Strategie für ›Internet der Energie‹

Management

Trendforschung - Die Stadtwerke und Energieversorger sind gezwungen, sich neu zu orientieren, weil sich zwischen Energiewende und Marktliberalisierung das Geschäft drastisch verändert. In der Wechselwirkung dieser beiden Pole liegen Risiken und Chancen dicht beieinander: Gelingt es, schnell umzudenken und Neues zu wagen oder machen andere, gar Branchenfremde, das Rennen?

01. August 2013

Zwei Studien zu Strategien und Trends bei Stadtwerken und EVU kamen im Frühsommer heraus: Die ›Stadtwerke-Studie 3.0‹, die Ernst&Young traditionell auf dem BDEW-Kongress in Berlin vorgestellt hat und die von CGI und trend:research gemeinsam erarbeitete Studie ›Strategiewende zur Energiewende? – Zukünftige Ausrichtung der Stadtwerke‹. Auch wenn beide Studien unterschiedliche Aspekte betonen, kommen sie im Kern zum gleichen Ergebnis.

Die Ernst&Young-Studie zeigt folgende Detailpunkte auf: Traditionelle Versorger bekommen Konkurrenz von Unternehmen aus energienahen Branchen – diese können jedoch auch als Kooperationspartner mit Spezial-Knowhow wichtig sein. Energieversorger unterschätzen das Potenzial IT-gestützter Energielösungen und das ›Internet der Energie‹, für das Datensicherheit die größte Herausforderung sein wird.

Dezentrale Erzeugung ist Basis der Energiewende

Weil Energie in Deutschland verstärkt dort erzeugt wird, wo sie gebraucht wird, bekommen die traditionellen Energieversorger starke Konkurrenz, so die Studie. Bereits heute erzeugt fast jedes zweite Unternehmen (47%) aus energienahen Branchen selbst Energie, ein weiteres Viertel plant ein solches Engagement für die nächsten Jahre. Blockheizkraftwerke, PV-Anlagen, Windkraft und Biomasse sind hier die wichtigsten. Mehr als drei Viertel dieser Unternehmen sind der Meinung, dass die Energiewende nur mit dezentraler Energieerzeugung gelingen kann, und sechs von sieben Befragten glauben, dass neue Marktteilnehmer wie Unternehmen mit eigenen Heizkraftwerken, Stromhändler oder Anbieter von Solarpaneelen deshalb weiter an Bedeutung gewinnen werden.

»Das Potenzial dezentraler Energieerzeugung ist noch lange nicht erschöpft«, sagt Dr. Helmut Edelmann, Director Utilities bei Ernst & Young: »Momentan ist eine gewaltige Umwälzung auf dem Energiemarkt im Gang – und die Energieversorger tun gut daran, schnell aktiv zu werden. Bislang laufen aber vor allem Stadtwerke und Regionalversorger Gefahr, zu langsam auf diese Veränderungen zu reagieren.«

IT- und Kommunikationsstrukturen FürStromfluss-Steuerung immer wichtiger

Hier kommt der zweite wichtige Aspekt ins Spiel: Gerade ein Energienetz mit vielen dezentralen Erzeugern benötigt eine umfassende IT-gestützte Steuerung. Viele Unternehmen haben die damit verbundenen Erfordernisse und Chancen allerdings noch nicht erkannt. Sieht man die Situation bei der dezentralen Erzeugung und bei IT- und Kommunikationsstrukturen im Zusammenhang, zeigt sich die Gefahr, dass externe Wettbewerber Stadtwerken und Energieversorgern den Rang ablaufen – »vor allem wenn es um den riesigen Wachstumsmarkt ›Smart Energy‹ geht«, so Edelmann. Die traditionellen EVU »schauen zu sehr auf ihre direkten Wettbewerber – also andere Energieversorger – und übersehen so, wie wichtig die neuen branchenfremden Player bereits geworden sind.« So laufen sie Gefahr, den Anschluss an die neuen Entwicklungen zu verpassen. »Die Früchte der Energiewende könnten andere einfahren.«

Kompetente Kooperationspartner

Doch sind 47% der befragten Unternehmen schon heute der Ansicht, dass die Stadtwerke kompetente Kooperationspartner brauchen, um das ›Internet der Energie‹ auf den Weg zu bringen. Die neuen Marktteilnehmer sind deshalb für die traditionellen EVU nicht nur Konkurrenten, sondern werden auch dringend als Lieferanten von Branchen-Knowhow, Spezialprodukten und Infrastruktur gebraucht.

Das gilt insbesondere für die zunehmende Bedeutung von IT-Prozessen für die Energieversorgung: »Je mehr Stellen aktiv an der Stromversorgung teilnehmen – EVU, dezentrale Erzeuger, erzeugende Verbraucher – desto komplexer wird auch die Steuerung des Energienetzes. Kein Einzelunternehmen kann hierfür eine überzeugende und effiziente Struktur bieten – das können nur umfassende Kooperationen.«

Bis dahin ist allerdings viel zu tun – und es gibt mehrere dringliche Aufgaben: Jedes dritte Unternehmen, das bereits selbst Energie erzeugt oder das bald vorhat, sieht zum Beispiel in der Beschaffung von Echtzeitinformationen zu Anlagen und Netzen die wichtigste Vorbedingung für die Entwicklung einer ›Smart Energy‹.

Erst auf dieser Basis ist der Aufbau automatisierter Geschäftsprozesse und eines effektiven Datenaustausches möglich. Jedes fünfte Unternehmen sieht deshalb bei der IT-Steuerung dezentraler Erzeugungseinrichtungen großen Nachholbedarf – die Energie soll zwar dort entstehen, wo sie gebraucht wird, doch die Bedienung dieser Anlagen muss nicht unbedingt vor Ort erfolgen. Weitere 15% der energieerzeugenden Unternehmen sehen den Aufbau des Telekommunikationsnetzes als vordringliche Aufgabe.

»Die IT-gestützte Energieversorgung bietet große Chancen, doch viele Energieversorger sehen diese positiven Perspektiven offenbar nicht«, bemängelt Edelmann.

Dabei wird bereits massiv in ›Smart Grids‹ investiert. Experten rechnen dabei mit Investitionen von weltweit 1,5Bio.€ für den Aufbau solcher intelligenter Stromnetze, in denen Stromflüsse automatisch an den aktuellen Bedarf angepasst werden.

Das ›Internet der Energie‹ bezieht zusätzlich Informationen der Marktteilnehmer beispielsweise zur Preisfindung ein und bindet somit auch alle dezentralen Anbieter mit ein. Virtuelle Kraftwerke, intelligente Häuser oder Smart Metering nehmen als Bausteine eines solchen Netzwerks bereits Gestalt an. Dennoch sehen das oben skizzierte umfassende ›Internet der Energie‹ lediglich 42% der befragten Manager aus Unternehmen mit Erfahrung im Bereich ›Smart Energy‹ als unerlässliche Voraussetzung der Energiewende. 11% erkennen sogar überhaupt keine entsprechende Notwendigkeit und halten diese Entwicklung für völlig überflüssig.

>energiespektrum hakte hier gerade bei kleinen Stadtwerken nach und fand auch Befürworter: »Wir sehen das Energie-Internet als ein Modell mit Zukunft«, so Markus Schümann, Geschäftsführer der Stadtwerke Uelzen. »Im Rahmen einer Kooperation mit der utilicount GmbH, einem deutschlandweiten Zusammenschluss von Stadtwerken, beteiligen wir uns am Projekt Smart Watts.« Grundgedanke des Projektes ist es, Informationen über den Energiefluss von der Erzeugung bis zum Verbrauch zu erheben und Informationen über Preis und Qualität der Energie zugänglich zu machen. Schümann: »Mit Smart Watts können wir dauerhaft ein transparentes System realisieren, das uns als Stromversorger, aber auch Geräteherstellern, Dienstleistern und insbesondere unseren Kunden neue Wege zu mehr Energieeffizienz ermöglicht.«

IT-Bedeutung wird unterschätzt

Jeder zweite Befragte mit Erfahrung im Bereich ›Smart Energy‹ sieht in der künftigen IT-Ausrichtung der Energieversorgung sogar nur eine Ergänzung zum traditionellen Geschäft, keineswegs aber die völlige Neuausrichtung. Ebenso viele Unternehmen glauben sogar, dass die zunehmende Nutzung und Übertragung von Informationen im Bereich der Energieversorgung überschätzt wird.

Auch Fragen rund um die Datensicherheit könnten die Unternehmen bislang noch davon abhalten, die Chancen der umfassenden Vernetzung zu nutzen: Für 74% der Befragten, die bereits im Bereich IT/Kommunikation tätig sind, ist der Schutz der Infrastruktur der Energieerzeugung einerseits, die Wahrung der Privatsphäre der Nutzer andererseits das entscheidende Kriterium dafür, überhaupt IT im Bereich der Energieversorgung anzuwenden.

Trotz Trend zur dezentralen Erzeugung: ganz ohne die traditionellen Großkraftwerke wird es nach mehrheitlicher Ansicht auch in Zukunft nicht gehen. 54 % der befragten Unternehmen, die selbst Energie erzeugen oder entsprechende Pläne haben, sind der Ansicht, dass die dezentralen Erzeugungsanlagen die konventionellen Großkraftwerke ergänzen, aber nicht ersetzen werden. Nur jeder fünfte befragte Manager glaubt, dass Deutschland langfristig auch ohne Großkraftwerke auskommen kann.

Soweit die Ergebnisse der ›Stadtwerkestudie 3.0‹, für die 100 Unternehmen befragt wurden. 18 kommen aus der Energiewirtschaft und 82 aus verwandten Branchen wie IT, Telekommunikation, Energiedienstleistungen, Geräteherstellung oder aus energieintensiven Wirtschaftszweigen wie der Chemie.

CGI und das Marktforschungsinstitut trend:research erarbeiteten ihre Studie auf der Basis der Befragung von 70 deutschen Energieversorgern, darunter 66 Stadtwerke. Sie zeigt, welche Wege Stadtwerke aktuell einschlagen, um den neuen Anforderungen zukünftig gewachsen zu sein. Es zeigte sich dabei auch, dass Schlagworte wie Dezentralisierung, Strompreisbremse oder gar Stromlücke nicht nur Verbraucher, sondern auch Versorger verunsichern.

Mitten im aktuellen Umbau der deutschen Energieversorgung aufgrund der Energiewende kommt den Stadtwerken eine Schlüsselrolle zu – denn sie haben eine besondere Nähe zum Endkunden, stellt die Studie fest. Die bisherige geringe Verlässlichkeit der gesetzlichen Vorgaben, fehlende Standardisierungen sowie unzureichende Konzepte zum Netz- und Erzeugungsausbau führten jedoch dazu, dass Stadtwerke und EVU bei der Umsetzung der Energiewende vielfach eine eher abwartende Haltung einnehmen und aufgrund der geringen Planungssicherheit ihre Investitionsentscheidungen verschieben oder auch verwerfen.

Verlässlichkeit gefordert

Um die energiepolitischen Ziele erreichen und wirtschaftlich zumutbar umsetzen zu können, fordern die befragten Unternehmen zukünftig eine höhere Verlässlichkeit der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Hier sprechen die Befragungsergebnisse für sich: 43% der Befragten sprechen sich für eine Anpassung der gesetzlichen Vorgaben an die aktuellen Anforderungen sowie danach eine höhere Zuverlässigkeit und Dauerhaftigkeit der gesetzlichen Vorgaben aus, um so die notwendige Planungs- und Investitionssicherheit zu bekommen. Die Studie kommt sogar zum Ergebnis, dass aktuell das Geschäftsklima in der Energiewirtschaft getrübt sei. Hier fragten die Erheber gezielt, wie Energieversorger das Geschäftsklima in der eigenen Branche und auch das gesamtwirtschaftliche Klima wahrnehmen.

Als Anhaltspunkt wurde ihnen dazu der Mittelwert des ifo-Geschäftsklimaindexes für 2012 genannt, der bei knapp 105 Punkten lag. Kurzfristig rechnen die Befragten mit einer Verschlechterung des Geschäftsklimas in der Gesamtwirtschaft – laut CESifo Gruppe München ist aber der tatsächliche Wert zumindest im Februar 2013 um 3% gestiegen.

Pessimismus bei Geschäftsklima

Das Geschäftsklima in der eigenen Branche halten die befragten Energieversorger insgesamt für weitaus schlechter als das in der Gesamtwirtschaft: Sie beurteilen es für das Jahr 2012 mit einem durchschnittlichen Wert von nur 95,5 Punkten und gehen von einer weiteren Verschlechterung aus. Als Gründe für die negative Bewertung des Energiewirtschaftsklimas nennen die Befragten gestiegenen bürokratischen, technischen sowie finanziellen Aufwand.

Dieser resultiert aus der Umsetzung der energiepolitischen Ziele, der regulatorischen Vorgaben zur Anreizregulierung sowie der Anpassung der Geschäftsprozesse an neue Bestimmungen.

Entscheidend sind hierbei die Vorgaben zur Liberalisierung und Marktkommunikation: Diese haben nach Ansicht von 66% der Befragten dazu geführt, dass der Preisdruck enorm gestiegen ist und die Margen der Energieversorger gesunken sind.

Mehr Kunden Ansprache

Die Durchführung von Marketingmaßnahmen rückte bei Stadtwerken erst mit der Liberalisierung und durch den Anstieg der Kundenwechselraten in den Fokus. Zuvor fehlte es vor allem kleinen und mittleren Stadtwerken an Erfahrungswerten, da sie nicht im Wettbewerb mit Anderen standen. Aspekte wie Unternehmensimage, Kundenzufriedenheit, Servicequalität, Innovation und Konkurrenzfähigkeit sind in den vergangenen zehn Jahren zunehmend Bestandteil der Geschäftstätigkeit geworden und heute – ebenso wie Marketingmaßnahmen – viel selbstverständlicher als noch vor der Liberalisierung.

Ein konkretes Geschäftsmodell ist derzeit – so 25% der befragten Stadtwerke – der verstärkte Einsatz von etablierten Maßnahmen zur Kundenbindung und -rückgewinnung, beispielsweise durch vermehrte Kundenansprache im Rahmen von Kundenzeitschriften oder in Servicecentern. Neue Marketing- und Vertriebsmaßnahmen werden hingegen nur selten entwickelt. Weitere Möglichkeit, die aktuell von 22 % der Befragten umgesetzt wird, ist das Angebot von Tarifen mit längerfristiger Kundenbindung und Festpreisgarantieverträgen, zum Beispiel im Angebot von Energiedienstleistungen. Der Fokus liegt im Bereich der Privatkunden auf dem lokalen Netzgebiet.

Statt einer Ausdehnung des Vertriebsgebiets wird eine Kundenbindung im eigenen Netz angestrebt, um die Wechselraten zu reduzieren. Auch hier findet eine Verschärfung des Wettbewerbs statt, denn private Energieversorger und Onlineanbieter verfolgen nach wie vor die Strategie des Discountpreises – eine Strategie, die nach mehrheitlicher Aussage der Stadtwerke von ihnen eher abgelehnt wird. Die Befragungsteilnehmer legen dagegen insbesondere hohen Wert auf den direkten persönlichen Kundenkontakt.

Geschäftsfeld Mobilität

Neben Elektrizität und Wärme wird Mobilität von Stadtwerken als zusätzliches Geschäftsfeld erkannt – laut Studie allerdings allerdings noch zaghaft. Auch hier wolte >e wissen, wie das insbesondere die kleineren Stadtwerke sehen. Schümann: »Wir haben uns bereits 2009 dem Netzwerk e-Mobilität der Trianel GmbH angeschlossen. Als Stadtwerk bringen wir ideale Voraussetzungen für die Integration von Elektromobilität in den städtischen Alltag mit.«

Volker Tisken

Erschienen in Ausgabe: 06/2013