Strommarktdesign im Diskurs

Am 1.März endete die Frist für Stellungnahmen zum Strommarktdesign-Grünbuch des Bundeswirtschaftsministeriums. Die Meinungen verschiedener Branchen-Verbände im Überblick.

02. März 2015

BDEW und VKU sprechen ähnliche Kritikpunkte in ihren Stellungnahmen an. So beklagen Sie, dass das Grünbuch Aussagen einseitig verdichtet. Es würden mögliche regulatorische Risiken und Mehrkosten eines Kapazitätsmarktes einseitig betont, während Risiken eines nicht voll funktionsfähigen Energy Only Marktes (EOM) 2.0 ausgeblendet würden, so etwa der BDEW.

VKU: Knappheitspreise allein führen nicht zwingend zu Investitionen

Ein optimierter allein auf Knappheitspreisen basierenden Strommarkt gefährde die Versorgungssicherheit, stellt der VKU in den Kernthesen seiner Stellungnahme unter anderem heraus. Er lasse nicht erwarten, dass in die für die Versorgungssicherheit notwendigen Kapazitäten investiert werde.

Die Knappheitspreise müssten zudem häufiger und über einen längeren Zeitraum auftreten, um Investitionen auszulösen. Dann besteht laut VKU aber schon Knappheit, das Preissignal komme zu spät, da der Kraftwerksbau einen Vorlauf von mehreren Jahren habe.

»Die Frage nach der Akzeptanz eines höheren Risikos von Stromunterbrechungen wird im Grünbuch (...) kaum thematisiert«, erlätert der BDEW einen weiteren Aspekt in den Kernthesen seiner Stellungnahme. Investoren würden nicht in einen EOM investieren, wenn diese fürchten, dass bei extremen Knappheitspreisen in den Markt eingegriffen wird.

BDEW: Reserve als Brückenlösung

Es sei zu begrüßen, dass das Grünbuch die Einführung einer Reserve zur Absicherung des EOM vorsehe. »Die regionale Differenzierung einer solchen Kapazitätsreserve ist hierbei zwingend notwendig, um auch regionale Engpässe zu adressieren zu können«, mahnt der BDEW.

Er sieht die Reserve im Rahmen eines Gesamtmodells allerdings als Brückenlösung. Eine Fortschreibung der Reservekraftwerksverordnung lehnt er ab.

Er schlägt an anderer Stelle zudem vor, weitere Maßnahmen zur Ertüchtigung des EOM zu prüfen, die im Gutachten nicht oder zu wenig erwähnt werden.

Flexibilitätspotenziale überschätzt

Weiterhin kritisiert der BDEW, dass das Grünbuch in den kurz- und mittelfristigen Beitrag von nachfrageseitiger Flexibilität zu große Hoffnungen setze.

Der VKU sieht dies ähnlich: Die Potenziale stünden entgegen den Annahmen nicht fixkostenfrei zur Verfügung und schrumpfen über längere Einsatzzeiträume. Auch könnten nicht alle Industrieunternehmen ihre Nachfrage ausreichend flexibilisieren und müssten in diesem Fall die Preisspitzen zahlen.

Ein weiterer Punkt, den der BDEW anspricht: Für eine intensive grenzüberschreitende Kooperation sei ein wirklicher Dialog mit Frankreich zur gemeinsamen Gewährleistung der Versorgungssicherheit zu führen. Zudem bleibe offen, wie eine adäquate Kopplung nationaler Kapazitätsmärkte erfolgen kann.

EPEX: Preissignal wichtig

Die Europäische Strombörse EPEX Spot betont in ihrer Stellungnahme, dass Preissignale eine »fundamentale Rolle für die kurz- und langristige Entwicklung des Stromsystems« spielen. Sie sieht Produkte, die Flexibilität entlohnen, als notwendig an, um flexible Kapazitäten anzureizen. Auch sie mahnt dazu, die europäische Abstimmung zu vertiefen, unter anderem, um Marktverzerrungen zu vermeiden.

VDI: Kosten steigen durch Kapazitätsreserve

Der VDI Verein Verband Deutscher Ingenieure sieht den Vorschlag eines optimierten Strommarktes mit Kapazitätsreserve unter Kostengesichtspunkten kritisch. Der Ausbau der erneuerbaren Energien führe zu weiteren unwirtschaftlichen konventionellen Kraftwerken. Wenn diese vom Markt gehen, wird die Kapazitätsreserve im Zeitverlauf stetig anwachsen, was die Kosten nach oben treibe.

Um eine sichere Versorgung in Deutschland zu gewährleisten brauche man auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter konventionelle Kraftwerke und Pumpspeicher. Deren Bau und Betrieb erfordere neue politische Rahmenbedingungen.

BEE und Eurosolar: Gegen den Kapazitätsmarkt

Anders sieht es der Bundesverband Erneuerbarer Energien: Er unterstützt in seiner Stellungnahme die Ablehnung von Kapazitätsmärkten und die Einführung einer Kapazitätsreserve. Es werde übersehen, dass allein in Deutschland Kraftwerke mit einer Leistung von 3,6 GW eingemottet sind. Diese könnten jederzeit eingewechselt werden, sobald Kernkraftwerke oder alte Kohlekraftwerke vom Netz gehen, so die Argumentation des Verbandes.

Auch der Verband Eurosolar ist gegen einen Kapazitätsmarkt. Stattdessen solle unter anderem die Flexibilitätsprämie im EEG wieder gestärkt werden.

Ein weiterer Punkt, den der Verband kritisiert: Die alleinige Fixierung auf den Strommarkt führe zu teuren Fehlentwicklungen. »Wir brauchen daher statt eines reinen Strommarkt-Designs eine neue Energiemarktordnung, die die Konvergenz der Energiemärkte herstellt und dieser Konvergenz den Marktrahmen gibt«, erklärt Dr. Fabio Longo, Mitglied des Vorstands der deutschen Sektion von Eurosolar und einer der Autoren der Stellungnahme.

Studie spricht sich für Maßnahmenmix aus

Unabhängig von diesen Stellungnahmen haben Wissenschaftler zudem im Rahmen der Forschungsallianz Energy-Trans der Helmholtz-Gemeinschaft untersucht, inwieweit Kapazitätsmechanismen kurz- bis mittelfristig notwendig sind, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Die Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sowie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), der Freien Universität Berlin, der Universität Münster und der Universität Stuttgart kommen in der Studie zu dem Schluss, dass die Einführung eines gesonderten Kapazitätsmechanismus derzeit nicht notwendig ist. In Anbetracht alternativen Handlungsmöglichkeiten raten die Wissenschaftler zum gegenwärtigen Zeitpunkt von der Einführung von weiteren Kapazitätszahlungen ab.

»Bei der Diskussion um Kapazitätszahlungen darf nicht nur auf Versorgungssicherheit geschaut werden«, sagt Dr. Paul Lehmann, Ökonom am UFZ. Entscheidend sei auch, welche zusätzlichen Kosten durch einen solchen staatlichen Eingriff auf die deutsche Volkswirtschaft und die Stromverbraucher zukommen. Gerade auch aufgrund fehlender Erfahrungswerte und politischer Einflussnahme bestünde die Gefahr von Fehlanreizen, durch welche der Weiterbetrieb unflexibler und CO2-intensiver Kraftwerke gefördert würde.

Weiterhin befürchten die Wissenschaftler, dass einmal gewährte Kapazitätszahlungen politisch nur schwer zurückzunehmen seien, auch wenn sich zukünftig herausstellen sollte, dass solche zusätzlichen Zahlungsströme ökonomisch nicht mehr zu rechtfertigen sind.

Grundsätzlich sei der Strommarkt in seiner heutigen Ausgestaltung in der Lage, auch künftig Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Allerdings könnten diverse marktliche und staatliche Ursachen, wie etwa die Unsicherheit über die zukünftige Ausgestaltung der Energiepolitik, die Funktionalität des Marktes hemmen. »Maßnahmen, die diese Markthemmnisse reduzieren und die Funktionsweise des Strommarktes fördern, sind aus heutiger Sicht der Schaffung eines neuen Kapazitätsmarktes klar vorzuziehen«, so ZEW-Ökonom Dr. Dominik Schober.

Die Forscher befürworten ein breites Maßnahmenbündel, um die Stromversorgung in Deutschland weiterhin sicherzustellen. Denn Versorgungssicherheit werde nicht nur durch den Einsatz von Kohle- und Gaskraftwerken garantiert. Wichtig sei es zudem, den Strommarkt an den Bedürfnissen fluktuierender Stromerzeugung auszurichten, etwa durch Anpassungen der Fristigkeiten und Vorlaufzeiten der an den Strombörsen gehandelten Produkte. Gleichzeitig müsse die Einspeisung von Erneuerbaren-Strom bedarfsgerechter gestaltet werden.