In Bayern haben wir nach der Stilllegung des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld schon in zwei Jahren ein Versorgungsproblem«, warnte der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) Alfred Gaffal, als er über das mittlerweile zweite Energiewende-Montoring des VBW im Dezember 2013 in München informierte.

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»Es ist zu befürchten, dass Bayern zu diesem Zeitpunkt wegen fehlender Leitungen und Reservekraftwerke den benötigten Strom weder aus anderen Regionen Deutschlands noch aus dem Ausland beziehen kann. Bis die Thüringer Strombrücke voraussichtlich erst 2017 steht, brauchen wir einen Plan B«, stellte Gaffal klar – und forderte die bayerische Staatsregierung auf, sich um die Garantie der Versorgungssicherheit zu kümmern.

Dementsprechend nannte der Hauptgeschäftsführer der Bayerischen Industrie- und Handelskammern (BIHK) Peter Driessen die »Thüringer Strombrücke das wichtigste und vordringlichste Projekt«. Dies sagte er im November 2013 anlässlich der Präsentation der Studie ›Energienetze in Bayern‹, die BIHK und der Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft VBEW von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft FfE durchführen ließen.

Verbindung zwischen Nord und Süd

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Die 380-kV-Höchstspannungsleitung zwischen Remptendorf in Sachsen Anhalt und Redwitz in Bayern ist aktuell die einzige Verbindung zwischen dem nördlichen und süddeutschen Stromnetz. Nicht nur bei den zuständigen Netzbetreibern 50Hertz und Tennet stellt diese Leitung ein Transportnadelöhr dar. »Sie ist heute schon häufig überlastet«, betonte Driessen. Gingen weitere Kernkraftwerke in Bayern vom Netz, werde hier die Stromtransportmenge noch einmal kräftig steigen. Sein dringender Appell lautete daher: »Die Thüringer Strombrücke muss bis Ende 2015 fertiggestellt sein.« Gemeint sind damit die drei Abschnitte der Südwest-Kuppelleitung auf ostdeutscher Seite, für die 50Hertz verantwortlich ist, und das Anschlussstück von der bayerischen Landesgrenze bis Redwitz, mit dem Tennet betraut ist.

6,6 Milliarden Euro für Netz Ausbau

Während der erste Abschnitt Bad Lauchstädt-Vieselbach von 50Hertz schon seit 2008 fertig ist, laufen beim zweiten Abschnitt Vieselbach-Altenfeld gerade die Bauarbeiten. Für die 26km von Altenfeld in Thüringen bis zur bayerischen Landesgrenze und die anschließenden 31km bis Redwitz läuft das Planfeststellungsverfahren. Auf Anfrage im Januar 2014 erklärten beide Netzbetreiber, dass sie davon ausgingen, mit ihren Abschnitten 2015 fertig zu werden und mit einem Planfeststellungsbeschluss Mitte 2014 planten. Sollte sich keine Klage anschließen und der Baustart zeitnah zur zweiten Jahreshälfte erfolgen, stehe einer planmäßigen Fertigstellung nichts entgegen, hieß es bei 50Hertz.

Hauptgeschäftsführer Driessen hat daran Zweifel, weil alle Erfahrungen mit jüngsten Großprojekten in Deutschland dagegen sprächen. Für genau so unverzichtbar für die Versorgungssicherheit hält er die geplante 85km lange Gastransporttrasse ›Monaco 1‹ von Burghausen nach Finsing. Der Engpass in der Kälteperiode im Februar 2012 habe das gezeigt. Zugleich müsse 2022 die Transportkapazität noch mehr steigen, um die Gaskraftwerke zu versorgen.

Mit Monaco 1 könnten Speicher schneller gefüllt und Kraftwerke jederzeit ausreichend versorgt werden. Selbst die EU habe die Gasstrasse als vordringlich eingestuft. »Bau und Inbetriebnahme bis 2017 sind noch realistisch«, betonte Driessen. Doch müssten die Beteiligten wie Landwirte, Kommunalpolitiker und Planungsbehörden mitziehen. Die Kosten für den Ausbau aller erforderlichen Strom- und Gasnetze in Bayern betragen laut Studie 6,6Mrd.€.

Steigende Strompreise als Problem

Für problematisch hält Driessen das aktuelle Netzausbautempo, wenn er davon spricht, dass bei 40km neuen Leitungen im Jahr »die im Netzentwicklungsplan bis 2022 stehenden 8.000 km in Deutschland erst in 200 Jahren fertig wären«. Soll der Plan jedoch gelingen, müsse das 20-mal schneller gehen.

Dazu erhitzen in Bayerns Wirtschaftskreisen vor allem steigende Strompreise die Gemüter. Auf ihrem Spitzengespräch am 8. Januar 2014 bekundeten BIHK und die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, dass sie der Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit höchste Priorität einräumten. »Die größte Herausforderung für Bayern sehe ich in den steigenden Strompreisen. Sie gilt es zu stoppen«, bekräftigte die Ministerin gegenüber Energiespektrum im Januar. »Als starker Industriestandort ist der Freistaat vom Anstieg der Strompreise besonders betroffen und auf eine jederzeit sichere Stromversorgung angewiesen. In den Koalitionsverhandlungen auf Bundesebene haben wir die richtigen Weichen gestellt.« Damit die Energiewende nun bezahlbar bleibe, sei eine grundlegende Reform des EEG schnell nötig.

Spitzenposition bei Erneuerbaren

Mit dem Eckpunktepapier zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, das deutlich niedrigere Förderkosten für neue Ökostromanlagen vorsieht, geben sich BIHK und VBW indes nicht zufrieden. »Wir brauchen den Doppelschritt: grundlegende Reform des EEG und Senkung der Stromkosten«, unterstrich VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt am 21. Januar seine Forderungen.

Förderkürzungen allein könnten den Anstieg der Strompreise zwar verlangsamen, aber nicht auf international wettbewerbsfähiges Niveau bringen. Bayerns Industrie- und Handelskammern sprachen sich an dieser Stelle erneut für eine Senkung der Stromsteuer aus, um schon heute Entlastung zu schaffen und nicht erst in zwei oder drei Jahren.

»Um die Versorgungssicherheit zu garantieren, müssen die Stromnetze ausgebaut, Reservekraftwerke vorgehalten und ein Kapazitätsmechanismus, mit dem die Bereitstellung flexibler und gesicherter Erzeugungsleistung honoriert wird, eingeführt werden«, fasste Aigner das Aufgabenspektrum zusammen. Im Freistaat selbst nehme der Ausbau der erneuerbaren Energien mit einem Anteil von 32% am Stromverbrauch innerhalb Deutschlands eine Spitzenposition ein. Bis zum Jahr 2018 sollen es 40 Prozent sein.

Gemeinsames Positionspapier

Weil erneuerbare Energien einerseits überraschend stark gestiegen seien, aber andererseits der Netzausbau nicht Schritt hielt und die EEG-Umlage sich sehr erhöhte, »muss die Energiewende jetzt mit mehr Realismus umgesetzt werden«, so Aigners Fazit. Mit der Verabschiedung einer tiefgreifenden EEG-Reform auf Bundesebene im Rahmen des Koalitionsvertrages rechnet ihr Haus bis Mitte 2014.

»Sobald diese Reform umgesetzt ist, wird die Staatsregierung das bayerische Energiekonzept aus dem Jahr 2011 fortschreiben«, ließ ein Ministeriumssprecher wissen. Daraus werde der künftige Beitrag der einzelnen erneuerbaren Energien ersichtlich werden.

Als Reaktion auf Gabriels Eckpunktepapier trat Ministerin Aigner ganz im Sinn der VBW für den Erhalt der Ermäßigungen bei der EEG-Umlage für die stromintensive Industrie ein, da ohne sie die Wettbewerbsfähigkeit zahlreicher Industrieunternehmen mit ihren Arbeitsplätzen in Bayern akut gefährdet wäre.

Die Thüringer Strombrücke handhabt die Regierungsspitze im Freistaat als »dringlichstes Vorhaben«. An der fristgerechten Fertigstellung bis Ende 2015 arbeiteten alle Beteiligten mit Nachdruck. Um sich an der Diskussion über Gabriels Reformeckpunkte konstruktiv zu beteiligen, haben Bayern und Baden-Württemberg in einem Positionspapier bei der Umsetzung der Energiewende einen gemeinsamen Weg skizziert, gab Bayerns Staatsregierung am 28. Januar bekannt.

Beide Länder hätten einen hohen Anteil an Kernenergie zu kompensieren und ständen mit ihrer Industrie im internationalen Wettbewerb, sagten Ministerpräsident Horst Seehofer und sein Baden-Württemberger Amtskollege Winfried Kretschmann. Langfristige Versorgungssicherheit und kostengünstiger Strom müssten daher das Ziel sein. Detailvorschläge sollen folgen.

Josephine Bollinger-Kanne