Stromhandel 2003: Wohin geht der Weg?

Neues Geschäftsfeld, Beschaffungsalternative oder reine Spekulation?

Für die einen ist Stromhandel noch Neuland, andere machen regen Gebrauch davon: Wie deutsche Energieversorgungsunternehmen in naher Zukunft mit Stromhandel umgehen möchten, zeigt die Studie „Stromhandel 2003, Risikomanagement, Hindernisse und Erfahrungen der Marktteilnehmer“ von trend:research.

08. April 2003

Mit der Liberalisierung der Energiemärkte hat sich der Stromhandel schnell als neue Plattform für den Energieaustausch etabliert. Das Handelsvolumen nimmt stetig zu und ist in Deutschland auf insgesamt zirka 2.500 Mrd. kWh gewachsen. Die derzeitige Nutzung des Stromhandels durch Energieversorgungsunternehmen (EVU) ist jedoch unterschiedlich: Einige haben eigene Handelsorganisationen aufgebaut und decken zum Teil über 50 % ihrer Absatzmenge aus dem freien Markt; andere hingegen haben sich noch gar nicht am Stromhandel beteiligt. trend:research, ein auf den Energiemarkt spezialisiertes Institut für Trend- und Marktforschung, hat in der 450 Seiten umfassenden Studie „Stromhandel 2003, Risikomanagement, Hindernisse und Erfahrungen der Marktteilnehmer“, die jetzt in der zweiten, völlig neu bearbeiteten Auflage erscheint, Entwicklungen und wesentliche Aspekte dieses Marktes untersucht. Die Grundlage der Studie bilden Befragungen von EVU, Stromerzeugern, Industrie, Brokern, Händlern und Banken.

Unklare Rahmenbedingungen bremsen die Entwicklung

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der Stromhandel von starker Unsicherheit geprägt ist: Er gehört zu den jüngsten Märkten, die für den freien Wettbewerb geöffnet wurden. Während manche Unternehmen zweistellige Zuwachsraten erzielen (unter anderem E.ON), ziehen sich andere (nationale und internationale) Unternehmen von den Handelsplätzen zurück (beispielsweise RWE Trading, Dynegy, AEP und TXU) und schließen entsprechende Fachbereiche. Zu komplex und aufwendig ist das Handeln im Vergleich zu den umgesetzten Volumina. Die Probleme scheinen vielfältig: Es fehlt noch an einem diskriminierungsfreien und transparenten Zugang zu den Leitungsnetzen, die Durchleitungsregelungen sind unzureichend, es fehlt an Marktliquidität und Preisentwicklungen sind nicht nachvollziehbar. Hinzu kommt, dass der Terminmarkt für das Handeln von finanziellen Stromprodukten mit der Negativentwicklung am Aktienmarkt in Verbindung gebracht worden ist. Ein Beleg dafür ist etwa die verhaltene Entwicklung des Terminmarktes an der European Energy Exchange (EEX).

Der Stromhandel in Deutschland wird immer noch maßgeblich von den gesetzlichen Rahmenbedingungen bestimmt. Hierzulande ist der Strommarkt seit 1999 zwar auf dem Papier vollständig geöffnet, dennoch erwartet ein Großteil der Befragten eine Rückkehr zu monopolistischen Marktstrukturen. Gleichzeitig wurde kritisiert, dass ein Unbundling zwischen Erzeugung, Transport und Vertrieb fehlt. Als weiterhin nicht ausgeräumte Handelshemmnisse wurden ungenügende Liquidität sowie überhöhte Netznutzungsentgelte genannt.

Der Strommarkt selbst scheint an einem Scheidepunkt angelangt zu sein: Noch ist nicht entschieden, ob durch eine weitere Öffnung des Marktes oder durch Unbundling tatsächlich mehr Wettbewerb entstehen kann oder ob die alten Monopole zurückkehren oder erhalten bleiben. Im Zuge einer gesamteuropäischen Entwicklung des Strommarktes müssten die jeweiligen nationalen Rahmenbedingungen und Sonderwege ohnehin harmonisiert werden - die Interessen der EU-Mitgliedsstaaten gilt es auf einen Nenner zu bringen.

Angesichts der damit verbundenen Ungewissheit über die Entwicklungsrichtung des Strommarktes verwundert es nicht, dass sich zahlreiche Handelsteilnehmer noch in der Vorbereitungsphase für den Stromhandel befinden. Die Untersuchung hat gezeigt, dass heute nach wie vor der bilaterale OTC-Handel (über 65 %) zu den am meisten genutzten Handelsformen zählt, dann erst folgen der transparentere direkte und indirekte Börsenhandel (jeweils über 30 %). Inwiefern der OTC-Handel, aber auch andere Handelsvolumina, teilweise künstlich erhöht werden, um nach außen - auch insbesondere gegenüber den Kartellbehörden - Volumina und damit freien Markt „darzustellen“, kann von den Marktteilnehmern nicht konkret in Zahlen ausgedrückt werden.

Mit den neuen Handelsformen haben sich auch neue Marktteilnehmer etabliert, die im internationalen Handel Arbitrage-Möglichkeiten nutzen, die sich durch Preis- oder Kursunterschiede an den verschiedenen Handelsplätzen oder durch derzeit noch unterschiedliche nationale Rahmenbedingungen (zum Beispiel uneinheitliche Steuergesetze) ergeben. Kritisch ist dieser Aspekt zu beurteilen, wenn nicht alle Marktteilnehmer die Möglichkeit haben, daran zu partizipieren. So betonen gerade größere Industrieunternehmen, künftig an diesen Stromhandelsvarianten „teilhaben“ zu wollen.

Außerdem ergeben sich durch veränderte Beteiligungsstrukturen - als Resultat von Partnering-Aktivitäten im Markt - auch für kleinere Energieversorger neue Chancen, vom Handels-Know-how der Partner oder der Gesellschafter zu profitieren. Allerdings ist vielen Marktteilnehmern nicht immer klar ersichtlich, welche Interessen dabei verfolgt werden oder wie sie diese Vorteile für sich umsetzen können. Die Fragen, ob daraus neue Geschäftsfelder abgeleitet werden können, wie diese sich entwickeln lassen oder welche Profite sie ermöglichen, müssen jetzt geklärt werden. Gerade diese Fragen werden zunehmend auch von Anteilseignern gestellt. Die Marktteilnehmer geraten immer stärker unter Entscheidungsdruck.

Daraus lassen sich direkt Trends für den Stromhandel 2003 ableiten: Die (profitable) Entwicklung des Stromhandels wird zukünftig auch bei den Energieversorgern maßgeblich vom Shareholder Value-Überlegungen bestimmt. Das führt unter anderem zu einer stärkeren Integration von Stromhandel und Industriekundenvertrieb - mit der Konsequenz, dass in diesem Bereich weitere Optimierungen und Effizienzsteigerungen erzielt werden können. Wesentliche Grundlage dafür sind allerdings professionelle Analysen des Marktes sowie der neuen Risiken und Chancen.

Für die Marktteilnehmer insgesamt wird die Wahl der richtigen Handelsstrategie vor dem Hintergrund der momentan ungewissen Marktentwicklung wichtiger. Der liberalisierte Markt verzeiht keine Zögerlichkeit und gewährt keine Verschnaufpause. Heute müssen die Entscheidungen für strategieadäquate Energiehandelssysteme fallen sowie entsprechende EDV-Systeme implementiert werden. Nur so kann das eigene Handeln am Strommarkt besser, flexibler und effizienter kontrolliert werden.

Die Strategiestudie „Stromhandel 2003 - Risikomanagement, Hindernisse, Erfahrungen der Marktteilnehmer“ von trend:research (www.trendresearch.de) gibt nicht nur einen Überblick über die aktuellen Rahmenbedingungen, den Markt und die Strategiealternativen der verschiedenen Handelsteilnehmer, sondern zeigt Handlungsmöglichkeiten auf.

Erschienen in Ausgabe: 01/2003