Über den Bäumen weht eine andere Brise

Markt

Standorte - Mit dem Ausbau der Erneuerbaren und der Energiewende rücken auch Waldflächen stärker in den Fokus. Erfahrungen aus dem Offenland sind aber nicht 1:1 übertragbar.

12. November 2012

Bis 2030 soll der verbrauchte Strom in Rheinland-Pfalz zu 100% aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, 70% davon aus Windkraft. Das heißt, die Anzahl der Windenergieanlagen wird sich bis dahin voraussichtlich verdoppeln. Die Landesregierung will dafür 2% der Landes- und Waldfläche zur Verfügung stellen. Beispiele für erste Windparks im Wald finden sich etwa im Hunsrück mit den Windparks Kirchberg und Ellern, die Projektierer juwi gemeinsam mit Partnern realisiert hat oder gerade realisiert.

Um zu prüfen, wie sich der Ausbau der Windkraft mit dem Naturschutz vereinbaren lässt, hat das Umweltministerium des Landes ein Gutachten erstellen lassen. Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken wies darauf hin, dass besonders sensible Bereiche wie Naturschutzgebiete, Kernzonen von Biosphärenreservaten und der künftige Nationalpark Soonwald für Windräder tabu seien. In FFH- und Vogelschutzgebieten sowie in Kernzonen von Naturparken werde die Naturverträglichkeit der Anlagen vorab sehr genau geprüft.

Im Blickpunkt der Gutachter standen besonders windkraftsensible Vogel- und Fledermausarten sowie NATURA-2000-Gebiete. »Es hat sich gezeigt, dass im Hinblick auf die Verträglichkeit der Windkraftnutzung mit dem Artenschutz ein differenziertes Vorgehen notwendig ist«, so Klaus Richarz, Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

Mindestabstände einhalten

Die Windkraftempfindlichkeit einzelner Arten habe man detailliert herausgearbeitet. Demnach ist etwa das Kollisionsrisiko für Rotmilane im Horstumfeld während der Brutzeit und für Abendsegler zur Zugzeit sehr hoch. Zudem beschreibe das Gutachten den nötigen Untersuchungsumfang zur Prüfung der Verbotstatbestände nach dem Bundesnaturschutzgesetz. Dargestellt werden auch die nach aktuellem Kenntnisstand möglichen Kompensationsmaßnahmen. So lassen sich Konflikte vermeiden etwa durch Einhalten von Mindestabständen zu Brutplätzen oder Abschalten der Anlagen in warmen, aber windarmen Hauptzugnächten der Fledermäuse. »Wenn Belange von Schwarzstörchen, Rotmilanen und Fledermäusen bei der Planung wie im Gutachten beschrieben berücksichtigt werden, wird ein Mehr an Windkraft nicht zu einem Weniger an Arten führen«, sagt Richarz.

»Wir benötigen grundsätzlich die Möglichkeit, Windparks auch in Waldgebieten zu errichten, wenn die Energiewende gelingen soll. Dazu ist eine differenzierte Betrachtung der jeweiligen Waldgebiete auf der Grundlage von Fakten vonnöten«, sagt Peter Forch, Geschäftsführer des Projektierers Linden Energy. Gemeinsam mit Arsu und GIS-Plan-Service Jürgen Knies hat das Unternehmen eine Konzeptstudie erarbeitet, welche die Chancen, Herausforderungen und praktische Lösungsansätze für die nachhaltige Nutzung von Windenergie in deutschen Waldgebieten aufzeigen will. Denn solche Projekte begegnen unter anderem speziellen rechtlichen, planerischen und technischen Herausforderungen.

Archäologische Funde

»Die in der Regel pauschale Ablehnung durch manche Interessengruppen verkennt die Tatsache, dass der ökologische Wert wie auch der Erholungswert etwa von großflächigen Kiefern-Monokulturen mit dem Offenland vergleichbar ist. In solchen Gebieten ist eine Windenergienutzung im Grundsatz unproblematisch«, so Forch.

In artenreichen Mischwäldern könne die Situation anders sein. »Generell lässt sich aber zu Projekten im Wald sagen, dass nur eine sorgfältige Erfassung der natur- und artenschutzrechtlichen Belange eine belastbare Aussage ermöglicht.« Da diese Untersuchungen und Gutachten bei ungewissem Ausgang viel Zeit und Geld kosten, wäre das Entwicklungsrisiko ein sachgerechtes und ausreichendes Korrektiv, führt er aus.

Bei der Standortwahl kann eine erste Entscheidungsgrundlage aus in der Windenergie bewährten Ausschluss- und Restriktionskriterien bestehen, die um waldspezifische Aspekte ergänzt wird. Auch die regionalen und landesspezifischen Besonderheiten gilt es zu berücksichtigen.

Neben der Windhöffigkeit spielen zum Beispiel in den Mittelgebirgen die Erreichbarkeit, die Netzanschlussmöglichkeit und die natur- und artenschutzrechtliche Situation am konkreten Standort die entscheidende Rolle, betont Forch wichtige Aspekte bei der Standortentscheidung. »Mit gleicher Wertigkeit sind natürlich die notwendigen Abstände zur Wohnbebauung und damit die Begrenzung von Schallbelastungen für die Anwohner zu sehen.« Darüber hinaus sei zu berücksichtigen, dass in Waldgebieten Bodendenkmäler eine andere Rolle spielen als im Offenland, da im Boden archäologische Hinterlassenschaften über lange Zeiträume unentdeckt bleiben und bei Bauvorhaben zu Tage treten. »Historisch ›bewegte‹ Gebiete müssen daher sensibel behandelt werden.«

Mindesthöhe 180 Meter

Das Unternehmen zieht Waldgebiete in Betracht, die ein Potenzial von mindestens fünf Windenergieanlagen bei einer mittleren Windgeschwindigkeit von 6,2m/s in 140m Nabenhöhe versprechen. Ab einer Waldgröße von rund 50ha seien Windparks im Wald interessant. »Die Zahl der Anlagen kann in Waldgebieten in Mittelgebirgen nur schwer prognostiziert werden, weil die artenschutzrechtlichen Belange sehr detailliert untersucht und in der Planung berücksichtigt werden müssen.« Um bei einer Kollision mit geschützten Arten ausweichen zu können, müsse die Fläche im Vergleich zum Offenland eher größer sein. »Vogelschutz- oder Naturschutzgebiete schließen wir aus.«

Die tatsächliche Windgeschwindigkeit und der Ertrag lassen sich nur auf Basis von mindestens einjährigen Messungen am Standort vorhersagen. Eine Gesamthöhe der Anlagen von mindestens 180m ist im Wald erforderlich, um den Wind oberhalb der turbulenten Oberflächenströmung nutzen zu können. »Höhenbeschränkungen wären daher in der Regel ein Ausschlusskriterium.«

Für die Logistik ist wichtig, in welchen Segmentlängen und mit welchen Lasten Anlagenteile geliefert werden. Hier können Turmtechniken Vorteile bringen, die in kleineren Fertigteilen angeliefert werden, so Forch. In jedem Projekt muss die Herangehensweise individuell festgelegt werden – nicht nur im Wald. Allerdings gilt es hier, waldangepasste Lösungen zu entwickeln. »Denken Sie etwa an die Waldbrandgefahr, der man durch automatische Löschvorrichtungen in der Gondel begegnen kann. Auch der Wegebau, besonders in Kurvenradien, und die Einrichtung von Montageflächen müssen in besonderer Berücksichtigung der Situation im Wald erfolgen.«

WindDaten für Standortanalyse

TÜV Süd und NES errichten einen der höchsten Windmessmasten Deutschlands in der Oberpfalz

Die Natural Energy Solutions (NES) aus dem bayerischen Erbendorf plant einen Windpark mit bis zu sechs Windenergieanlagen im Hessenreuther Wald. »Mit unseren Anlagen wollen wir in Zukunft rund 15.000 Haushalte der Region mit klimaneutralem Windstrom versorgen«, erklärt Bernhard Schmidt, Geschäftsführer der NES. »Um im Vorfeld die Wirtschaftlichkeit des geplanten Windparks zu prüfen und damit auch Sicherheit für unsere Investitionen zu bekommen, brauchen wir unbedingt verlässliche Winddaten.«

Zusammen mit dem TÜV Süd hat das Unternehmen einen Windmessmast errichtet, der mit einer Höhe von 140m zu den höchsten Einrichtungen dieser Art in Deutschland zählt. Die beiden Partner tragen die Investitions- und Betriebskosten für die Messstation von rund 250.000€ gemeinsam. Mit der Einrichtung werden erstmals aussagekräftige Wind- und Wetterdaten zur Planung von Windparks in der nördlichen Oberpfalz sowie zur Untersuchung der Windverhältnisse an Waldstandorten erhoben, so die Partner.

»Für die nördliche Oberpfalz liegen bisher kaum verlässliche Daten zu den Windverhältnissen und Ertragspotenzialen vor«, sagt Peter Meier von der Abteilung Wind Cert Services der TÜV Süd Industrie Service. »Zudem gibt es in dieser Region nur wenige Windenergieanlagen, die als Referenz herangezogen werden können.« Dabei deuten nach Aussage des Experten gerade die oberpfälzischen Höhenzüge auf windhöffige und ertragreiche Standorte hin.

Daher werden in den kommenden beiden Jahren alle relevanten Wetterdaten mit der neuen Station aufgezeichnet. Die Daten bilden die Grundlage für detaillierte Computersimulationen, mit denen die Windexperten des Dienstleisters das Ertragspotenzial der Region präzise berechnen können. Weil in Waldgebieten über den Baumkronen zum Teil starke Turbulenzen herrschen, sind hier Windenergieanlagen der neuesten Generation mit Nabenhöhen von mehr als 140m erforderlich. Diese Anlagen sind hoch genug, um durch Turbulenzen nicht beeinträchtigt zu werden. Die Messungen bei Erbendorf sollen wichtige Aufschlüsse über die realen Windverhältnisse in 140m Höhe bringen. »Unser Projekt ist wegweisend für die Erschließung von Waldstandorten und trägt somit wesentlich dazu bei, die Ausbauziele der erneuerbaren Energien zu erreichen«, betont Bernhard Schmidt.

Der Windmessmast verfügt über acht Schalenkreuz-Anemometer, die in 10- und 20-Meter-Abständen die Windgeschwindigkeiten in unterschiedlichen Luftschichten erfassen. Weitere Sensoren messen Windrichtung, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck. Die Gesamtheit dieser Daten ermöglicht den Experten die exakte Analyse des Windprofils. »Bereits nach einem Jahr haben wir genügend Daten für die Ertragsanalysen an diesem Standort«, erklärt Peter Meier. »Die Erhebungen im zweiten Jahr dienen vor allem Forschungszwecken, um weitere Erkenntnisse über die komplexen Strömungsverhältnisse in hügeligen und bewaldeten Gebieten zu sammeln – denn hier besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.«

Erschienen in Ausgabe: 09/2012