»Stärkere Führung im Sinne eines Projektmanagements«

Menschen

»Ein Energie-Ministerium könnte eine wichtige Rolle in der deutschen Energiewende übernehmen.«

22. Mai 2012

Für manche klingt Masterplan zu sehr nach Planwirtschaft. Wettbewerb vielfältiger Optionen und technischer Lösungen sei in Gefahr. Was ist Ihre Intention – was wollen Sie geregelt und abgesprochen wissen?

Energiewirtschaft und -technologien werden von staatlichen Vorgaben – und zunehmend auch aus Brüssel – beeinflusst. Förderungen der Erneuerbaren beispielsweise haben Auswirkung auf den Energiemix und damit auf die Auslegung, Technologie und Normung der Netztechnik. Allerdings muss dabei der Wettbewerb nicht leiden. Basierend auf den Einspeisebedingungen trugen private Investitionen wesentlich zur Entwicklung der PV-Branche bei. Hier haben sich Wettbewerb und politischer Rahmen ergänzt.

Diese Impulse ersetzen jedoch kein Gesamtkonzept für die Energiewende. Derzeit hat man eher den Eindruck, dass zu viele Köche die Suppe salzen. Auch wenn alle hervorragende Köche sind, weiß man, was passiert. Wichtig ist daher eine stärkere Führung im Sinne eines Projektmanagements, das viele der heutigen, sinnvollen Ansätze – auch aus der Politik – bündelt und mit klaren Vorgaben oder realistischen Erwartungen führt.

Wer sind die Partner? Wer redet mit?

Wesentliche Partner aus Wirtschaft, Forschung und Politik sitzen bereits an vielen ›Runden Tischen‹. Der VDE sowie die DKE als Normungsorganisation beteiligen sich mit ihren technischen Experten an den Diskussionen. Viele sinnvolle Initiativen sind gestartet worden. So wurde beispielsweise mit E-Energy ein großes Förderprojekt initiiert, das in diesem Jahr auslaufen wird und dessen Erfahrungen sicherlich in einen solchen Masterplan einfließen müssen.

Seitens der Normung gibt es bereits gute Erfahrungen mit ausbalancierter Kooperation. Gerade die europäische Politik hat nach anfänglich zu weitreichendem Regelungsanspruch eine geschickte Lösung gefunden, die unter dem Begriff New Approach bekannt wurde: Der Staat gibt nur den Rahmen vor und formuliert seine allgemeinen Ziele, die dann in der Normung durch die Experten aus den jeweils betroffenen Industrien und Fachkreisen in technische Regeln überführt werden und die Gesetzgebung unterstützen.

Beim Netzausbau sind ganz unterschiedliche Zahlen über die Notwendigkeit im Gespräch. Wie lässt sich sicherstellen, dass interessante Technologieansätze nicht unter die Räder kommen?

Die Gefahr besteht, lässt sich aber nicht ganz verhindern. Wir können nicht nur forschen und neue Technologieansätze bewerten. An einem bestimmten Punkt müssen auch Entscheidungen getroffen werden. Gerade mit unseren VDE-Studien, die kein Lobby-Interesse, sondern das technologisch sinnvoll Machbare vor Augen haben, trugen unsere Experten in den letzten Jahren zur Meinungsfindung bei und brachten neue Technologieansätze in die Diskussion ein. Die Normung stellt durch Beteiligung der betroffenen Fachkreise und durch das Konsens-Prinzip sicher, dass nicht nur technologischer Mainstream berücksichtigt wird.

Warum sollte ein Masterplan nur einen Teilaspekt der Energiewende abdecken?

Lassen Sie mich etwas plakativ antworten: Normung ist nicht alles, aber ohne Normung ist alles nichts. In allen Reden zum Smart Grid wird über fehlende Normen geklagt. Das zeigt die Bedeutung der Normung, auch wenn die Aussagen nicht richtig sind: Viele wichtige Normen sind bereits vorhanden. Auf diese kann im Weiteren aufgebaut werden.

Natürlich müssen neben der Normung auch andere Bereiche in den Masterplan einbezogen werden. Ich würde es daher eher umgekehrt sehen: Die Rahmenbedingungen, die für die Energiewende notwendig sind, können in einigen Bereichen Änderungen oder Neuentwicklungen von Normen erforderlich machen, gerade weil die Normen die konkrete Umsetzung in Technologie und Investitionen unterstützen.

Würde ein Energie-Ministerium eine wichtige Rolle in der deutschen Energiewende übernehmen können?

Ja, auf jeden Fall, sofern es die richtigen Kompetenzen, Zuschnitt und Experten erhält. Es müsste die oben geforderte Management-Aufgabe übernehmen. Ein zukünftiger Energieminister wäre somit der ›Projektleiter‹ für die Energiewende. (vt)

Vita

Dr.-Ing. Bernhard Thies

studierte Energietechnik an der RWTH Aachen. Berufliche Laufbahn bei ABB – zunächst bei ABB Schaltanlagen in Hanau-Großauheim.

seit 1999 stellvertretender Geschäftsführer der DKE – Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik im DIN und VDE. Ab 2007 Sprecher der DKE-Geschäftsführung. Deutscher Vertreter in Gremien von CENELEC und IEC.

Seit April 2008 Vorlesungen an der RWTH Aachen.

Erschienen in Ausgabe: 05/2012