Stadtwerke erschließen neue Märkte

Komplettabrechnung als neues Geschäft für kommunale Versorger

In den vergangenen Jahren haben sich unter anderem E.ON, RWE und EnBW in kommunale Versorger eingekauft. Für letztere gilt es nun, im Wettbewerb mit den Energieriesen zu bestehen. Ein großer Vorteil kleiner Stadtwerke: Sie kennen ihre Kunden. Gerade im Service- und Dienstleistungsbereich haben sie daher die Chance, ihr Portfolio zu erweitern - zum Beispiel durch die Abrechnung von Nebenkosten.

05. September 2003

Neben der Lieferung von Strom und Gas können Stadtwerke auch andere Dienste anbieten. Die Idee ist ebenso einfach wie einleuchtend: Warum soll ein Stadtwerk nur Strom und Gas abrechnen? Auch andere Nebenkosten, zum Beispiel Müll, Heizung, Wasser oder Hausmeisterdienste, müssen in Rechnung werden.

Die Stadtwerke Pforzheim haben jetzt den ersten Schritt dazu getan. Seit Jahresbeginn rechnet der Energieversorger für alle Bürger der Stadt den Müll ab. Besonders Hausverwaltungen profitieren, denn sie werden von administrativen Aufgaben entlastet. Ein „Grundbetrag“ wird automatisch von den Stadtwerken eingezogen, dem Hausverwalter bleibt nur noch das Ermitteln der einzelnen „Leistungsbeträge“. Erster Ansprechpartner bei Problemen sind nicht mehr die Verwalter, sondern die Stadtwerke. „Damit haben wir den Anfang gemacht“, beschreibt Klaus Lindemann, Hauptabteilungsleiter Handel, Vertrieb und Marketing, die Aufbruchsstimmung bei den Stadtwerken.

Abrechnungen erfolgen heute mit moderner Informationstechnik. Die Stadtwerke Pforzheim kooperieren dabei mit dem Softwareanbieter Wilken aus Ulm, der bereits mit rund 15 % aller deutschen Stadtwerke zusammenarbeitet. Das mittelständische Unternehmen hat die neue Geschäftstätigkeit seiner 120-Stadtwerkekunden in der aktuellen Version seiner IT-Lösung berücksichtigt: „Die Abrechnungssoftware Wilken Ener:gy macht es den Stadtwerken leicht, ihr Potenzial weiter auszuschöpfen“, sagt Geschäftsführer Andreas Lied. „Wir haben darin so genannte Verteilgemeinschaften realisiert, mit denen schon jetzt auch Müll, Wasser, Schornsteinfeger und weitere Nebenkosten komplett aus einer Hand abgerechnet werden können.“

Die Stadtwerke seien damit in der Lage, Komplettabrechnungen für ganze Hausverwaltungen zu erstellen und in einem größeren Miethaus die Abrechnung auch direkt an den Endkunden zu schicken, erklärt Lied. „Der Kunde bekommt nur noch eine übersichtliche Rechnung.“ Schließen sich in einem Mehrfamilienhaus die Bewohner zu „Müllgemeinschaften“ zusammen, kann dabei so mancher Euro gespart werden.

Wohnungsbaugenossenschaften spielen in der Vision der Stadtwerke eine große Rolle. Von ihnen gibt es in Deutschland rund 2.000, sie bieten für rund 4,5 Millionen Menschen Wohnraum. Das sind fast 10 % aller vermieteten Wohnungen. „Wir könnten die Verwaltungen von ihrer Buchhaltungstätigkeit entlasten und einen reibungslosen Datentransfer gewährleisten. Gleichzeitig profitieren wir davon, die Mieter an uns als ihren Energielieferanten zu binden“, sagt Hauptabteilungsleiter Lindemann und deutet damit die große Chance der Stadtwerke an, zu Vor-Ort-Komplett-Service-Anbietern und Abrechnern zu werden.

Erschienen in Ausgabe: 08/2003