Vollrollout: so geht es

Smart Metering – Alle Ferrariszähler durch intelligente Messsysteme ersetzen: Das ist kurz gesagt das Konzept des IT-Spezialisten Hausheld. Der Vollrollout rechnet sich für Messstellenbetreiber durch die Skaleneffekte und optimiertes Netzmanagement.

01. Februar 2019
Vollrollout: so geht es
(Bild: MWIMMERDESIGN)

Bis 2032 sollen in Deutschland moderne Messeinrichtungen, kurz MME und intelligente Messsysteme, kurz iMsys, flächendeckend eingesetzt werden. Großverbraucher mit einer jährlichen Stromabnahme über 10.000 kWh und Betreiber einer Energieerzeugungsanlage mit einer Anschlussleistung zwischen 7 und 100 kW müssen mit einem iMsys ausgerüstet werden. Ab 2020 werden auch Verbraucher mit mehr als 6.000 kWh im Jahr von der Einbaupflicht erfasst. Alle übrigen Anschlüsse erhalten mindestens eine moderne Messeinrichtung. So hat es der Gesetzgeber vorgesehen.

Die Hausheld AG hat ein anderes Konzept entwickelt. Der Metering-Spezialist aus Mönchengladbach rüstet unabhängig vom Verbrauch alle Messpunkte mit iMsys aus.

»Der Vollrollout ist der Schlüssel, um Verteilnetze zuverlässig zu betreiben«, so Hausheld-Vorstand Bouke Stoffelsma. Nach seinen Worten helfe die Technologie, Stromausfälle zu vermeiden, weil man kritische Netzzustände früher erkenne. Der Anteil der erneuerbaren Energien nehme weiter zu und die E-Mobilität mache den Netzbetreibern heute schon große Sorgen, so Stoffelsma. »Nicht umsonst müssen sie Wallboxen zum Laden heute bei Netzbetreibern eigentlich anmelden.« Im Saarland setzt das Unternehmen den Vollrollout in einem Projekt um. Hausheld liefert den Stadtwerken Saarlouis für den Innenstadtbereich die Messdaten täglich auf Basis der intelligenten Zähler aus.

Vollrollout in Saarlouis

»Die Smart Meter Gateways funktionieren und die Gateway-Administration ist mit den Abrechnungssystemen der Stadtwerke verbunden. Die komplexen neuen Prozesse sind vollständig implementiert«, sagt Wolfgang Müller, Geschäftsführer der Stadtwerke Saarlouis. Saarlouis kann sich nach seinen Worten bereits mit der Zukunft beschäftigen, weil die Daten da sind. Die Stadtwerke haben vor drei Jahren den Vollrollout beschlossen. In der Stadt installiert Hausheld mehr als 25.000 intelligente Messsysteme. Mit jedem Installationsschritt wurden Prozesse optimiert und die Abrechnungssysteme angepasst. Die Geräte vernetzen die ganze Stadt.

Messdaten für die Energiewende

Die Messdaten lassen sich im Vertrieb eines Stadtwerks nutzen; etwa für die Frage, wie der Kundenservice für Kunden einfacher werden kann. Oder wie sich die Energiebeschaffung verändert. Ferner können die Messdaten für das Netzmanagement eingesetzt werden, konkret für die Qualität der Netzplanung. In Saarlouis setzt diese Planung nicht mehr auf Simulationen auf, sondern nutzt reale Messungen.

Wer beispielsweise eine neue PV-Anlage plant, kriegt von den Stadtwerken sofort eine Auskunft, ob das Kabel in der Straße dafür noch ausreichend dimensioniert ist. Die E-Mobilitäts- Infrastruktur lässt sich in bestehenden Netzen dann sicher betreiben, wenn die aktuellen Lasten bekannt sind. Auch dafür kann der Vollrollout von Nutzen sein. Diese Einsatzmöglichkeiten machen laut Hausheld den Mehrwert eines Vollrollouts für Messstellenbetreiber aus.

Submetering

Eine weitere Einsatzmöglichkeit ist das Submetering. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Trendresearch rechnen 38 Prozent der Befragten damit, dass Energieversorger in den kommenden Jahren Marktanteile im Submetering hinzugewinnen werden. Gleichzeitig nennt ein Drittel der Befragten sinkende Anteile bei den etablierten Submetering-Anbietern. Nur zehn Prozent erwarten, dass sich die Marktanteile in den kommenden Jahren nicht verändern. Die Digitalisierung der Abrechnung von Gas, Wasser und Wärme ist ein großer Markt, in dem Experten zufolge Stadtwerke profitable neue Geschäftsfelder angehen können.

Laut Trendresearch lag das Gesamtmarktvolumen in Submetering 2017 bei circa 1,65 Mrd. Euro. Bis 2025 könnte das Volumen im besten Fall auf deutlich mehr als 2 Mrd. steigen; im Referenzszenario erreicht das Volumen knapp die Marke von 2 Mrd. Euro. Mit anderen Worten: Anders als im Stromvertrieb mit knappen Margen, hohem Wettbewerbsdruck und wenig Aussicht auf Wachstum, bietet das Submetering Chancen für neue Erlöse in der Zukunft.

Transformation

Mit der stadtweiten Einführung von intelligenten Messsystemen digitalisiert das Stadtwerk sein gesamtes Messwesen. Für Energieversorger bedeutet der Schritt de facto eine Transformation. Die Stadtwerke bleiben Messdienstleister, sie werden ihr Messwesen jedoch risikolos über ›metering as a service‹ organisieren.

»Die Systeme erzählen weiter, was sie empfangen haben.«

— Bouke Stoffelsma, Hausheld AG

Hausheld übernimmt für das Stadtwerk die Digitalisierung und liefert die benötigten Messwerte. Investition, Montage und Betrieb kommen abgestimmt aus einer Hand. Die Messleistung bietet Hausheld den Stadtwerken dabei immer unterhalb der gesetzlichen Preisvorgaben an.

Netzknoten

»Die Hausheld-Technologie arbeitet wie Mundpropaganda«, sagt Bouke Stoffelsma. »Die Systeme erzählen weiter, was sie empfangen haben.« So könne man dadurch mit einer kleinen Sendeleistung die Verbindung immer jeweils weiterleiten. Ein sogenanntes Mesh-Netzwerk überträgt die Messdaten verschlüsselt und BSI-konform. Den Angaben zufolge funktioniere das in der Praxis sehr erfolgreich, insbesondere um aus Kellern herauszukommen oder über mehrere Geschosse Daten zu übertragen. »Unsere Systeme suchen sich intelligent Wege um Pfeiler herum und überwinden auch automatisch Wand für Wand«, so Stoffelsma.

Generalunternehmer

Hausheld sieht sich als technischer Generalunternehmer für Stadtwerke und Messstellenbetreiber; zu den Leistungen gehört auch die Finanzierung. »Hausheld verkauft die Messdienstleistung als solches«, sagt Vorstand Boule Stoffelsma. »Die Finanzierung ist unter anderem mit eingebaut.« Das Unternehmen übernehme alle Kosten für Montage, Betrieb und Investitionen und stelle nur ein Messentgelt in Rechnung. »Unsere Kunden wollen am Ende einfach ein funktionierendes System mit dem wir nach den gesetzlichen Anforderungen die Messungen abrechnungsrelevant vornehmen und ihnen bereitstellen.« hd

Interview - »gleich etwas zukunftsfähiges einbauen«

Stadtwerke haben jetzt die Chance, das Messwesen auf einen Schlag intelligent zu machen und als Plattform für die Digitalisierung zu nutzen, sagt Hausheld-Vorstand Bouke Stoffelsma.

Herr Stoffelsma, wichtiges Argument von Hausheld für den Vollrollout sind die niedrigen jährlichen Kosten für ein intelligentes Messsystem. Gilt das pauschal, oder hängt es vom Einzelfall im jeweiligen Netzgebiet ab?

Der Gesetzgeber hat die Kosten für die Endverbraucher vorgegeben. Mit dem Vollrollout für alle Kunden bleiben wir garantiert innerhalb dieser Preisobergrenzen. Die Skaleneffekte, die die Hausheld-Technologie erreicht, geben wir an die Stadtwerke weiter, egal ob groß oder klein.

Hausheld wirbt mit seinem langjährigen Know-how aus dem Micropayment, das in das Vollrollout-Konzept einfloss. Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Beides sind Abrechnungssysteme. Auch für Micropayments sind hochdigitalisierte Abrechnungsprozesse entwickelt worden, um die Transaktionen zu verbilligen. Das Smart Meter Gateway arbeitet sehr ähnlich. Es sammelt erst mal alle Messungen, aber übertragen wird dann viel weniger.

Ab 2021 gilt Wahlfreiheit beim wettbewerblichen Messstellenbetrieb in Gebäuden. Mit welcher Entwicklung rechnen Sie?

Hausheld geht davon aus, dass spätestens ab 2021 die Digitalisierung des Messwesens von der Wohnungswirtschaft angegangen wird, wenn die Stadtwerke das Thema nicht erledigt haben.

Die Zukunft der Stadt ist einfach digital. Automatische Ablesungen sind viel effizienter, als Facility Manager Zähler ablesen zu lassen.

Durch das Gesetz haben Stadtwerke als Erste die Chance, die Zähler fit für die Energiewende zu machen und ihr Messwesen endlich zu digitalisieren.

Es geht für Stadtwerke um die Frage, ob sie das Geschäft der Zukunft betreiben möchten, oder ob sie mit modernen aber nicht verbundenen Messeinrichtungen die Digitalisierung verpassen.

Welche Vertragslaufzeiten bieten Sie an?

Wir bieten die Umsetzung des Vollrollouts in der Regel zwischen 24 und 36 Monaten an; allein sechs Monate braucht man für eine seriöse Vorbereitung mit den Mitarbeitern im Stadtwerk.

Andere Stadtwerke haben letztes Jahr bestellt, weil sie schon 2019 alle Kunden mit intelligenten Zählern bedienen möchten. Das hängt einfach davon ab, welche Digitalisierungsstrategie ein Stadtwerk hat. In der Regel stehen ja ohnehin viele Zähler zum Turnuswechsel an. Dann kann man auch gleich etwas Zukunftsfähiges einbauen. hd

E-world 2019: Halle 5, Stand 5–126

Erschienen in Ausgabe: 01/2019