Stadtwerke auf dem Prüfstand

Energiewirtschaft Privatisierung, nein Danke! Die meisten deutschen Städte sehen Kooperationen mit kommunalen Partnern als Königsweg für ihre Unternehmen, um im komplexer werdenden Energiemarkt zu bestehen.

04. Juni 2008

Die Gewinne aus dem Netzgeschäft werden sinken und die Stadtwerke Endkunden verlieren. Zumindest der erste Teil dieses Szenarios ist wenig umstritten. Ebenso einleuchtend ist, dass in Konsequenz »erhebliche strukturelle Neuerungen« bei den kommunalen Energieversorgern anstehen. Das Resümee, das der Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin aus der Lagebeschreibung zieht, findet dagegen nicht nur Anhänger: Die Unternehmen gehörten privatisiert. »Der Verkauf der Stadtwerke ist bei uns eine Win-win-Situation für Bürger und Kommune«, so Erwin bei der Jahrestagung Stadtwerke des Euroforums. Dass sich die meisten Vor-Ort-Versorger noch in öffentlicher Hand befinden, hat, so Erwin, historische Gründe. Dem Kunden sei es egal, ob der Energielieferant öffentlich oder privat geführt werde, solange er preisgünstig und zuverlässig anbiete. Warum also nicht den »rettenden Geldsegen « aus dem Verkauf kommunalen Eigentums in Empfang nehmen? Angesichts der anhaltenden Finanzkrise fänden sich immer mehr Städte und Gemeinden dazu bereit. Der Düsseldorfer Haushalt sei durch den Anteilsverkauf an ENB dramatisch entlastet worden und heute schuldenfrei, erklärte Erwin. Zwar verwiesen Gegner von Privatisierungen auf soziale Verschlechterungen, Arbeitsplatzverluste und den verminderten politischen Einfluss, doch stünden dem eine Reihe »positiver Effekte« gegenüber. Das Tarifrecht werde aufgebrochen, moderne Managementmethoden hielten Einzug, das Korsett des öffentlichen Vergaberechtes könne abgestreift und der Verwaltungsapparat straffer organisiert werden. Unterm Strich stünden niedrigere Kosten und höhere Effizienz. Im »schlanken Staat« gehörten Energie- und Wasserversorgung einfach nicht zum Kerngeschäft der Kommune.

Nur 6 % für Privatisierung

Die Mehrheit der deutschen Städte und Gemeinden ist da anderer Meinung, wie eine Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) zum Thema ›Kooperation oder Ausverkauf der Stadtwerke?‹ ergeben hat. Von rund 200 befragten Kommunen mit eigener EVU-Beteiligung erwartet lediglich ein Drittel eine verstärkte Verkaufsbereitschaft infolge der Anreizregulierung. Nur 6 % können sich vorstellen, sich vollständig von ihrem Anteilsbesitz zu trennen – trotz negativer Zukunftsaussichten für die Branche: Mit sinkenden Renditen aus dem Netzgeschäft rechnen immerhin 86 %. Verkaufsabsichten haben, so PwC, vor allem die finanzschwachen Kommunen. Die Verkaufserlöse sollen in den Schuldenabbau fließen, aber auch für Investitionen in Bildung, Kindertagesstätten oder für Jugend und Soziales ausgegeben werden. Keineswegs sind es nur private Partner, nach denen die Kommunen Ausschau halten. Sollte irgendwann eine Veränderung der Beteiligungsquoten anstehen, wäre für 57 % die horizontale Fusion mit einem anderen Stadtwerk die attraktivste Option. Etwa ein Drittel könnte sich einen strategischen Investor aus der Energiebranche als Käufer vorstellen, vor allem Großstädte tendieren dazu. Allerdings wäre für 89 % der Befragten wichtige Bedingung, dass der kommunale Einfluss erhalten bleibt. ›Neue Stadtwerke gründen statt bestehende auflösen‹ hat sich die KommunalPartner Beteiligungsgesellschaft auf die Fahnen geschrieben. Das Bündnis der Stadtwerke Bietigheim-Bissingen, Friedrichshafen, Göppingen, Mühlacker, Schwäbisch Hall und Tübingen will eine »Alternative zum Aufkauf durch die großen Energiekonzerne« bieten. Erster Erfolg war im April die Gründung der Stadtwerke Staufen und Müllheim.

Nach Auslaufen der Gas-Konzessionsverträge mit dem bisherigen Netzbetreiber badenova wollen die beiden Städte ihre Energieversorgung nun mit Unterstützung der KommunalPartner selbst in die Hand nehmen. »Wir glauben an die Idee Stadtwerk «, sagt Geschäftsführer Peter Turkowski. »Die Energie- und Wasserversorgung ist ein entscheidendes Stück Daseinsvorsorge. Städte und Gemeinde sollten den Einfluss darauf erhalten.« Den Bürgern ist der Verkauf des ›Tafelsilbers‹ ebenfalls nicht völlig einerlei. Sie seien nach einer dimap-Umfrage zu 83 % zufrieden mit ihren Stadtwerken und lehnten die Privatisierung ab, so der Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), Hans-Joachim Reck. Mit 70 Mrd. € Jahresumsatz und 230.000 Beschäftigten stellten die Kommunalen einen ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor dar, betonte Reck bei der Stadtwerke- Tagung. 2007 hatten sie einen Anteil von 40 % am Strommarkt, deckten 62 % des Wärmebedarfes und 47 % der Gasnachfrage. Gerade der Klimaschutz eröffne lokalen Versorgern Marktchancen. »Die Zukunft liegt in dezentralen Strukturen«, sagt Reck. So böten die Ausweitung der Kraft-Wärme-Kopplung, die Nutzung erneuerbarer Energien sowie Dienstleistungen für mehr Energieeffizienz aussichtsreiche Geschäftsfelder. Gleichwohl müssten sich die Stadtwerke weiterentwickeln und auf schärferen Wettbewerb einstellen. »Die radikale Änderung unseres Marktes macht auch eine radikale Änderung unsererseits notwendig«, erklärt Stefan Grützmacher, Vorstandschef der Stadtwerke Kiel. »Das beste Stadtwerk im Norden «, so die Vision der Kieler, gehöre zur Gruppe der kommunalen Unternehmen rund um die Mannheimer MVV. Netzwerkstrukturen werden als Alternative zum klassischen Geschäftsmodell propagiert. Rationalisierung allein reiche nicht mehr aus, um im Markt zu bestehen. »Wir erleben eine Renaissance der kommunalen Daseinsvorsorge, aber wir müssen uns auch über unser Marktgebiet hinaus öffnen und kooperieren«, erläutert Reck. Alleingänge von Stadtwerken würden auf Dauer scheitern, prophezeit auch der Vorstandschef der GEW Rheinenergie, Rolf Martin Schmitz. Für neue Aufgaben brauche man neue Partner. Entscheidend für den Erfolg der Zusammenarbeit seien gesellschaftsrechtliche Verbindungen. Lose Bündnisse hält Schmitz für wenig aussichtsreich. Stadtwerke-Partnerschaften könnten den Wettbewerb beflügeln und das Oligopol schwächen. »Die Großen können sich in Deutschland nicht mehr erweitern, aber wir können das.« Kooperationen seien »eine Antwort auf die Herausforderungen der Anreizregulierung «, meint auch Dr. Thomas Hoffmann, Geschäftsführer der Stadtwerke Remscheid. Das Unternehmen wird ab 1. Januar 2009 zusammen mit den Stadtwerken Solingen und Velbert den ›Rheinisch-Bergischen Stadtwerke-Verbund‹ bilden. Der Zusammenschluss der lokal weiterhin unter eigener Marke tätigen und nach wie vor im steuerlichen Querverbund organisierten Stadtwerke unter einer gemeinsamen Dachgesellschaft soll ein Synergiepotenzial von jährlich 19. Mio. € eröffnen. Vor allem bei den Material- und Bezugskosten erwartet Hoffmann hohe Einsparungen – etwa durch operative Bündelung des Stromeinkaufs oder gemeinsame Einführung einer strukturellen Gasbeschaffung. Im Netz und Vertrieb sowie in den Verkehrssparten soll das Bündnis ebenfalls Vorteile bringen, die in einer Stand-alone- Lösung nicht möglich wären. So sei etwa die Einführung elektronischer Haushaltszähler in der Kooperation »besser und günstiger realisierbar«, so Hoffmann. Smart Metering liegt im Trend. Vor zwei Jahren noch Nischenthema, würden heute in fast jedem EVU Einsatzszenarien entwickelt, so Jörg Sinnig, Vorstandschef des IT-Dienstleisters SIV: »Die nächsten vier Jahre werden in ein vollautomatisches Szenario hineinlaufen, das mehr Service und Kundenakzeptanz bringt und gleichzeitig die Prozesskosten reduziert.«

Fusionskarussell dreht sich

Mit Kostensenkungen rechnet das rheinisch- bergische Bündnis auch bei der Erfüllung der künftigen Anforderungen der Bundesnetzagentur. Gerade was die Regulierung betrifft, seien mittelgroße Stadtwerke in einer »Sandwichposition«, so der Geschäftsführer der Stadtwerke Solingen Netz GmbH, Frank Pieper. Sie sind zu groß, um am bürokratieärmeren, vereinfachten Verfahren der Netzentgeltgenehmigung teilzunehmen, aber zu klein, um Skaleneffekte nutzen zu können. Das Fusionskarussell dürfte sich also weiter drehen. Pieper: »Ich bin sicher, dass wir selbst mit Remscheid und Velbert noch keine kritische Größe für die Ewigkeit haben.« Ein mittelgroßer Netzbetreiber mit etwa 120.000 Kunden benötige die gleichen IT-Strukturen wie ein großes Unternehmen, erläutert Jan Fuhrberg-Baumann, Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig Netz GmbH. Immerhin gehöre die Informationstechnik inzwischen zu den größten Investitionen und koste – auch aufgrund der Regulierung – mehr als Kabel oder Trafos. Darüber hinaus verbessere sich mit der Anlagenzahl die Aussagekraft von Statistiken, was dem Assetmanagement zugute komme. »Ein Netzbetreiber für den Raum Halle-Leipzig wäre von der Größe her richtig«, schätzt Fuhrberg-Baumann. Bis zu eineinhalb Millionen Kunden würden Netzbetreiber wohl künftig betreuen müssen, um wirtschaftlich agieren zu können – »oder es sind ganz kleine Unternehmen mit handwerklichen Strukturen«. In unterschiedlichen Benchmarks hätten die Leipziger Effizienzen von 110 bis 60 % erzielt. »Im schlimmsten Fall« sei mit dem letzteren Wert zu rechnen, so Fuhrberg- Baumann. »Dann wäre der Netzbetrieb nicht mehr wirtschaftlich machbar – aber kaufen würde das Netz wohl auch niemand.« Was Netze künftig wert sind, dürfte sich zuerst in den neuen Bundesländern zeigen. Zwischen 2010 und 2017 laufen hier die meisten Konzessionen aus, und an vielen Stellen werde es Wettbewerb um die Netzgebiete geben. Dass dafür ähnlich hohe Preise geboten werden wie zuletzt für die Stadtwerke insgesamt, sei sehr unwahrscheinlich. Das Netz als eigene Assetklasse müsse man im Stadtwerke- Portfolio neu bewerten. Es werde jedenfalls »nicht mehr zwingend das zentrale Element eines Stadtwerkes der Zukunft sein«, so Fuhrberg-Baumann.

Hans Forster

Erschienen in Ausgabe: 06/2008