Als Grund für die massiven Abweichungen zwischen Angebot und Nachfrage in deutschen Stromnetzen nannten die vier zuständigen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) Tennet, 50Hertz, Amprion und Transnetz-BW in ihrer Analyse die Wettersituation und das Marktverhalten. Eine Tiefdrucklage mit einer Gewitterfront erschwerte zum einen demnach die Prognose für die Einspeisung von Ökostrom. Zum anderen deuteten die Preise am Kurzfristmarkt darauf hin, dass das Marktverhalten ausschlaggebend war. Da die Preise dort die Ausgleichsenergiepreise, die sich aus den Auktionen am Regelenergiemarkt ergeben, deutlich überstiegen, blieb die Anreizwirkung für einen ausgeglichenen Bilanzkreis aus.

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»Für Bilanzkreisverantwortliche war es günstiger, die Ausgleichsenergiekosten zu tragen, als ihren Bilanzkreis am Kurzfristmarkt auszugleichen«, erklärt Kurt Kretschmer, zuständig beim Direktvermarkter und Regelenergieanbieter Energy-2-Market für Energiepolitik.

Dazu geführt hatte seiner Ansicht nach das Mischpreisverfahren, das die Bundesnetzagentur zur Vergütung von Regelleistung im letzten Jahr einführte, um Höhenflüge beim Arbeitspreis wie im Oktober 2017 mit 77.777 Euro/MWh zu verhindern. Den Arbeitspreis erhalten Anlagen für Leistung, die zur Netzstabilisierung tatsächlich zum Einsatz kommt. Für die vorgehaltene Leistung bekommen sie den Leistungspreis.

Negative Auswirkungen nehmen zu

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Im Mischpreisverfahren schlugen ab Oktober 2018 beim Arbeitspreis Gewichtungsfaktoren zu Buche, die die Wahrscheinlichkeit, ob Regelleistung zum Einsatz kam, prozentual berücksichtigte. »In der praktischen Umsetzung zeigte sich, dass in dem Marktdesign zwar die Arbeitspreise gesunken sind, aber dieser positive Effekt durch negative Effekte stark überkompensiert wurde. So hatten extreme Netzsituationen deutlich zugenommen. Bis zur Einführung des Mischpreisverfahrens gab es im Jahr 2018 nicht eine Situation, in der mehr als 80 Prozent der verfügbaren Regelenergie abgerufen wurde, nach der Einführung kam dies regelmäßig vor«, macht Hendrik Sämisch, Gründer des Direktvermarkters Next Kraftwerke deutlich. Von Anfang sah sein Unternehmen die Gefahren und klagte beim Oberlandesgericht Düsseldorf dagegen. Wie Sämisch macht auch Kretschmer das Mischpreisverfahren für die negativen Auswirkungen im Juni verantwortlich, als die Regelleistung allein nicht ausreichte, um große Bilanzkreisungleichgewichte auszugleichen. Nur mithilfe von Stromimporten aus dem europäischen Ausland ließ sich die Angebotslücke schließen.

Zugleich drückte der Gewichtungsfaktor im Mischpreisverfahren auf den Preisdeckel für Regelarbeit, umso stärker je mehr Regelleistung abgerufen wurde, erläutert Kretschmer.

WISSEN KOMPAKT

Preisobergrenzen für Regelenergie?

Sowohl die Einführung als auch die jüngste Abschaffung des Mischpreisverfahrens am Regelenergiemarkt sorgten unter Direktvermarktern und Regelenergieanbietern für Unruhe. Energie2Market fordert von der Bundesnetzagentur, keine regulatorischen Schnellschüsse vorzunehmen. Im Gespräch sind Preisobergrenzen für Regelarbeit. Der kurzzeitige Ausflug in das MPV hat vor allem die Erkenntnis gebracht, wie sensibel das komplexe System Strommarkt auf Eingriffe reagiert, und dass unüberlegte Eingriffe in Einzelmärkten allzu schnell den gesamten Markt aus dem Gleichgewicht bringen können. ls

Verwerfungen am Markt nehmen zu

»Hierdurch wurde der Markt für dezentrale Erzeuger wie etwa Biogasanlagen, Kälte- und Lüftertechnik etcetera immer unattraktiver, sodass diese dem Markt sukzessive den Rücken zugekehrt haben.« Aufgrund der quartalsweisen Neuberechnung des Gewichtungsfaktors sank der faktische Preisdeckel von Quartal zu Quartal noch mehr ab. Das verstärkte die Verwerfungen am Strommarkt weiter. »Regelleistung konnte letztlich nicht mehr für tatsächlich kritische Netzsituationen vorgehalten werden, da ja schon ein erheblicher Teil für den Ausgleich der größer werdenden Bilanzkreisungleichgewichte eingesetzt wurde.«

Auch die ÜNB reagierten auf die erhöhten Regelleistungsabrufe und erhöhten für das dritte Quartal 2019 die ausgeschriebene Regelleistungsmenge. Insbesondere die positive Minutenregelleistung verdoppelte sich damit auf fast zwei GW Leistung. Positive Minutenreserven müssen innerhalb von 15 Minuten bei Bedarf ins Stromnetz eingespeist werden können.

Der große Bedarf an Einspeisereserven am Regelenergiemarkt zog neue exorbitante Preisspitzen nach sich. Am 22. Juli 2019 entsprach das OLG Düsseldorf schließlich der Klage von Next Kraftwerke und hob das Mischpreisverfahren auf. Seit Ende Juli 2019 gilt wieder das alte Leistungspreisverfahren. Im Oktober setzte die Bundesnetzagentur die Arbeitspreisobergrenze von 9.999 Euro pro MWh zudem wieder ein, die bereits von Januar 2018 bis zum Mischpreisverfahren in Kraft war.

Diese Preisobergrenze hält Kretschmer für das geeignetste Mittel, »um eine Schonung der Bilanzkreisverantwortlichen vor zu hohen Ausgleichsenergiekosten einerseits und eine weiterhin bestehende Anreizwirkung zur Bilanzkreistreue andererseits zu gewährleisten.« Auch ein funktionierender Wettbewerb auf dem Regelenergiemarkt könne dadurch sichergestellt werden.

»Seit der Abschaffung des Mischpreisverfahrens ist das Netz nicht mehr ans Limit gekommen. Es gab keine einzige Viertelstunde, in der mehr als 80 Prozent der verfügbaren Regelleistung abgerufen wurde«, konstatiert Sämisch. Die Ausgleichsenergiepreise seien im Leistungspreisverfahren höher als im Mischpreisverfahren, was die Marktteilnehmer zur Bilanzkreistreue anhalte.

Problematisch sei indes, dass die Ausgleichsenergiepreise in manchen Viertelstunden wegen des unzureichenden Wettbewerbs am Regelenergiemarkt zu hoch seien. Daher begrüßt er, dass die Bundesnetzagentur im Oktober das Konzept der ÜNB zur Einführung eines Regelarbeitsmarktes bis zum 1. Juni 2020 genehmigte.

Wie sinnvoll ist eine Preisobergrenze

Künftig getrennte Märkte für Regelleistung und Regelarbeit sollen den Wettbewerb fördern. Ist bis dahin eine Bezuschlagung am Leistungsmarkt Voraussetzung für die Erbringung von Regelarbeit, können sämtliche präqualifizierte Anbieter Regelarbeit bereitstellen, ohne am Leistungsmarkt teilzunehmen. Bezuschlagte Gebote sollen hier in Zukunft sicherstellen, dass genügend Regelreserve zur Verfügung steht, wenn der Regelarbeitsmarkt ausfällt.

Gebote, die nicht zur Bedarfsdeckung nötig sind, sollen die ÜNB zur weiteren Vermarktung freigeben, um die Liquidität am Kurzfristmarkt zu erhöhen. Die Preisobergrenze für Regelarbeit ist als Übergang bis zur Einführung des Regelarbeitsmarktes vorgesehen. Auch das kommt Sämisch entgegen: »Generell halten wir eine Preisobergrenze für Regelarbeitspreise nur in wenigen Ausnahmefällen für sinnvoll. Eine Preisobergrenze ist ein starker Markteingriff in die freie Preisgestaltung und daher nur in besonderen Situationen zielführend. Im Übergang jetzt stellt sie eine sinnvolle Maßnahme dar, um astronomische Arbeitspreise im Leistungspreisverfahren bis zur Einführung der Regelarbeitsmärkte zu verhindern.«

Josephine Bollinger-Kanne