Transparenz in der Beschaffung

Studie Ein optimierter Einkauf über Energiehandelssysteme wird für Versorger immer wichtiger. Als schwierig stellt sich häufig der hohe individuelle Anpassungsbedarf heraus.

18. August 2008

Aktuell sind auf dem deutschen Markt mehr als 30 unterschiedliche IT-Lösungen mit mehreren Modulen verfügbar. Die Teilnehmer am Energiehandel stehen mehr denn je vor der Herausforderung, das für sie optimal geeignete Energiehandelssystem (EHS) herauszufinden. Die Anbieter solcher IT-Lösungen sind angehalten durch die Abdeckung einzelner Funktionen und Commodities kundenspezifische Programme am Markt zu positionieren.

Die Studie ›Energiehandelssysteme 2010‹ des Trend- und Marktforschungsinstituts trend:research analysierte die derzeit erhältlichen Anwendungen. Die Basis bilden rund 70 Interviews mit Energieversorgungsunternehmen (EVU), Händlern und Brokern sowie Systemanbietern.

Hauptbestandteile eines EHS sind das Portfolio- und Risikomanagement sowie der Handel. Bei der Auswahl der IT-Tools ist von Bedeutung, dass diese Bereiche ausgebaut werden können, betonen die Marktforscher. Die Erweiterungsmöglichkeiten sollten vor allem im Hinblick auf die Abbildung von neuen Produkten auf dem Markt geprüft werden. Diese können laut der Auflistung des Bremer Instituts neben Strom- und Gasprodukten zum einen individuelle außerbörslich gehandelte Produkte, zum anderen etwa CO2-Zertifikate sein. Der Integrationsfähigkeit in die bestehende IT-Infrastruktur kommt hierbei ein besonderes Augenmerk zu.

Stark variierende Funktionen

Handelssysteme, die über vielfältige Funktionen, wie Preis- und Lastprognosen sowie Portfolio- und Risikomanagement verfügen und damit eine wichtige Entscheidungshilfe liefern, werden, so zeigt es das Resultat der Studie, im Energiemarkt bereits von knapp der Hälfte der EVU und einem Viertel der Händler und Broker eingesetzt.

Das Funktionsportfolio der EHS unterscheidet sich je nach Anwendung und Erfordernissen der Nutzer. Dennoch können die hohen Ansprüche oft nicht gänzlich erfüllt werden. »Bis zu zweijährige Implementierungsphasen und fortlaufende Anpassungen und Verbesserungen geben das Bestreben der Anbieter wieder, den individuellen Bedürfnissen der Kunden entgegenzukommen «, resümiert trend:research.

Die Befragung offenbart, dass insbesondere bei EVU die Nutzung solcher Systeme seit zwei bis drei Jahren stark zugenommen hat. Sie sind bei allen interviewten Softwarenutzern in der Sparte Strom im Einsatz, fast die Hälfte nutzt die Systeme auch im Bereich Gas.

Dagegen tut sich in anderen Sparten ein schwarzes Loch für die IT-Handelssoftware auf. Der Markt der Emissionszertifikate birgt nach Einschätzung der Experten in den nächsten Jahren aufgrund der politischen Vorgaben ein großes Potenzial für EHS. Auch die Energiebeschaffung auf Ebene kleiner und mittlerer Versorger entwickelt sich im Zuge der Kostenoptimierung verstärkt zu einer strukturierten Beschaffung. Langzeitlieferverträge werden kürzer und seltener. Die Entscheider visieren zunehmend verschiedene Handelsplätze an, auf denen sie aktiv werden können.

Während für Händler und Broker die Anpassung an die Marktbedingungen und -veränderungen im Vordergrund steht, wollen EVU durch den Einsatz eines EHS die Datensicherheit gewährleisten und die Abläufe transparenter gestalten.

Komplettlösungen bei Grossen

Die Studie ermittelte das EHS-Marktvolumen für Kunden aus dem Bereich der EVU in Deutschland. Das Institut differenzierte hierzu je nach Funktionenumfang umfassende und mittlere EHS sowie Teillösungen. Umfassende IT-Anwendungen, welche alle Funktionen als Komplettsystem abdecken, benut- zen überwiegend große Stadtwerke und Regionalversorger mit einem jährlichen Absatzvolumen von über 10.000 GWh. Mittelgroße Stadtwerke und Regionalversorger mit einem Absatzvolumen bis zu 3.500 GWh bevorzugen dagegen größtenteils mittlere EHS, welche nicht zwingend alle relevanten Funktionen beinhalten.

Teillösungen für bestimmte Bereiche fand trend:research hauptsächlich bei mittelgroßen und kleinen Stadtwerken mit einem Absatzvolumen bis zu 1.000 GWh. Hier erfolgt etwa die Abdeckung nur einer Energiesparte ohne die Funktionen Risikomanagement und Portfoliomanagement. Bei kleineren Stadtwerken stünden vor dem Hintergrund der kommunalen Einflussnahme die Kosten stärker im Fokus als bei größeren Versorgern. <

Marktbedarf

Die goldene Mitte

Der Schwerpunkt der möglichen Volumenzuwächse liegt laut trend:research bei den ›mittleren EHS‹, die zwar geringere Umsätze pro Stück für Teilmodule erlösen, gleichzeitig jedoch auf einen höheren Bedarf der mittleren Energieversorger zurückgreifen können. Damit wird der Ansatz vieler Anbieter bestätigt, im Gegensatz zu einem Gesamtsystem auch Teilmodule anzubieten. Das Anbieten aller Funktionsmöglichkeiten einer Software aus dem eigenen Hause bleibt jedoch ebenfalls ein wichtiges strategisches Ziel.

Erschienen in Ausgabe: 7-8/2008