Stadtwerke im liberalisierten Markt

Minderheitsbeteiligungen können Abhängigkeiten herbeiführen

Nicht jede Minderheitsbeteiligung führe zur Win-win-Situation, warnt Dr. Regina Hill, zuständig für strategische Planung bei der Wingas GmbH, Kassel. Mancher Vertrag bedeute einen (wenigstens teilweisen) Verzicht auf die Unabhängigkeit.

17. April 2001

Rund 900 Stadtwerke gibt es in Deutschland. Ungefähr ein Fünftel dieser Stadtwerke befindet sich in gemischtwirtschaftlichem Eigentum, weitere 54 % gelten nach Aussagen des VKU als privatisierungsfähig.

Im Zuge der Liberalisierung der Energiemärkte und des damit verbundenen Wegbrechens bisher sicherer Märkte verfolgen einige ehemalige Monopolisten die Strategie einer massiven Vorwärtsintegration. Zur Sicherung von Absatzkanälen steht vor allem der Erwerb von Stadtwerkebeteiligungen im Vordergrund.

Dieser Strategie wird durch die vielfach angespannte Kassenlage der Kommunen und der scheinbar unsicheren Zukunft der Stadtwerke in einem liberalisierten Markt Vorschub geleistet. Über den Verkauf von Beteiligungen erhoffen sich die Kommunen einen kurzfristigen Geldzufluss zur Entlastung des Haushaltes und einen Know-how-Transfer an die Stadtwerke, der zur Stärkung ihrer Wettbewerbsposition beitragen soll. Als Interessenten stehen die großen Energieversorgungsunternehmen (EVU) und ausländische Wettbewerber Gewehr bei Fuß.

Gerade auch Global Player sind momentan bereit, enorme strategische Aufpreise für Beteiligungen an Stadtwerken zu bezahlen, um im Zuge der deutschen Marktöffnung einen Fuß in die Tür des größten kontinentaleuropäischen Gasmarktes zu bekommen. Es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, ob die strategischen Interessen des Käufers (EVU) und die der Stadtwerke deckungsgleich sind und eine Win-win-Situation für alle Beteiligten resultiert.

Zwar suggeriert der Verkauf von Minderheitsbeteiligungen einen bestimmenden Einfluss der Kommunen auch weiterhin, die Praxis zeigt jedoch, dass die Fäden in der Geschäftspolitik der Stadtwerke im Hintergrund von den einflussreichen EVU gezogen werden. Stadtwerke riskieren also, dass sie in einem Markt gesicherter Lieferangebote keine Bezugsalternativen wahrnehmen können. Darüber hinaus ist zweifelhaft, wie wertvoll das Know-how wettbewerbsunerfahrener Ex-Monopolisten zur Zeit für Stadtwerke sein kann.

Richtig ist: nicht jede Gemeinde benötigt ein unabhängiges Stadtwerk. Effizientes Wirtschaften setzt eine kritische Mindestgröße voraus. Deshalb ist nicht ausgeschlossen, daß es in Zukunft zur Ausschöpfung von Synergien verstärkt zu Kooperationen und auch Zusammenschlüssen zwischen einzelnen Stadtwerken kommen wird.

Entscheidend für den zukünftigen Erfolg ist, dass sich Stadtwerke intensiv mit der eigenen Rolle auseinandersetzen, ihre Angebotspalette überprüfen und ihre zukünftige Position im Markt definieren. Kundennähe und innovative Vor-Ort-Dienstleistungen stellen Vorteile im Wettbewerb dar, welche die Grundlage einer starken und unabhängigen Marktstellung von Stadtwerken sein können.

Kundennähe ist ein Trumpf der Stadtwerke

Beispielsweise die Wingas bietet Stadtwerken mit dem Partnerkonzept eine individuelle partnerschaftliche Unterstützung auf Basis einer Win-win- Situation für alle Beteiligten an. In Zusammenarbeit werden für das ErdgasMarketing der Stadtwerke zielgerichtete Maßnahmen zur Akquirierung neuer Kunden und zur Kundenbindung erarbeitet. Darüber hinaus werden Marktforschungsstudien durchgeführt, bei denen die Spezialisten der Wingas Antworten auf wettbewerbsrelevante Fragestellungen finden. Mit der Erstellung eines realistischen Marktbildes wird Optimierungspotenzial aufgezeigt, das dazu dient, die starke Marktposition der Stadtwerke langfristig zu sichern.

Die beginnende Öffnung des Gasmarktes und der dadurch aufkommende Wettbewerb sollte nicht durch eine „Beteiligungsmonopolisierung“ eingeschränkt werden. In einem funktionierenden Markt mit wettbewerbsfähigen Angeboten ist die Sicherung von Absatzmärkten durch vertikale Integration nicht erforderlich. Auch die Wettbewerbshüter sind aufgerufen, eine Entwicklung zu verhindern, in der Stadtwerke durch scheinbare Minderheitsbeteiligungen ihre Unabhängigkeit verlieren.

Dr. Regina Hill, Wingas GmbH, Kassel

Erschienen in Ausgabe: 09/2000