeudeten Arbeitszeit spätestens bei der Einhaltung der vorgeschriebenen Fristen zum Scheitern verurteilt.

Der scharfe Systemstart des Lieferantenwechsel Gas im Oktober mit Beginn des Gaswirtschaftsjahres 2006/07 kann nur mit großem Aufwand manuell ausgeführt werden. Diese massenhafte Datenverarbeitung lässt sich nur mit IT-Lösungen realisieren.

Der Dresdener IT-Anbieter Robotron hat die Projektgruppe ‚Liberalisierter Gasmarkt’ bei der EDNA-Initiative initiiert. Diese Gruppe setzt sich aus IT-Unternehmen, Dienstleistern und namhaften Energieversorgern zusammen. Ihre Zielstellung folgt dem prinzipiellen Vorgehen der EDNA: beratende Mitwirkung bei der klaren Definition des Netzzugangsmodells, der Marktregeln und -rollen sowie der Organisation und Prozesse im Ingenieur-/DV-technischen Sinne.

Seit der fristgemäßen Veröffentlichung erster Eckpunkte zum Marktmodell im Februar 2006 durch die Bundesnetzagentur (BNetzA), BGW und VKU können erste Interpretationen zu dessen Ausgestaltung angestellt werden. Sie bilden aber noch keine verlässliche Basis für eine Systementwicklung. Parallel wird jedoch schon an den Prozessen gearbeitet. Der Lieferantenwechsel soll sich möglichst nahe an den Regelungen für die Sparte Strom orientieren.

Wechselnde Zuordnungen

Es wird 19 Marktgebiete geben, die Netze örtlicher Verteilnetzbetreiber teilen können oder sich dort überlappen. Die Endkundenzuordnung zu diesen Marktgebieten kann wechseln. Beim Wechsel eines Kunden, bei dem alter und neuer Lieferant im gleichen Marktgebiet einspeisen, kann der Wechsel in seinen Abläufen analog zum Stromlieferantenwechsel erfolgen. Zu spezifizieren sind zusätzlich die vor- und nachgelagerten Prozesse, besonders zwischen den am Transportweg beteiligten Netzbetreibern.

Komplexer stellt sich ein Lieferantenwechsel dar, bei dem der neue Lieferant in einem anderen Marktgebiet einspeist. In diesem Fall sind weitere Netzebenen bzw. deren Betreiber betroffen. Der Transport der Gasmenge muss organisiert und Kapazität gebucht werden. Es wird diskutiert, ob dafür der örtliche Verteilnetzbetreiber oder der Lieferant zuständig ist. Betrachtet man erste Problemfälle, etwa die Notwendigkeit eines Versteigerungsverfahrens der benötigten Kapazität, wird schnell klar, dass mit dieser Prüfung die geforderten bzw. erwarteten Fristen im Schaufensterprozess gegenüber dem Kunden nicht immer gehalten werden können. Denkbar sind hier Umgehungslösungen wie die vorübergehende Beistellung. Zudem besteht die Chance, Gasmengen über die in jedem Marktgebiet vorhandenen virtuellen Handelspunkte zu beziehen.

Auf der unteren Ebene dieser Prozesse, bei den Identifikatoren und Formaten gibt es ebenfalls noch Handlungsbedarf. Bei den Datenaustauschformaten deutet alles auf EDIFACT-basierte Formate hin, wie beim Strom bereits favorisiert, wobei die bereits vorhandenen XML-basierten Formate auch betrachtet werden sollten. Die OBIS-Kennzahlen müssen als eindeutige Identifikatoren ausgebildet werden. Für funktionierende nachgelagerte Prozesse muss eine Einigung über die Standardlastprofil(SLP)-Zuordnung zu den Kunden erfolgen.

Basis Kundenstammdaten

Die Abbildung von Kunden- und Vertragsstammdaten bilden die Basis für den Lieferantenwechsel. Die Synchronisation mit dem Abrechnungssystem ist dabei zwingend notwendig und die Kopplung mit einem CRM-System erscheint sinnvoll. Dafür stehen praxiserprobte Varianten zur Verfügung. Je nach Einsatzfall können pragmatische Dateischnittstellen oder EAI- oder Middle- Ware-Systeme, auch mit SAP-zertifizierten Schnittstellen, verwendet werden.

Mit diesen Daten hat man die Basis, um die Plausibilitätsprüfungen beim Eingang von Wechselmeldungen durchzuführen: etwa Zuständigkeit, Adressdaten, Ausspeisepunkte (Abnahmestellen) oder Kündigungsfristen. Außerdem werden Vertragskonstrukte benötigt.

In den Prozessen, die einem Lieferantenwechsel nachgelagert sind, werden den Lieferanten die Lastprofile zur Verfügung gestellt. Dazu sind verschiedene Grundlagen zu schaffen, wie die Abbildung von Gasjahr und -tag sowie beliebiger Perioden von Zeitreihen und ihrer physikalischen Einheiten, sinnvollerweise mit einer automatischen Umrechnung von Periode und Einheit bei Berechnungen entsprechend der Zielzeitreihe.

Für die komplexen Berechnungen bei der Energiemengenermittlung ist es notwendig, Höhenzonen und Brennwertbezirke mit Gasbeschaffenheitswerten abzubilden. Zudem werden Klimazonen und -daten mit den entsprechenden automatisierten Importfunktionen und ggf. eigenen Prognosemöglichkeiten benötigt.

Um das System massengeschäftstauglich einzurichten, muss die Abbildung von SLP so flexibel sein, dass komplexe Berechnungsvorschriften abgebildet werden können, ebenso wie Wochentagsfaktoren, Jahreszeiten und Tagesfaktoren zur Skalierung.

In der Kommunikation mit den Lieferanten wird die sachgerechte Zuordnung der SLP zu den Kunden entsprechend der großen Anzahl von Einflussfaktoren (Heiz- oder Prozessgas, Gebäudealter und -zustand oder Art der Gebäudehülle) eine besondere Rolle spielen. Ein flexibles Grundsystem ist daher ratsam.

Für den Netzbetreiber besteht bei der Urladung von Bewegungsdaten und für den Lieferanten bei deren Übernahme die Aufgabe, die Daten entsprechend der spezifischen Datenlage jedes Zählpunktes aufzunehmen und zu prüfen. Ein gutes System sollte diese komfortable Einrichtung der Zählpunkte unterstützen.

Der Lieferantenwechsel selbst wirkt sich auf weitere Prozesse aus, die in dem System abzubilden sind. Dazu zählen Lieferbeginn und -ende, Stammdatenänderung, Geschäftsdatenanfrage, Ersatzbelieferung, Netznutzungsabrechnung, Rückabwicklung oder Kündigung. Jeder dieser Prozesse greift auf Daten des Grundsystems zurück und könnte ohne diesen Zugriff nicht automatisiert abgewickelt werden.

Die Einführung von unterstützenden IT-Systemen ist sofort notwendig. Leistungsfähige Werkzeuge gibt es bereits. Die Systemhersteller können jedoch nur umsetzen, was ausreichend definiert wurde.

Andreas Frömmel

Software NMplusGas bereits im Boot

Mit der Software NMplus des EDM-Systems robotron*ecount wickelt die E.on edis monatlich bis zu 10.000 Lieferantenwechsel der 1,3 Mio. Tarifkunden in der Sparte Strom sicher und automatisiert ab. Das Workflow-basierte System wurde von Anfang an so konzipiert, dass man es komfortabel auf interne Abläufe anpassen und flexibel auf marktpolitische Änderungen reagieren kann, betont Robotron. Der Einsatz für die Sparte Gas wurde dabei bereits berücksichtigt.

Erschienen in Ausgabe: 09/2006