Stromhandel auf dem Weg ins Börsenzeitalter

Effiziente Handelsmöglichkeiten stellen hohe Anforderungen
12. April 2001

Für kleine und mittlere kommunale Unternehmen sowie für größere Industrieunternehmen bietet es sich an, den Energiehandel anderen Unternehmen zu übertragen, um an den Möglichkeiten des liberalisierten Marktes zu partizipieren.

Seit der Marktliberalisierung hat sich der deutsche und europäische Stromhandel rasant entwickelt. Das Handelsvolumen und die Anzahl der Marktteilnehmer sind gestiegen, neben einem liquiden physischen Spotmarkt hat sich inzwischen auch ein verhältnismäßig liquider Forward-Markt mit einer Reichweite von bis zu 18 Monaten entwickelt. Daneben werden erste finanzielle Handelsgeschäfte (zum Beispiel SWEP-SWAPs, also finanzielle Geschäfte auf den SWEP) und auch erste Optionen gehandelt.

Der Energiehandel ist für jedes Energieunternehmen, das im liberalisierten Markt als unabhängiges, schlagkräftiges und erfolgreiches Unternehmen bestehen will, von zentraler Bedeutung, denn nur durch ihn lässt sich dauerhaft die unternehmerische Selbstständigkeit bewahren. Dem Handel fallen mehrere Aufgaben zu, insbesondere das Portfoliomanagement (etwa in Form der Bezugsoptimierung), der Positionshandel sowie die Entwicklung von strukturierten und intelligenten Produkten, die das Portfolio absichern und Zusatznutzen stiften (beispielsweise SWAPs und Angebote mit einer Preisbindungsklausel an andere Commodities).

Erst durch die professionelle Kombination von Handel, Absicherung und Produktentwicklung kann ein Energiehandelsunternehmen die sich ergebenden Chancen unter Minimierung der möglichen Risiken nutzen. Risikomanagement ist eine notwendige Voraussetzung, um im Wettbewerb zu überleben.

Wächst der Energiehandel, gewinnt die Implementierung einer Börse zunehmend an Bedeutung: Mit der Zunahme des Handelsvolumen steigt der Verwaltungsaufwand, durch das Ansteigen der Anzahl der Marktteilnehmer nimmt das Kreditrisiko zu, und mit Zunahme der Handelsaktivitäten steigt tendenziell die Volatilität. Die Notwendigkeit von Absicherungsinstrumenten, die wiederum Preistransparenz benötigen, nimmt zu.

Eine Börse als organisierter Marktplatz für standardisierte Produkte stellt ein wesentliches Element eines liberalisierten Energiemarktes dar. Als Ergänzung des bilateralen Handels auf dem sogenannten OTC-Markt (Over the counter) erfüllt eine Börse insbesondere die folgenden Funktionen:

faire Preisbildung, Transparenz über Preise und Volumina

kontinuierlicher Marktüberblick

Ausführung der Transaktionen zu geringen Kosten

Übernahme finanzieller Risiken durch Börse und Clearing-Banken

garantierte Vertragserfüllung und Anonymität

Von diesen Funktionen profitieren sowohl der gesamte Markt, der an Professionalität und Effizienz gewinnt, als auch Akteure, die nicht selber an der Börse aktiv sind. Unter anderem ermöglicht die transparente Preisbildung Industrieunternehmen, ihren Energiepreis mit dem Börsenpreis zu vergleichen. Vorteilhaft ist für die Betriebe auch die effizientere Preisbildung, welche die Knappheiten am Markt widerspiegelt.

Neben dem Spotmarkt, bei dem Vertragsabschluss und Erfüllung zeitlich nahe zusammen liegen (im Strommarkt wird üblicherweise bei Lieferung am nächsten Tag von einem Spotmarkt gesprochen) und bei dem Verträge in der Regel physisch erfüllt werden, besteht ein Bedarf an längerfristigen Instrumenten, die am Terminmarkt gehandelt werden.

In Deutschland gibt es derzeit zwei Börseninitiativen: Zum einen die European Energy Exchange (EEX), für die sich im Juni 1999 eine vom Bundeswirtschaftsminister einberufene Expertengruppe ausgesprochen hatte. 52 % der EEX-Anteile werden von etwa 40 Schlüsselunternehmen der deutschen und schweizerischen Energiewirtschaft, darunter die MVV Energie AG, sowie Marktteilnehmern aus Großbritannien, Belgien, den Niederlanden, Österreich und weiteren Ländern gehalten. Die restlichen 48 % hält die deutsch- schweizerische Terminbörse Eurex.

Die EEX wird sowohl Terminkontrakte auf Monatsbasis für Band- und Spitzenlast anbieten als auch einen Spotmarkt, bei dem neben einer Auktion für einzelne Stunden des folgenden Tages Stundenblöcke für den Folgetag gehandelt werden.

Die Leipzig Power Exchange (LPX), deren Gesellschafter zu je 35 % die Landesbank Sachsen und die skandinavische Strombörse NordPool sowie zu je 15 % der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig sind, beabsichtigt, sich als Strombörse in Deutschland zu engagieren. Die LPX will mit einem Spotmarkt starten und erst wenn dieser etabliert ist, einen Terminmarkt eröffnen.

Kenntnisse professioneller Marktteilnehmer nutzen

Um am Handel aktiv mitzuwirken, ist viel vorzubereiten: Es ist eine schlagkräftige Energiehandelseinheit aufzubauen, Handelsbeziehungen müssen konsequent ausgebaut werden, Front-, Middle- und Back-Office sind funktionell zu trennen, funktions- und ausbaufähige IT-Systeme sollten entwickelt und ein professionelles Risikomanagement implementiert werden.

Der Aufbau einer Energiehandelseinheit erfordert daher hochspezialisierte Mitarbeiter. Außerdem sind ein bis zwei Jahre notwendig, um den Bereich aufzubauen. Erforderlich ist zudem ein angemessenes Eigenkapital, damit Kreditwürdigkeitsprüfungen durch Risikomanager der Handelspartner oder die Börse zu überstehen sind. Diese Voraussetzungen werden nicht alle Marktteilnehmer mitbringen können oder wollen. Kapital ist bei kommunalen Unternehmen häufig knapp, hochspezialisierte Mitarbeiter sind nur schwer zu gewinnen und Zeit ist im harten Wettbewerb praktisch nicht vorhanden. Daher bietet es sich besonders für kleine und mittlere kommunale Unternehmen sowie für größere Industrieunternehmen an, den Energiehandel anderen Unternehmen zu übertragen und von deren Wettbewerbsvorsprung zu profitieren.

Christian Mehl und Björn Wenzlaff sind Energiehändler und Analysten der Energiehandelsabteilung der MVV Energie AG, Mannheim

Erschienen in Ausgabe: 04/2000