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Industrie - Bei einem Unternehmen der Chemiebranche in Speyer entsteht als Abfallprodukt Atmungsgas. Die Firma erzeugt daraus Wärme. Diese Zweitverwertung spart Energie.

03. April 2017

Die sichere Versorgung mit Energie gehört für das Traditionsunternehmen Haltermann Carless Deutschland zu einem der wichtigsten Standortfaktoren. Das Unternehmen ist Teil des international tätigen Chemieunternehmens HCS Group mit mehreren Standorten auf zwei Kontinenten.

Es entstand aus dem Zusammenschluss der Unternehmen Haltermann und Petrochem Carless. Seit mehr als 150 Jahren stellt das Unternehmen hochreine chemische Produkte her, die in der Automobil-, Pharma- und Kosmetikindustrie, in der Druck-, Laborchemikalien- und Elektronikindustrie sowie in der Kunststoffverarbeitung ihren Einsatz finden.

Gas aus der Produktion

Im Jahr 2013 entschloss sich Haltermann Carless, seine Energieversorgung am Produktionsstandort Speyer auf eine neue Basis zu stellen. Dabei wurde nach einer Lösung gesucht, ein in der Produktion anfallendes, energiereiches Atmungsgas – sogenanntes Ventgas – für die Energieerzeugung zu nutzen.

Werksversorgung aus einem Guss

Der Ausstoß an Kohlendioxid sollte reduziert werden, um damit einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten. Ein weiteres Thema war die sichere Verfügbarkeit der Versorgung. Das Chemieunternehmen wollte sich von der Aufgabe der Energieversorgung entlasten, um sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren zu können. Es entschied sich daher für eine Komplettlösung in Form eines Contractings.

Von der Planung über die Finanzierung, der Errichtung der Anlage bis hin zum Betrieb – inklusive aller Instandhaltungskosten und -risiken – waren alle Leistungen vom Energiedienstleister zu übernehmen. Umgesetzt hat das Energieversorgungskonzept Getec heat & power. Das Unternehmen schnürte eigenen Angaben zufolge ein Gesamtpaket aus innovativer Technik und individuellen Energiedienstleistungen.

Kernstück des Konzeptes ist eine neue erdgasbasierte Energieerzeugungsanlage. Diese übernimmt die komplette Versorgung des Werkes mit Thermalöl und Dampf sowie die Mitverbrennung des Ventgases, das bisher nicht genutzt wurde. Das Abgas fällt bei der Produktion und Lagerung der Haltermann Carless-Produkte und deren Umschlag an.

Integriert in Thermalölanlage

Die Getec-Ingenieure entwickelten hierfür eine technische Lösung, die eigenen Angaben zufolge weltweit einmalig ist: Das Ventgas wird in den Verbrennungsprozess der Thermalölanlage integriert und zur Wärmeerzeugung genutzt. Das hochkalorische Gas hat einen Heizwert, der dem von Erdgas nahe kommt. Eine Feuerungswärmeleistung von rund 2,5 Megawatt kann so in Nutzenergie umgewandelt und entsprechend beim Erdgas eingespart werden.

»Mit unserem innovativen Konzept für die Ventgasverwertung schonen wir nicht nur wertvolle Ressourcen, wir senken auch die Energiekosten für Haltermann und helfen so, den Standort in Speyer zu sichern«, sagt Volker Schulz, Vorstandssprecher Getec heat & power.

Indirekte Dampferzeugung

Herzstück der neuen Anlage sind zwei erdgasbefeuerte Thermalölkessel mit einer Nennwärmeleistung von je knapp 8,65 MW je Thermalölerhitzer. Hierbei wird das Thermalöl in stehenden Erhitzern mit einer Erdgasfeuerung auf maximal 340 Grad Celsius erhitzt.

Neben der Versorgung der direkten Thermalölverbraucher in der Produktion wird über einen indirekten, mit Thermalöl beheizten Dampferzeuger bis zu 13 Tonnen Sattdampf pro Stunde mit einem Dampfdruck von 21 bar ausgekoppelt.Zum Leistungsumfang des Energiedienstleisters gehörten weiterhin die Errichtung des Kesselhauses, die Installation der kompletten Mess- und Regelungstechnik sowie aller mit den Thermalölerhitzern und dem indirekten Dampferzeuger stehenden Nebenaggregate.

Redundanz aus dem Bestand

Der im Bestand von Haltermann stehende Erdgas-Dampfkessel bildet hierbei die Redundanz zu dem indirekten Dampferzeuger von Getec. Das neue Heizwerk wurde auf ein neues Baufeld im Werksgelände errichtet.

Hier erfolgte eine komplett neue Anbindung der Medien Dampf und Thermalöl auf dem Werksgelände. Nach rund einem Jahr Bauzeit wurde die Anlage im Herbst 2014 in Betrieb gekommen. Sie versorgt nun den Standort Speyer rund um die Uhr mit Thermalöl und Dampf.

Gleichzeitig wird das energiereiche Ventgas in die thermische Verwertung integriert und für die Energiegewinnung genutzt. »Das senkt den Kohlendioxidausstoß und Gasverbrauch deutlich und schont wertvolle Ressourcen«, heißt es bei Getec.

Erschienen in Ausgabe: 03/2017