Tanken bei jedem Zwischenstopp

Strom-Tankstellen

Elektromobilität. Das erklärte Ziel der Bundesregierung bis 2020 sind eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen. Genauso wichtig wie die Fahrzeuge wird dabei der Aufbau der Infrastruktur für die Zukunft sein.

18. August 2009

Das ›Betanken‹ von Elektroautos wird sich von dem von Verbrennungsmotoren unterscheiden: Nicht bei fast leerem Tank, sondern bei jedem längeren Stopp wird nachgetankt. Dazu müssen die Anschlusstechnik zumindest auf der Zapfseite kompatibel, und die Abrechnungsmodi einfach und fälschungssicher sein.

Ein handlicher, siebenpoliger Stecker soll dies sicherstellen. Er wurde von mehr als 20 Energieunternehmen und Autobauern gemeinsam als Pre-Standard zeitgleich zur Hannover Messe 2009 verabschiedet. Dreiphasig soll er zukünftig in wenigen Minuten leere Akkus zu 100% wieder flottmachen. Alternativ kann ein Elektroauto auch zu Hause an einer herkömmlichen Steckdose beladen werden. Ein schnelles Beladen ist hier jedoch nicht möglich. Über den Stecker erfolgt die sichere Identifizierung, Stromfreischaltung und damit letztlich auch die Abrechnung über den Stromlieferanten für den eigenen Haushalt.

Überallautomaten gefragt

Stromtankstellen werden nicht wie klassische Tankstellen aussehen. Vielmehr werden die Strom-Ladesäulen als ›Überallautomat‹ direkt an Parkplätzen und in Parkhäusern, in Einkaufscentern, bei Restaurants oder am Flugplatz ähnlich wie Parkuhren platziert sein: Das Fahrzeug wird immer dann geladen, wenn es nicht benötigt wird – beispielsweise wenn der Fahrer einen Einkauf tätigen muss oder ein Restaurant besucht.

Damit Elektroautos überall tanken können, sind auch bei der Gehäusetechnologie für die Ladestationen Standards erforderlich. Erste Konzepte, wie Stromtankstellen künftig aussehen können, präsentierte Rittal zur Hannover Messe in diesem Jahr. So stellte das Unternehmen je ein Standsystem für den Outdoor- sowie ein Wandsystem für den Indoor-Einsatz vor. Denkbare Aufstellungsorte sind, neben den oben genannten, auch private Grundstücke, Garagen und Haushalte. Eingebaut in die Ladestationen sind bereits die neuen, zukünftig wohl standardisierten Stecker. Die Gehäusesysteme sind in Aluminium und Edelstahl ausgeführt und mit einer Anti-Graffiti-Schicht lackiert. Die Integration von Abrechnungs- und Identifikationssystemen kann bei Bedarf durch Rittal erfolgen.

Der Gehäusehersteller sieht sich als Schnittstelle zwischen den Infrastruktur-Betreibern und den Fahrzeugherstellern. Als Spezialist für Outdoor-Packaging verfüge man über Kompetenz in Verkehrstechnik und Systemintegration. Durch große Produktions- und Logistikkapazitäten sieht man sich zudem als einer der wenigen Hersteller, der die benötigten Stückzahlen zur Verfügung stellen kann, wenn die Stromkonzerne Ernst machen.

Klimafreundlich Mobil

2009 will allein die RWE noch 500 Stromtankstellen aufbauen und für 2010 gehen deren Planungen in die Tausende. Der Aufbau der 500 Ladestationen erfolgt in Berlin im Rahmen des e-mobility-Pilotprojekts von RWE und Daimler: Das Unternehmen testet anhand von 100 Elektro-Smarts die Nutzung von öffentlicher Ladeinfrastruktur und das Fahrverhalten der Nutzer. Bis 2012 wird im weltweit größten Piloten geprüft, wie Elektromobilität auf die Straße gebracht werden kann. Eine Herausforderung ist es derzeit, öffentliche Aufstellungsorte zu definieren, da der Ordnungsrahmen für den Aufbau von öffentlichen Ladestationen noch nicht festgelegt ist.

Strom als Kraftstoff für Fahrzeuge hat einen großen Vorteil: Er kann fast überall produziert werden – Benzin nicht. Die Stromtankstelle ist also nur das letzte Glied in einer langen – möglichst grünen – Kette; denn Elektroautos haben zwar einen hohen Wirkungsgrad, aber letztlich sind sie nur so umweltfreundlich wie der Strom, mit dem sie fahren.

Mit Strom aus Kohlekraftwerken würde sich also lediglich die CO2-Emission vom Auto auf das Kraftwerk verlagern – was unmittelbar nur den Ballungsräumen helfen würde. Mit zunehmender Elektroautoquote steigt daher auch die Notwendigkeit zu mehr regenerativen Energien.

Durch den hohen Wirkungsgrad der E-Motoren und – vermutlich – auch eine leichtere Bauart sind Elektroautos schon bei einem konventionellen Energiemix klimafreundlicher als solche mit Verbrennungsmotor. Dies gilt umso mehr, wenn die Batterien mit CO2-neutralem Ökostrom aus regenerativen Quellen geladen werden. Das zu gewährleisten ist bekundetes Ziel der Energiekonzerne.

Für diese bedeuten Elektrofahrzeuge aber nicht nur zusätzliche Einnahmen.

Gibt es erst einmal einen genügend großen Bestand, so lassen sich die Akkus der Fahrzeuge auch zur Pufferung von Verbrauchsspitzen, etwa um die Mittagszeit, nutzen – gegen eine noch zu klärende Rückvergütung. Idealerweise wird der Fahrzeug-Akku nachts aufgeladen, wenn wenig sonstige Verbraucher am Netz hängen.

Autos mit wenig Stromhunger

Der Stromhunger von Elektroautos fällt, absolut gesehen, nicht einmal besonders hoch aus: Selbst eine komplette Umstellung der Fahrzeugflotte auf Elektro-Antrieb würde den Gesamt-Stromverbrauch in Deutschland nur um rund 15% erhöhen. Mit intelligentem Laden in Nebenzeiten plus einer Rückeinspeisung zu Spitzenzeiten wären dafür keine zusätzlichen Kraftwerke nötig.

Pilotprojekt

RWE und die APCOA Autoparking GmbH starten den gemeinsamen Roll-Out von Stromladestationen für Elektroautos in öffentlich zugänglichem Parkraum. Durch die Kooperation mit dem Parkraumbewirtschafter entstehen zunächst Ladestationen in 20 Berliner Parkgaragen in zentralen Einkaufslagen, etwa am Alexanderplatz. In einem weiteren Schritt soll auch in Parkhäusern großer Städte wie Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München die Ladeinfrastruktur aufgebaut werden.

Erschienen in Ausgabe: 7-8/2009