Strategie-Element Q

Management/Regulierung

Energienetze Heute hat das Zuverlässigkeitsniveau eines Netzes noch keine direkte Auswirkung auf die Erlöse des Netzbetreibers. Dies wird sich jedoch mit der Einführung der Qualitätsregulierung ändern.

09. April 2010

Insbesondere die Befürchtung, dass Netzbetreiber im Rahmen der Anreizregulierung der betriebswirtschaftlichen Sichtweise Vorrang geben könnten, hat dazu geführt, dass mit dem Qualitätselement ein Instrument zur Berücksichtigung der Versorgungsqualität in die Anreizregulierungsverordnung (ARegV) aufgenommen wurde. Diese Sichtweise bestätigt auch Dr. Wolfgang Fritz: »Es ist allgemein bekannt und auch anerkannt, dass die Qualität leiden könnte, wenn die Regulierung ausschließlich auf die Senkung oder Begrenzung der Kosten oder Preise abzielen würde«, sagt der Geschäftsführer der Consentec GmbH. Deswegen sei es auch richtig, dass schon im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und in der ARegV die Ergänzung um die Qualitätsregulierung vorgegeben worden sei.

Das Unternehmen berät die Bundesnetzagentur (BNetzA) bei der Umsetzung der ›Qualitätsregulierung‹. Die BNetzA hat dafür zwei Beratungsprojekte ausgeschrieben, einerseits zur ›Netzzuverlässigkeit‹ und andererseits zur ›Netzleistungsfähigkeit‹. Consentec unterstützt die Behörde gemeinsam mit Frontier Economics und der FGH beim Thema Netzzuverlässigkeit. Dabei fokussiere man die Zielsetzung schlicht auf eine sachgerechte Qualitätsregulierung, ergänzt Professor Joachim Müller-Kirchenbauer, Associate bei Consentec. »Das bedeutet für uns, dass die richtigen Anreize zu einer gesamtwirtschaftlichen Optimierung gesetzt werden. Dies wird dann erreicht, wenn die Grenzkosten für die Vermeidung von Versorgungsunterbrechungen dem Qualitätspreis aus Sicht der Kunden entsprechen.« Dabei erwartet er nicht, dass sich kurzfristig insgesamt deutliche Änderungen des Qualitätsniveaus ergeben, sondern eher »eine längerfristige Stabilisierung erfolgt und so eine Qualitätsverschlechterung vermieden werden kann, die ohne zügige Einführung eines Qualitätselementes drohen könnte«.

Zügig und einfach

Die Vorschläge des Beraterkonsortiums für das Qualitätselement Zuverlässigkeit zielen darauf ab, möglichst zügig mit einem einfachen System einzusteigen, das auf den heute belastbar verfügbaren Daten basiert, Versorgungsunterbrechungen ab drei Minuten Dauer berücksichtigt und zunächst nur die Nichtverfügbarkeit, also die durchschnittlichen Stromausfalldauern je Kunde und Jahr, in einem Netzgebiet zum Gegenstand hat.

Im Wesentlichen sollen alle Ursachen für Versorgungsunterbrechungen mit berücksichtigt werden (mit Ausnahme der Fälle höherer Gewalt), damit auch die Anstrengungen der Netzbetreiber belohnt werden, Störungen durch Fehler Dritter wie Bauunternehmer zu verhindern oder deren Auswirkung zu begrenzen. Die Bewertung der Unterbrechungsminuten soll zunächst auf Basis von Literatur- und internationalen Vergleichswerten erfolgen, die auf die deutschen Gegebenheiten angepasst werden.

»Um hier eine noch besser angepasste Bewertungsbasis zu erhalten, empfehlen wir eine möglichst zeitnahe Kundenbefragung in Deutschland«, sagt Fritz. Diese sollte dann auch die Grundlage für eine weitere Differenzierung in den nächsten zwei bis drei Jahren bilden, nach der neben der Dauer auch die Häufigkeit von Unterbrechungen bewertet und auch nach verschiedenen Kundengruppen unterschieden werden soll.

Dabei legt der Experte keinen wesentlichen Fokus auf die Mindestdauer der Versorgungsunterbrechung: »Zwischen drei, zwei oder einer Minute Unterbrechung liegt kein systematischer Unterschied.« Auch sehr kurze Unterbrechungen von nur einigen Sekunden könnten für einige Industriekunden sehr kostspielig sein, wenn sensible Produktionsprozesse davon betroffen seien.

Laut Fritz erlaubt die derzeitige Datenlage für das generelle Q-Element kurzfristig gar keine andere Vorgehensweise, als mit drei Minuten zu beginnen. Längerfristig sollte man aber auch über eine Erfassung kürzerer Versorgungsunterbrechungen nachdenken.

Wie lässt sich aber Qualität am geeignetsten monetär bewerten? »Der Preis bildet sich im Wettbewerb aus dem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage«, antwortet Experte Fritz. Müller-Kirchbauer ergänzt, dass dieses Prinzip auch für die Versorgungsqualität gelten sollte, hier aber ungleich schwieriger anzuwenden sei als in gewöhnlichen Märkten. Die beste Annäherung sehen beide in einer guten und regelmäßigen Kundenumfrage in Deutschland.

Bis deren Ergebnisse vorliegen, sei es aber besser, die Monetarisierungsansätze aus internationalen Vergleichs- und Literaturquellen angemessen auf Deutschland zu übertragen, als den aktuellen Stand – nämlich einen Preis von null, der ja derzeit gilt – beizubehalten. »Auf dieser Grundlage schlagen wir einen Preis von 18 bis 22 Cent pro Minute Unterbrechungsdauer je Kunde und Jahr vor«, berichtet der Geschäftsführer.

Netzkosten unbeeinflusst

Nach den Vorschlägen von Consentec wird sich übrigens das Qualitätselement nicht auf die gesamten Netz(nutzungs)-kosten auswirken. »Die einzelnen Elemente sollen so bemessen sein, dass sich insgesamt weder gezielte Überschüsse noch Unterdeckungen aus dem Q-Element ergeben, sondern dass das, was Netzbetreiber mit hoher Qualität als Bonus bekommen, in Summe dem Malus der Netzbetreiber mit schlechter Qualität entspricht«, erläutert Regulierungsexperte Fritz.

Bei der Bewertung können die deutschen Fachleute auf Erfahrungen aus dem Ausland zurückgreifen. So hat man etwa in Großbritannien, Italien und den Niederlanden teilweise langjährige Erfahrungen mit unterschiedlichen Qualitätsregulierungssystemen gesammelt. »Daraus kann man lernen – auch, welche Fehler zu vermeiden sind«, sagt Fritz.

Das italienische System soll beispielsweise gezielt die Qualität verbessern und ist daher insgesamt nicht übertragbar. Die Niederlande sind hingegen näher an den deutschen Verhältnissen, sodass man Erkenntnisse zur Bewertungsmethodik, also zur Frage, was der monetäre Wert einer Versorgungsunterbrechung ist, besser übertragen kann.

Hierzulande ist man beim Q-Element in der Netzwirtschaft einige Schritte voran gekommen. Der Auftrag zur Netzzuverlässigkeit wurde im März 2009 vergeben. Das Beraterkonsortium hat ein Konzept entwickelt, das im Juni 2009 in einem Verbändegespräch vorgestellt und unter Berücksichtigung von Stellungnahmen überarbeitet wurde.

Im Oktober fand ein erneutes Arbeitstreffen mit den Verbänden statt, auf dessen Grundlage das Konsortium den Bericht entworfen und an die BNetzA übermittelt hat. Damit liegen laut Fritz jetzt ein »vollständiges Konzept, eine Parametrierung für die Einstiegsvariante und eine Modellrechnung für die Überprüfung der Auswirkungen« vor.

In wesentlichen Punkten konnte ein grundlegender Konsens gefunden werden; hierzu zählen Aspekte wie die Belastbarkeit der Datengrundlage in Form der Meldungen an die BNetzA nach §52 EnWG. Übereinstimmung fand man auch bei der Grundstruktur der Einstiegsvariante: Ein möglichst einfacher, linearer Verlauf des Q-Elements, der sich an den Ausfallkosten der Kunden orientiert und die Netzerlöse nicht insgesamt, sondern nur für die jeweiligen Netzbetreiber mit über- oder unterdurchschnittlicher Qualität beeinflusst. Zu einigen Punkten, wie der Abgrenzung höherer Gewalt als Ursache für Versorgungsunterbrechungen und der Berücksichtigung gebietsstruktureller Unterschiede in den Kenngrößenvorgaben, besteht hingegen noch Klärungsbedarf.

Deutliche Differenz zu Gas

Die offenen Punkte sind in den Bericht an die BNetzA aufgenommen. Jetzt steht die Beschlussfassung durch die BNetzA an, die zu diesem Thema auch den Austausch mit den Landesregulierungsbehörden umfasst, und dann die Umsetzung in eine formale Festlegung auf Grundlage der ARegV. Das Qualitätselement könnte dann aus Sicht des Beraterkonsortiums zum 1.1.2011 eingeführt werden.

Dies gilt zunächst für den Sektor Strom. Dass die zeitliche Möglichkeit und Notwendigkeit für die Einführung eines Qualitätselementes im Strom- und Gassektor deutlich auseinanderfallen, habe schon die ARegV richtig aufgegriffen, betont Fritz. Consentec berät den Branchenverband DVGW derzeit zu gasspezifischen Aspekten der Qualitätsbewertung.

Dabei geht es laut Müller-Kirchenbauer um vier wesentliche Unterschiede: Erstens sei die durchschnittliche Zeit pro Jahr, die ein Kunde nicht versorgt werden könne, für Gas deutlich niedriger als für Strom; der Faktor liegt bei 20. Zweitens seien Datenlage und Definition geeigneter Qualitätsparameter erheblich diffiziler. Drittens werfe die Qualitätsbewertung aus Kundensicht weitere Schwierigkeiten auf, da die sehr unterschiedliche Spürbarkeit von Versorgungsausfällen bei Strom und Gas den Kunden eine Bewertung von Gasversorgungsunterbrechungen noch schwieriger mache, als dies im Strombereich schon sei. Und viertens lägen auch internationale Erfahrungen nur in viel geringerem Umfang vor. (mn) <

Bericht 2008

16,89 Minuten stromlos

Die durchschnittliche Nichtverfügbarkeit von Strom lag 2008 bei nur 16,89 Minuten je Letztverbraucher.

Das geht aus den Berichten hervor, die der BNetzA von den deutschen Stromnetzbetreibern vorgelegt wurden. In die Berechnung gehen nur die ungeplanten Unterbrechungen ein, die länger als drei Minuten dauern und deren Ursache atmosphärische Einwirkungen, Einwirkungen Dritter, Rückwirkungsstörungen aus anderen Netzen oder andere Störungen sind, die in die Zuständigkeit des Netzbetreibers fallen.

Erschienen in Ausgabe: 2-3/2010