Start mit Day-ahead-Market, später Strom im Stundenraster

Strombörse in Warschau soll den Markt beleben

Fast genau im Zeitplan startete die Strombörse in Warschau. Im ersten Schritt wird ein Day-ahead-Market realisiert, später soll ein stundenweiser Börsenhandel möglich sein. Voraussichtlich 2001 oder 2002 wird ein finanzieller Markt für Futures eingeführt werden. Doch bis es soweit ist, sind noch einige Hemmnisse zu beseitigen.

17. April 2001

Seit Juli 2000 ist die Warschauer Strombörse (Gielda Energii, Warsaw Power Exchange) in Betrieb. Wenngleich sich die Umsätze gegenwärtig nur langsam entwickeln, so wurden doch durch die weitgehend pünktliche Einführung der Börse am polnischen Energiemarkt die Zweifel vieler Skeptiker widerlegt. Viele waren noch Anfang des Jahres der Auffassung, dass dieser Schritt erst mit erheblicher Verspätung realisiert werden könnte.

Wesentliche Hindernisse hemmen die Entwicklung

Dennoch wird sich erst mittelfristig zeigen, ob das Projekt den erwünschten Erfolg bringt. Noch sind für eine erfolgreiche Marktentwicklung wesentliche Hindernisse zu erkennen. Diese sind einerseits auf der Seite der möglichen Teilnehmer, andererseits aufgrund der Beschränkung des nicht bereits durch langfristige Lieferkontrakte abgedeckten Marktes zu sehen.

Im April des vergangenen Jahres nahmen die Minister des Staatsschatzes, für Wirtschaft und für Finanzen Polens ein Liberalisierungsschema für den Elektrizitätsmarkt sowie einen Privatisierungsplan für den Stromsektor an. Im Dezember 1999 wurde zudem durch das ökonomische Komitee des Ministerrates (KERM) ein Dokument verabschiedet, in dem die geplanten, operativen Regeln des Elektrizitätsmarktes in Polen im Jahr 2000 und später beschrieben wurden, wobei eine Marktstruktur unter Einbeziehung einer Strombörse dargestellt wurde.

Die Gründung der Warschauer Strombörse als Unternehmen leitete eine Ausschreibung ein, die durch den polnischen Minister des Staatsschatzes im Juli 1999 veröffentlicht wurde. Sie zielte auf die Auswahl des Konsortiums ab, das die Strombörse gründen und ins Leben holen sollte. Im September 1999 wurde der Gewinner der Ausschreibung ausgewählt: ein Konsortium, das durch das polnische Unternehmen Elektrim S.A. angeführt wurde.

Im November 1999 fiel der Startschuss

Am 29. November 1999 wurde die Strombörse durch die Gründungsmitglieder in Leben gerufen. Das Unternehmen wurde am 7. Dezember 1999 registriert. Dabei war eine Aufnahme der ersten Transaktionen innerhalb von sechs Monaten nach dem Registrierungszeitraum beabsichtigt. Dieser Zeitpunkt wurde weitestgehend eingehalten.

Die Strombörse wird in einer Reihe von Entwicklungsschritten aufgebaut werden. Zunächst wird eine Etablierung des physischen Marktes erfolgen; dabei ist an eine schrittweise Entwicklung gedacht, wobei zunächst ein Day-ahead-Market etabliert werden wird, der später in ein Hour-ahead-Market erweitert werden soll. Auf dem Day- ahead-Market werden physische Kontrakte für einen Tag im Voraus angeboten. Er umfasst letztlich je Tag 24 unabhängige, separate Märkte, auf denen die Teilnehmer frei kaufen und verkaufen können. Die Verkaufs- und Kauforders werden auf der Angebots- oder Nachfragekurve zum Ausgleich gebracht. Damit handelt es sich um ein einfaches, dem Konzept des LPX vergleichbares System. Der Hour-ahead-Market wird hierbei letzten Endes nur eine Verfeinerung darstellen.

Im Jahr 2001 oder 2002 wird voraussichtlich ein finanzieller Markt für Futures eingeführt werden. Damit soll den Marktteilnehmern ein effizientes Mittel zur Absicherung der Risiken im Kauf und Verkauf von Stromkontrakten an die Hand gegeben werden.

Die Aufnahme als Teilnehmer in der Strombörse in Warschau soll grundsätzlich mit geringen Aufnahmehürden versehen sein. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass die erforderlichen Einrichtungen, um im Stundentakt die abgenommene Energie auch de facto messen zu können, bei vielen potenziellen Kunden nicht vorhanden sind. Aus diesem Grunde ist die gegenwärtige Beteiligung an der Strombörse geringer als erhofft. Gegenwärtig sind 24 Unternehmen als Teilnehmer an der Strombörse bekannt.

Derzeit 24 Teilnehmer an der Strombörse

Eines der maßgeblichen aktuellen Probleme für eine Ausweitung des Anteils des an der Strombörse gehandelten Stroms in Polen sind die noch immer nicht beseitigten, sogenannten langfristigen Kontrakte, in denen den polnischen Kraftwerken durch den Netzbetreiber PSE S.A. eine langfristige Abnahme des erzeugten Stroms zu günstigen Konditionen zugesichert wurden. Diese langfristigen Kontrakte dienten damit zur Absicherung von Krediten, die zur Finanzierung von Modernisierungsinvestitionen erforderlich waren.

Das damals sinnvolle Instrument, um die Modernisierungsinvestitionen in Gang zu bringen, erweist sich heute als Klotz am Bein des polnischen Marktes. Das liegt daran, dass durch diese Verträge bis zu 80 % der nachgefragten Strommenge bereits abgedeckt sind, noch dazu durch ein Marktsubjekt (PSE S.A.), das ausschließlich als Netzbetreiber fungieren sollte, nicht jedoch als der maßgebliche Auf- und Verkäufer elektrischer Energie am nationalen Markt.

Für die Lösung dieses Problems der langfristigen Kontrakte werden gegenwärtig eine Vielzahl von Lösungsvorschlägen diskutiert, wobei man regierungsseitig von einer endgültigen Lösung bis zum Anfang des kommenden Jahres ausgeht. Das momentan favorisierte Konzept ist das Einführen sogenannter Kompensationszahlungen, wobei die Mehrkosten zur Refinanzierung der Kredite letzten Endes über Netznutzungsgebühren abgegolten werden sollen.

Deregulierung hinkt der Privatisierung hinterher

Welche Konsequenzen sich aus der Einführung der Strombörse für die weitere Entwicklung des polnischen Elektroenergiemarktes ergeben werden, ist noch nicht abzusehen. Ein generelles Problem der polnischen Energetik ist, dass die Deregulierung des Marktes - trotz aller offensichtlichen Probleme und ungelösten Fragen - der Privatisierung zeitlich hinterherhinkt. Es ist eine allgemeine Auffassung, dass der geeignetste Zeitpunkt für die Privatisierung vor zwei bis fünf Jahren gewesen wäre; seither hat das Vertrauen möglicher Investoren in den polnischen Elektroenergiesektor bedenklich nachgelassen, wie die Problematik bei der Realisierung einer Reihe von Privatisierungsfällen zeigt.

Daher ist zu hoffen, dass die Einführung der Strombörse nunmehr einen Impuls setzt, der sowohl die Deregulierung als auch die für deren Erfolg unabdingbare Privatisierung zu einem nicht mehr zu verlangsamenden Prozess macht.

Dr. Markus Reichel ist Geschäftsführer der EconTrade Deutschland GmbH, Dresden; Dipl.-Kfm. Maciej Bodnar ist Geschäftsführer der EconTrade Polska sp. z o.o.

Energiehandel in und mit Osteuropa Enertec-Kongress

Auch in Osteuropa wirkt sich die Liberalisierung des europäischen Energiehandels aus, weswegen sich die Thematik im Rahmenprogramm der Leipziger enertec - Internationale Fachmesse für Energie (13. bis 16. März 2001) niederschlägt: Die EconTrade Deutschland GmbH veranstaltet im Rahmen der enertec den Kongress „Elektrizitäts- und Gashandel in und mit Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei“.

Schwerpunkte des Kongresses sind bisherige Erfolge und Aussichten der Privatisierungsprogramme in den betreffenden Ländern, Erfahrungen mit der Deregulierung, grenzüberschreitender Stromhandel und Marktpotenziale von Kraft- Wärme-Kopplung und regenerativer Stromerzeugung.

Mit der Energiewirtschaft in Osteuropa beschäftigt sich ein weiterer Kongress im Rahmen der enertec: Die Neustrukturierung der Energiemärkte in Südosteuropa steht im Mittelpunkt der „Energietagung Südosteuropa“.

Die Tagung konzentriert sich auf die Länder des ehemaligen Jugoslawiens (Kroatien, Makedonien, Slowenien und Kosovo) sowie Albanien, Bulgarien und Rumänien. Organisiert wird diese Tagung in Kooperation mit der NBLD Ost Consult Holding GmbH. Weitere Informationen erteilt:

Dr. Deliane Träber

Tel. 03 41/6 78-82 97

Fax: 03 41/6 78-82 92

E-Mail: d.traeber@leipziger-messe.de

Internet: http://www.enertec-leipzig.de

Erschienen in Ausgabe: 08/2000