Superlative Technologie

ERZEUGUNG - Die Arbeiten in Neurath für das größte Braunkohle-Kraftwerk der Welt haben begonnen. Die Technik schlägt alle Rekorde.

08. März 2006

Das neue Braunkohlekraftwerk Neurath mit einer Nettoleistung von 2.100 MW repräsentiert den neuesten Stand der Dampfturbinen- und Kesseltechnik weltweit. Für das 450-Mio.-Euro-Projekt ist Alstom vom Betreiber RWE-Power mit der Gesamtplanung betraut worden.

Bei den von Alstom gebauten Dampfturbinen mit einer Bruttoleistung von jeweils 1.100 MW handelt es sich um die im fossilen Kraftwerksbau weltweit größten. In ihnen kommen die modernste Generation von Beschaufelungen mit strömungsoptimierten dreidimensionalen Schaufeln und die längsten bisher auf dem Weltmarkt angebotenen Endschaufeln zum Einsatz, betont Alstom.

„Mit diesem Auftrag ist es erstmals gelungen, eine äußerst kompakte viergehäusige Turbine in dieser Leistungsklasse zu konzipieren, die entscheidend zur Senkung der Baukosten und damit zur Gesamtwirtschaftlichkeit des Kraftwerks beiträgt“, erläutert Alstom. Auch der Generator gehört in die Kategorie Superlative: er ist der weltweit größte zweipolige Generator.

Das High-End-Kriterium setzt sich bei den Kesseln fort. Als Partner eines Konsortiums liefert Alstom Deutschland die beiden Zwangdurchlauf-Dampferzeuger. „Es sind die weltweit größten Braunkohledampferzeuger mit dem höchsten Dampfmassenstrom, mit überkritischem Dampfdruck und den höchsten Dampftemperaturen, die je für Braunkohle realisiert wurden“, weiß Projektleiter Hans Fischer.

Um die gewünschten hohen Dampfparameter zu erzielen, sei die Anwendung von austenitischen Werkstoffen erweitert worden. Fischer weist hier darauf hin, dass diese Werkstoffe neben einer höheren Festigkeit auch die Oxidationseigenschaften verbesserten. Von großer Bedeutung sei zudem die neueste Generation des Braunkohlefeuerungssystems: „Die kompakte Bauweise der Brenner ermöglicht auch bei überstöchiometrischer Fahrweise die Einhaltung der NOx-Emissionen bei der Verbrennung der verschlackungsneigenden Hambach-Kohle.“

Großes Brennstoffband

Ferner seien die Brenner so konzipiert, dass sich ein großes Brennstoffband verfeuern lasse. Hier liegt auch ein wesentlicher Unterschied zum letzten großen inländischen Braunkohleprojekt, dem ebenfalls mit optimierter Anlagentechnik (BoA) ausgestatteten Kraftwerk Niederaußem K. Die Feuerung von Neurath ist so konzipiert, dass ein „deutlich größeres Brennstoffband bei Einhaltung aller Emissionsgrenzwerte und bei erhöhter Verfügbarkeit verfeuert werden kann“.

Bis zum zwischen Dezember 2009 und Juni 2010 geplanten Probebetrieb bleiben noch rund vier Jahre Zeit. Die Druckprobe der Dampferzeuger soll zwischen September 2008 und März 2009 erfolgen, die Synchronisation der Dampfturbine von Juli 2009 bis Januar 2010. Der Beschäftigungseffekt sei groß, meint Fischer. Allein Engineering und Abwicklung repräsentierten 250 Mannjahre.

Interview mit Wilhelm Heitmann, Alstom Deutschland

es: Welche Bedeutung hat das Projekt Neurath für den Alstom-Konzern?

Wir freuen uns, maßgeblich am Bau dieser hochmodernen Anlage beteiligt zu sein und unsere Führungsrolle als Lieferant effizienter und umweltschonender Kohletechnologien erneut unter Beweis stellen zu können. Neurath zeigt unsere Kompetenzen als System-Integrator. Wir können sowohl komplette Kraftwerke als auch alle wesentlichen Komponenten liefern. Das unterscheidet uns vom Wettbewerb.

es: Mit der High-End-Technik lässt sich doch sicher Werbung machen?

Wir werden Neurath als Referenz gezielt bei Veranstaltungen oder in Fachgremien einsetzen. Es wäre nicht das erste Mal, dass nach dem Vorbild einer deutschen Referenzanlage Kraftwerke im Ausland gebaut werden.

es: Die angekündigten Investitionen im Kraftwerksmarkt haben sich ja bereits positiv auf die geplante Restrukturierung bei Alstom ausgewirkt.

Im Hinblick auf notwendige strukturelle Anpassungen zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit haben die angekündigten Neuinvestitionen sicher zu einer gewissen Entlastung beigetragen und manche Diskussion erleichtert. Es ist jedoch Fakt, dass die deutschen Alstom Gesellschaften allein aus dem deutschen Markt heraus nicht bestehen können. Der europäische Markt macht nicht einmal 15 Prozent des weltweiten Marktes für Energieerzeugungsanlagen aus.

es: Mannheim erhält bei Dampfturbinen neue Kompetenzen. Was bedeutet dies für den Standort konkret?

Als Kompensation für den Verlust der Generatorenfabrik wird Alstom die europäische Leitung und das Center-of-Excellence ‚Neue Dampfturbinen’ der Turbomachines group in Mannheim ansiedeln. Dies bedeutet, dass zusätzlich zum General Manager auch andere Leitungen wie Verkauf, Engineering oder das Management der F& -Programme angesiedelt sein werden.

es: Sie sind wieder zurück im Alstom-Konzern. Lässt sich dies mit Rückkehr zu Bewährtem interpretieren?

Seit 1967 stehe ich dem Konzern sowie seinen Vorgängerfirmen und somit der Branche fast ununterbrochen zur Verfügung. Ich habe die Entwicklung der Technik und des Marktes stets mit großem Interesse verfolgt. Die Entscheidung lag also nahe, die Geschicke von Alstom weiterhin aktiv mitzugestalten.

Erschienen in Ausgabe: 03/2006