Über den Flughafen hinaus

Die bereits im Jahre 1999 gestartete Wasserstoffwelt am Flughafen München ist erwachsen geworden. Mittlerweile befindet man sich in der vierten Projektphase und bindet auch zwei Wasserstoffbusse des öffentlichen Nahverkehrs des Münchener Verkehrsverbundes ein.

08. Juni 2006

Am Münchner Flughafen entstand 1999 eine autarke Wasserstoffwelt mit der weltweit ersten öffentlichen Wasserstoff-Tankstelle. Gegründet auf Initiative bayerischer Technologieführer und mit Unterstützung der Bayerischen Staatsregierung testet die H2argemuc seit vielen Jahren den Dauerbetrieb und die Alltagstauglichkeit von Wasserstoff. Projektpartnern sind Aral/BP, Bayerngas, BMW, E.on Bayern, Flughafen München, Grimm Aerosol Technik, Linde Gas, MAN Nutzfahrzeuge, Proton Motor, Siemens, ET-Technologie und TÜV Süd.

„Ziel war von Anfang an, eine ganzheitliche Sicherheitstechnik zu entwickeln und umzusetzen, wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu analysieren und die breite Öffentlichkeit für das Thema zu gewinnen“, betont die Projektgesellschaft H2argemuc. Heute reiche der Leistungskatalog vom täglichen operativen Geschäft mit der gasförmigen und flüssigen H2-Betankung über verschiedene Erzeugungsformen (Steamreformer oder Elektrolyse) bis zur Erprobung der Robot-Tankstelle.

Daneben arbeiten und forschen die Partner kontinuierlich an neuen Komponenten der Brennstoffzellentechnik. Auch wasserstoffbetriebene Pkw mit Verbrennungsmotor sowie ein BZ-Gabelstapler werden im Praxis-Einsatz getestet. Die dritte Projektphase ist erfolgreich abgeschlossen.

„Bis dato haben die mit Wasserstoff betankten Pkw und Vorfeld-Busse auf dem Flughafengelände mehr als 400.000 Kilometer ohne Zwischenfall zurückgelegt“, analysiert Rainer Hörl, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft. Drei Niederflur-Gelenkbusse von MAN und Neoplan mit H2-Verbrennungsmotoren befördern auf dem Vorfeld des Flughafens seit mehr als sechs Jahren Fahrgäste aus aller Welt.

Seit August 2005 kommen zusätzlich ein Brennstoffzellenbus und ein Bus mit Wasserstoffverbrennungsmotor im öffentlichen Nahverkehr des Münchner Verkehrsverbundes (MVV) zum Einsatz. MAN nutzt die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung seiner Antriebskonzepte. Dabei werden in der Praxis sowohl Wasserstoffverbrennungsmotoren, die kurz vor ihrer Serienreife stehen, eingesetzt, als auch die Brennstoffzellentechnik weiter erforscht.

Beim Systemhersteller Proton Motor mit seinen Konsortialpartnern Linde/Still, die den weltweit ersten Brennstoffzellen-Hybrid-Gabelstapler am Standort realisierten, ist die Folgegeneration bereits ebenfalls in Arbeit. „Die Praxis-Tests bei Cargogate verliefen bisher sehr zufrieden stellend“, erläutert Hörl, „der Stapler erfüllt mindestens die gleiche technische Performance wie ein herkömmliches Fahrzeug.“

Bereits seit Mai 1999 ist die rund 4.000? m² große H2-Anlage mit der Aral Tankstellentechnik in Betrieb. Dort haben die Nutzer die Wahl, ob sie komprimiertes Gas (CGH2- Compressed Gaseous Hydrogen) oder flüssigen Wasserstoff (LH2) tanken wollen. „Die Betankung der Pkw der BMW Group erfolgt beispielsweise mit flüssigem Wasserstoff“, erläutert der H2argemuc-Vorsitzende. Ein Tankroboter übernimmt die Betankung. Über ein Laser- und Kamerasystem mit Bilderkennungssoftware erkennt der Roboter die exakte Position des Fahrzeugs und fügt beide Kupplungsteile passgenau zusammen, testet den sicheren und luftdichten Sitz der Verbindung mit Hilfe eines Teststoßes Heliumgas, betankt das Fahrzeug und verschließt anschließend wieder die Ventile. In weniger als 8? min ist der Spezialtank mit 120? l Wasserstoff befüllt. Fast 1.000 Tankvorgänge mit rund 60.000 ?l fanden so bereits statt.

Demonstrationseinsätze bei der Fußball-WM geplant

Die Vorfeldbusse des Flughafens München, der Gabelstapler sowie die Busse für den MVV-Linienbetrieb tanken gasförmigen Druck-Wasserstoff. An der Tanksäule wird der Kunde mit Hilfe einer Tankkarte identifiziert, anschließend setzt er die Tankkupplung auf den Tankverschluss, klinkt sie ein und schließt damit das Fahrzeug gasdicht an die Tanksäule.

Der flüssige Wasserstoff wird extern in einer Flüssigwasserstoff-Anlage hergestellt und von Tankwagen an die Tankstelle gebracht. Gasförmigen Wasserstoff erzeugen die Anlagen vor Ort: Nach der Produktion wird das Gas verdichtet und in Hochdruckbehältern gespeichert.

Inzwischen befindet sich die H2argemuc in der vierten Projektphase. „Zeit für die Öffnung nach außen“, findet Hörl. Wurden bislang sämtliche Lösungsansätze der Wasserstofftechnologie auf dem Flughafengelände erprobt, kann mit dem Einsatz der zwei MAN-Busse jetzt die breite Öffentlichkeit H2-Fahrzeuge nutzen.

Auch während der WM 2006 sind Demonstrationseinsätze geplant. „Wir haben eine wichtige Stufe in Richtung Prozessreife

Erreicht“, sagt Hörl, „die Projektmitglieder möchten deshalb ihren Erfahrungsschatz auch anderen Wasserstoffprojekten zur Verfügung stellen.“ Weltweite Partnerschaften sollen entstehen und die Projekte miteinander vernetzen. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 02/2006