Strategiewandel mit neuer Kraft

KFZ - Die Erdgaswirtschaft bündelt ihre Kräfte im Kraftstoffsektor. Beim Ausbau sind noch Defizite zu überwinden, zeigt eine Studie.

25. Mai 2010

»Die langfristige Einführung einer strategischen Kraftstoffalternative wie Erdgas und Bio-Erdgas ist eine komplexe Aufgabe, bei der sich Marktentwicklung und Infrastrukturausbau nicht trennen lassen«, sagt Timm Kehler von erdgas mobil. Um die Kräfte für Erdgas als Kraftstoff bundesweit zu bündeln, ist die in Berlin ansässige erdgas mobil mit der Infrastrukturgesellschaft erdgas mobil in Essen verschmolzen.

Der Markt für Erdgasfahrzeuge hat sich zwar in den letzten Jahren kontinuierlich entwickelt, aber auf niedrigem Niveau. Dies gilt sowohl für die Anzahl der Fahrzeuge als auch der Tankstellen. Ziel der neuen erdgas mobil soll nicht nur der qualitative, sondern vor allem der quantitative Ausbau sein. Dazu will sie den Tankstellenbau weiter forcieren. »In den kommenden Monaten werden wir fast wöchentlich eine neue Zapfsäule in Betrieb nehmen«, heißt es etwa.

»Erdgas und Biomethan als Kraftstoff haben im Gegensatz zu anderen Pfaden den Vorteil, dass Technik und Infrastruktur vorhanden sind und wir sofort mit der Reduktion von Treibhausgasen beginnen können«, betont Stephan Kohler die Rolle von Erdgas im Mobilitäts-Mix. Er ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur dena, die dazu eine Studie herausgebracht hat »Das müssen wir auch, wenn wir die Klimaschutzziele erreichen wollen.« Ein Erdgas-PKW verursacht 24% weniger CO2-Emissionen als ein Benziner, bei einer 20-prozentigen Beimischung von Biomethan 39% weniger.

Die Potenziale von Erdgas werden jedoch trotz ausgereifter Technik nicht ausgeschöpft: In Deutschland sind aktuell nur 85.000 der rund 50Mio. Fahrzeuge mit Erdgas unterwegs. Die Reserven können bis 2020 nur gehoben werden, wenn es gelingt, den Bestand an Erdgasfahrzeugen um jährlich 29% zu vergrößern, so ein Ergebnis der dena-Studie. Hierzu sei besonders ein wachsender Anteil von erdgasbetriebenen Nutzfahrzeugen erforderlich.

Kundenspezifisch fördern

Ein Problem ist etwa, dass bei den Fahrzeugen nicht alle Segmente bedient werden. Auch bieten nicht alle Marken Erdgasfahrzeuge an, was für markentreue Kunden den Umstieg erschwert. Dies gilt ähnlich für Nutzfahrzeuge.

Auch ist das Tankstellennetz noch nicht überall ausreichend dicht, besonders entlang der Autobahnen. »Die Mineralölwirtschaft braucht, wie alle Beteiligten, gewisse Rahmenbedingungen, um Sicherheit für ihre Investitionen zu erlangen«, so Kohler.

Wichtig sei auch eine transparentere Auszeichnung der Preise. Sie sollte sich seiner Meinung nach so gestalten, dass die unterschiedlichen Energieträger bezüglich ihrer Kosten tatsächlich für Verbraucher vergleichbar sind. »Zu einem optimalen Mobilitäts-Mix gehören aber auch Strategien zur Verkehrsvermeidung und Verlagerung. Dazu sollten unter anderem die Kraftstoffkosten auf ihre Treibhausgas-Intensität bezogen werden.«

Ein weiteres Defizit, das die Studie aufgreift: Objektive Informationen kommen nach wie vor bei vielen Verbrauchern nicht an. »Man muss schon beim Händler gezielt nach diesen Fahrzeugen fragen«, sagt Kohler. Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage ergab, dass mehr als ein Drittel der Autofahrer Erdgas und Autogas gleichsetzen oder diesbezüglich unsicher sind. Zudem haben nach wie vor 11% der Befragten nicht genug Vertrauen in die Sicherheit der Fahrzeuge. »Andere Länder wie Italien zeigen, wie mit kundenspezifischer Förderung und Information der Anteil von Erdgasfahrzeugen rasch gesteigert werden kann.«

Es fehlt ein gemeinsamer Maßnahmenkatalog, bemängelt Kohler: »Wir schlagen einen gestalteten Prozess vor, in dem die Akteure die Maßnahmen zur weiteren Entwicklung von Erdgas und Biomethan im Kraftstoffmix abstimmen. Die Aktivitäten müssen parallel umgesetzt oder angeschoben werden.«

Die Maßnahmen, die in der dena-Studie genannt werden, wirken im Bündel. Dazu zählt die Ausweitung des Fahrzeugangebotes ebenso wie der nachfrageorientierte Ausbau der Tankstellen und eine Erhöhung der Anreize beim Fahrzeugkauf. »Eine besonders wichtige Signalwirkung hat allerdings das klare politische Bekenntnis zu Erdgas und Biomethan.«

Die Herausforderung einer gemeinsamen Roadmap liege dabei in der Einbindung einer Vielzahl von Akteuren. »Die bereits erfolgten Rückmeldungen stimmen uns aber optimistisch, dass dieser Prozess auf den Weg gebracht werden kann.« Die relevanten Akteure hätten deutlich gemacht, dass sie an der Erstellung einer gemeinsamen Roadmap interessiert seien. »Jetzt kommt es darauf an, den Prozess in Gang zu bringen, die erforderlichen Maßnahmen zu definieren und deren Umsetzung zu begleiten«, sieht Kohler als nächste Schritte. <

Dena-Studie

Roadmap gefordert

Erdgas und Biomethan bleiben als Kraftstoffe in Deutschland bisher weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Das ist das Ergebnis einer Studie der Deutschen Energie-Agentur (dena). Diese fordert eine neue Strategie für Erdgas als Kraftstoff: Mit einer abgestimmten Roadmap zwischen Politik, Tankstellenbranche, Erdgaswirtschaft, Fahrzeugherstellern und Forschung könnte der Marktanteil von derzeit 0,3% auf mindestens 4% im Jahr 2020 und die Zahl der Erdgasfahrzeuge von 85.000 auf 1,4Mio. gesteigert werden.

Erschienen in Ausgabe: 05/2010