Tankstellen-Ausbau in Eigenregie

Spezial

Mobil - Das reichlich vorhandene Erdgas wäre die einzig sofort verfügbare Alternative zu ölbasierten Antrieben. Nun soll eine neue Gesellschaft beim Vertrieb Gas geben.

28. August 2012

>Ökologisch – davon zeugen zahlreiche Auszeichnungen wie der Blaue Engel des ADAC – sind Erdgasfahrzeuge nach dem heutigen Stand der Technik die erste Wahl. Und auch in Sachen Geld rechnet sich die Technik längst, zumindest bei Fahrleistungen von mehr als etwa 15.000km. Doch obwohl jedes Jahr auf einer deutschen Automesse die goldene Zukunft und der baldige Durchbruch verkündet wird, will sich dieser dann doch nicht so überzeugend einstellen – bislang jedenfalls.

Auch auf der Automobil International in Leipzig (AMI) trommelten ADAC und Branchenverband Erdgas mobil erneut für die methanisierte Mobilität. Keine 5€ Spritkosten für 100km Strecke, 25%weniger CO2-Ausstoß und die Option, durch beigemischtes Biogas auf den Einsatz von fossilen Treibstoff völlig verzichten zu können, sind die eine Linie der Argumente der Erdgas-Lobbyisten.

Dass zudem die Reichweite inzwischen fast auf gleicher Höhe wie beim Benziner liegt und beide Treibstoffe verwendet werden können, wird als Seitenhieb gegen die lauter trommelnden Befürworter von Elektro-Fahrzeugen ins Feld geführt. Davon rollen schließlich bislang nur rund 5.000 auf Deutschlands Straßen, beim Erdgas (CNG) sind es rund 100.000.

Doch diese Anzahl macht ebenso wenig stolz wie die der Tankstellen: knapp 900 werden seit vielen Jahren in Deutschland gezählt. Viele davon liegen eher in ländlichen Gebieten, meist dort, wo emsige Stadtwerke auf eigene Faust ein paar kleine Zapfsäulen aufgestellt haben.

100 Tankstellen

Auf den Stationen von Aral und Shell, die mit 20m hohen Werbemasten Kunden anlocken, sind die Erdgaskunden hingegen nur ausnahmsweise willkommen. Dort gibt es allenfalls LPG, ein Buthan-Propan-Gemisch, das bei der Öldestillation als Beiprodukt abfällt. Weil die Gasindustrie bei den Ölkonzernen, die das deutsche Tankstellennetz dominieren, offenbar bislang abgeblitzt oder nicht über Unverbindliches hinausgekommen ist, will sie nun selbst in die Offensive gehen. Timm Kehler, Sprecher von Erdgas mobil, übernimmt dazu die Geschäftsführung einer neu gegründeten Gesellschaft mit dem Namen Gasmotive Deutsche Erdgastankstellen GmbH.

»Wir werden mindesten 100 neue Tankstellen errichten und betreiben«, versichert Kehler. Das sei aber nur der erste Schritt, wobei sich die Gesellschaft zunächst auf die weißen Flecken in den Ballungsgebieten konzentrieren werde.

Hürden beim Bau

»Ein gutes Netz von Erdgas-Tankstellen ist dringend notwendig, um den Kauf von Erdgas-Fahrzeugen anzukurbeln, was natürlich auch unserem Absatz zugute kommt«, sagt Klaus Barbknecht, Vertriebsvorstand der VNG. Der Erdgas-Importeur ist deshalb einer der acht deutschen Gründungsgesellschafter der Gasmotive geworden.

100 neue Tankstellen – das ist natürlich immer noch nicht wirklich ein engmaschiges Netz, besonders, wenn man es mit den bisherigen Zielen vergleicht. Die von der dena koordinierte ›Initiative Erdgasmobilität‹, an der zusätzlich auch noch PKW- und Lkw-Hersteller sowie Aral, BP und Shell beteiligt sind, spricht in einer Absichtserklärung von 1.300 Tankstellen mit Erdgas als Nahziel, die »mit Unterstützung der Mineralölwirtschaft« erreicht werden sollen. Wann das dem Kunden tatsächlich zur Verfügung stehen wird, bleibt jedoch weiter im Nebel.

Warum also nimmt die Gaswirtschaft so zögerlich Geld in die Hand? Timm Kehler verweist auf den laufenden Aufbauprozess seiner Gesellschaft und die hohen finanziellen und rechtlichen Hürden für den Bau neuer Tankstellen. Die bislang aufgebauten Zapfstellen sehen zwar in der Mehrzahl eher aus, als ob dafür nur ein bescheidener Aufwand nötig wäre. Doch steckt der Teufel in vielen technischen Details, sodass eine einzige zusätzliche Station bei den Investitionskosten schnell an die Millionengrenze gelangen kann.

Das Problem sind vor allem die Aufrechterhaltung von genau definiertem Druck und Temperatur des hoch komprimierten Treibstoffes, wobei Kehler auch einen bislang fehlenden Standard für die Fahrzeugbetankung mit Erdgas vermisst. So müssten derzeit alle Tankstellen eine Einzelzulassung beantragen – was Zeit und Geld kostet.

Die Autohersteller können sich ebenfalls nicht so recht zu einer öffentlichkeitswirksamen Erdgas-Kampagne durchringen. Auch auf der AMI dominierten an allen Ständen die verbrauchsarmen Diesel und Benziner.

Immerhin, VW, Škoda, Opel, Volvo oder sogar Mercedes haben einzelne Modelle mit Erdgasantrieb in der Serie und auch Audi bietet mit dem A4 nun eine Alternative. Die Fahrzeuge stehen zwar höchst selten im Schauraum eines Händlers und werden nur spartanisch oder gar nicht beworben, aber vielleicht ist ja alles nur eine Frage weiter steigender Benzinpreise.

Audi entwickelt gerade eine CNG-Variante des A3, der im nächsten Jahr Premiere feiern wird. Weil dann voraussichtlich alle Tankstellen vertraglich mit Biogas arbeiten, kommt er auf eine durchschnittliche Emission von 30gCO2/100km – was aber dem reinen Herstellungsaufwand entspricht.

LnG für LKW?

Das schafft, so sagt man bei Audi stolz, wenn auch noch nicht laut, die Elektromobil-Sparte nicht, die ja mit dem allgemeinen Strommix auskommen muss. Dennoch hat Kehler eines gemein mit der E-Autosparte: Er erwarte, dass mittelfristig durch weiter verschärfte Abgasvorschriften die Konkurrenzsituation etwa zu Dieselfahrzeugen günstiger wird.

Auch bei Nutzfahrzeugen vollzieht sich – noch in den Nischen – eine technische Entwicklung. Iveco und Scania bieten inzwischen Sattelzugmaschinen mit 310 und 320PS für den Verteilerverkehr, Volvo/Renault experimentieren mit Dual-Fuel-Systemen, bei denen Diesel und Gas genutzt werden können.

In Frage kommen bei Lkw aufgrund der Reichweiten auch Antriebe mit Flüssig-Erdgas (LNG), wobei in Deutschland noch kein Standard festgelegt ist. Zudem wäre das Investment nicht ganz frei von Risiko: Wenn an der neuen Tankstelle nicht ausreichend Kundschaft vorfährt, »verdirbt« das Gas nach ein, zwei Wochen, indem es über die Druck-Sicherungsventile entweicht. Dennoch sieht Kehler auch hier enormes Potenzial, wenn erst einmal der Durchbruch zum Massenmarkt in Reichweite gerückt ist. Wann das sein wird? Ein paar Auto-Messen später.

Manfred Schulze

Erschienen in Ausgabe: 07/2012