Transparenz als Herausforderung

Markt

Regulierung - Neue EU-Verordnungen haben Einfluss auf Trading-, Risikomanagement- und Clearingprozesse sowie Reportingfähigkeit der IT. Bei vielen EVU besteht noch Handlungsbedarf.

12. November 2012

»Wir begrüßen die zum Jahreswechsel eingeführte EU-Verordnung REMIT als wegweisende Transparenzverordnung, da sie zusätzliches Vertrauen in den Energiegroßhandel schaffen wird«, so das gemeinsame Statement von Jan Haizmann von EFET Deutschland, Hans-Joachim Reck vom Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und Annette Loske, Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK).

»Wegen der weitreichenden Berichtspflichten für alle europäischen Marktteilnehmer besteht kein Grund für nationale Sonderwege. Das im Bundestag diskutierte Markttransparenzstellengesetz als nationale Implementierung der REMIT schießt über das Ziel hinaus und kann den Wettbewerb im Energiehandel sogar beeinträchtigen.«

Hilfreicher ist es aus Sicht der Geschäftführer, die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung der Verordnung durch die EU-Kommission in Form der ›Durchführungsakte‹ abzuwarten. Diese legen fest, welche Fundamental- und Transaktionsdaten in welcher Form und auf welche Weise an ACER als europäische Regulierungsbehörde sowie an nationale Behörden gemeldet werden müssen. Der Zeitplan zur Umsetzung sieht vor, dass die Kommission ihre Vorschläge zur Implementierung bis Jahresende vorlegt und voraussichtlich 2013 verabschiedet.

»Mit den derzeitigen Plänen zum Markttransparenzstellengesetz sind Doppelstrukturen zur Erfassung von Handelsgeschäften und Fundamentaldaten zu befürchten, die unbedingt vermieden werden müssen«, sagt auch BDEW-Chefin Hildegard Müller. »Ansonsten würde dieses Gesetz nur zu kostentreibender Bürokratie bei den Energieversorgern und in den Behörden führen.«

»Unzureichend vorbereitet«

Die Erfüllung der EU-Regulierungsvorschriften wie REMIT, EMIR, MiFID und MAD gehört künftig zu den Mindestanforderungen, um weiter Energiehandel betreiben zu können. Hintergrund für den Erlass der teils noch geplanten Vorschriften ist die Finanzmarktkrise 2008. Der europäische Gesetzgeber will damit die Risiken für Marktteilnehmer und Konsumenten so weit wie möglich reduzieren, mehr Kontrolle und Einblick in die Märkte gewinnen und regulatorische Schlupflöcher schließen.

Ingesamt zeichnen sich die Energieversorger durch große Lücken in der Einschätzung der Auswirkungen sowie einen erheblichen Nachholbedarf bei der Umsetzung der regulatorischen Anforderungen aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine von Baringa Partners LLP veröffentlichte Studie. REMIT insbesondere stellt den Gas- und Strommarkt vor Reportingverpflichtungen. EMIR hingegen bezieht den OTC-Markt in Clearingverpflichtungen und damit stark steigende Kapitalanforderungen ein. »Auf diese neuen Anforderungen und ihre Rolle als Monitoringorgan sind die Energieversorger derzeit noch unzureichend vorbereitet«, zieht Maik Neubauer, Partner und Deutschlandchef von Baringa, ein Fazit.

»Insbesondere bei der Analyse des Anwendungsbereichs der Vorschriften sowie deren Reichweite auf die Querschnittsfunktionen in den Unternehmen herrscht massiver Nachholbedarf. Darüber hinaus werden auch Komplexität und Reichweite von REMIT und EMIR in weiten Teilen deutlich verkannt.« Ein weiteres Ergebnis der Ende Juni vorgestellten Studie: Es hatte sich nur ein geringer Anteil der befragten Marktteilnehmer mit den Auswirkungen zu REMIT und EMIR näher befasst.

»Von den Marktteilnehmern wird meist nur eine Einflussnahme auf die Compliance-Strukturen angenommen. Der Einfluss auf die Trading-, Risikomanagement- und Clearingprozesse und die Reportingfähigkeit der IT werden in der Regel zu oberflächlich analysiert«, so Susann Funke, Expertin Regulatory Affairs & Compliance bei Baringa.

Die neuen Pflichten treffen kommunale Versorger und Energiehändler besonders hart, denn sie sind von einem wirksamen Reporting am weitesten entfernt, so eine Studie von Steria Mummert Consulting.

»Anders als die überregionalen Versorger besitzen sie bislang kaum Erfahrung im Reporting von Handelsdaten an nationale und internationale Marktaufsichtsbehörden«, sagt Gunther Dütsch, Experte für Energiehandel bei Steria Mummert. »Zudem reichen die Reporting-Systeme speziell bei kleinen Energieanbietern sowie Unternehmen mit dem Fokus Verteilernetzbetrieb nicht aus.«

Nur 9% der kleinen Stadtwerke halten ihr aktuelles Berichtswesen für geeignet, die EU-Vorgaben zu erfüllen, so die Studie. Über ein heute schon effizientes, organisationsübergreifendes Reporting für Finance, Risk und Controlling, einschließlich Energiehandel, verfügen fast ausschließlich die Konzerne. Von ihnen besitzen immerhin 80% die nötigen IT-Systeme und Datenhaushalte oder haben entsprechende Investitionen bis 2014 eingeplant. »Allerdings sind auch viele der Großen unter den Versorgern nicht ausreichend darauf vorbereitet, die vorhandenen Daten für ein künftig deutlich aufwendigeres Reporting entsprechend aufzubereiten«, so Dütsch.

Hintergrund

REMIT: Ziel der Integritäts- und Transparenzverordnung ist ein Rahmen, in dem die Gas- und Strommärkte Europas ordnungsgemäß funktionieren.

EMIR: Verordnung ab 2013 zur Überwachung und Regulierung bisher unregulierter OTC-Geschäfte.

MiFID: Richtlinie der EU zur Harmonisierung der Finanzmärkte. Bei MiFID 2 betreffen die geplanten Änderungen auch Unternehmen, die mit Finanzinstrumenten im Energiebereich handeln, diese vermitteln oder beratend tätig sind. Zudem zählt künftig der Bereich Emissionszertifikate darunter.

MAD: (Market Abuse Directive) Soll vor allem der Transparenz und Regulierung der Finanzmärkte dienen. Im Zusammenhang mit REMIT zu sehen.

Erschienen in Ausgabe: 09/2012