Über die Grenzen hinaus

Spezial Erdgas

Gashandel - Der Wettbewerb wird weiter zunehmen. Gleichzeitig wird der Gasmarkt immer europäischer. Bayerngas hat dies erkannt und ein Vertriebsbüro in Wien eröffnet. Auch eine Erweiterung der Marktgebiete ins Ausland, speziell Österreich, ist im Gespräch.

18. November 2010

>Obwohl der Verbrauch in Industrie und Gewerbe wieder ansteigt, gehen 45% der vom Institut für Trend- und Marktforschung trend:research befragten Gasversorger und Netzbetreiber allein bis 2015 von weiteren Absatzrückgängen im Privatkundensegment aus.

Darüber hinaus haben politische Vorgaben zur Regulierung den Gasmarkt strukturell verändert, zuletzt durch die Novelle der Gasnetzzugangsverordnung (GasNZV). »Infolge dieser Einflussfaktoren hat sich der Kosten- und Wettbewerbsdruck für Gasversorger erheblich erhöht«, heißt es in der Studie ›Gasnetze in Deutschland‹.

Als wichtigster wettbewerbsfördernder Faktor wird nach Einschätzung von rund einem Drittel der Befragten der zu erwartende Markteintritt von neuen Wettbewerbern angesehen (siehe Grafik). Diese Zunahme beruht laut Aussage der Befragten unter anderem auf der im Jahre 2009 in Kraft getretenen Anreizregulierung, die insbesondere zu einem Marktwachstum im Bereich der Netzdienstleistungen führte. Markthemmend auf den Beschaffungsmarkt wirkt sich nach Ansicht vieler Befragter die zunehmende Komplexität der Verträge und ein aufwendiges Datenmanagement aus.

Dagegen scheint es mit dem Wettbewerb auf der Beschaffungsseite noch nicht weit her zu sein. Mehr als die Hälfte der im Rahmen der Studie Befragten gab an, derzeit eine Einlieferantenstrategie oder die Vollversorgung durch einen Fernnetzbetreiber zu verfolgen. Mit 28% gaben deutlich weniger Befragte an, dass ihr Unternehmen bei mehr als einem Lieferanten Gas bezieht.

Ziel: zwei Marktgebiete

Anders stellt sich hier die Situation bei Bayerngas dar. »Der Diversifizierungsgrad der Beschaffung ist gestiegen«, teilt der kommunale Erdgasspezialist mit Sitz in München mit. Das Zeitfenster für verstärkte Handelsaktivitäten sei 2009 günstig gewesen, weil die Preise auf den Gasbeschaffungsmärkten uneinheitlich waren. Dieses Ungleichgewicht habe das Portfoliomanagement über die eigene Handelsgesellschaft actogas genutzt.

Und auch im Netzbereich blickt das Unternehmen positiv in die Zukunft. Mit der Marktgebietskooperation Net Connect Germany (NCG) habe man 2008 Neuland betreten. Die Tochter bayernets und E.on Gastransport (heute: Open Grid Europe) wären damals Trendsetter gewesen, stellt Bayerngas-Geschäftsführer Marc Hall fest. »Gewonnen haben wir die Erkenntnis, dass es sich um einen sehr komplexen Prozess handelt.« Prozessual sei man bei NCG gut aufgestellt, jetzt gehe es aber weiter. Die GasNZV2010 fordere Änderungen und Neuerungen. »Die Folge von Prozessinnovationen erinnert an die Produktzyklen von Computern oder TV-Geräten«, sagt Hall.

Für die weitere Reduktion der Marktgebiete sieht er gute Chancen. Die Vorgabe der GasNZV ab 2013 in Deutschland auf zwei Marktgebiete zu kommen, werde gelingen. Zunächst stehe hier die Integration der L-Gas- in die H-Gas-Gebiete an. »Open Grid Europe hat sich bereits in diese Richtung bewegt.«

Laut Hall ist die Integration von L- und H-Gas zwar mit Aufwand verbunden, aber die Zusammenlegung der H-Gas-Marktgebiete würde einen noch größeren Aufwand bedeuten. »Technisch ist nicht viel anzupassen, wenn wir auf der virtuellen Ebene bleiben. Den physischen Gasfluss werden wir mit geringen Investitionen auch hinkriegen.«

Hall denkt bereits über die deutschen Grenzen hinaus: »Nichtdeutsche Netzbetreiber würden an einem Gasmarktgebiet partizipieren, das schon jetzt von den Alpen bis zur Nordsee reicht und dessen Handelspunkt eine europäische Dimension gewinnt.«

Im Visier hat er hier unter anderem Österreich. Für den südlichen Nachbarn könne man die Türe Richtung Deutschland aufmachen. Die drei Marktgebiete Vorarlberg, Tirol und Ost sind heute praktisch nicht miteinander verbunden. Über NCG ließe sich ein gesamtösterreichisches Marktgebiet abbilden, hat Hall ausgemacht. Neben Österreich seien Belgien oder Tschechien weitere interessante Länder.

Auch auf der Vertriebsseite denkt man mittlerweile europäischer. So hat Bayerngas im Oktober ein Vertriebsbüro für Industriekunden in Wien eröffnet. »Große gasverbrauchende Unternehmen mit Produktionsstandorten sind in unterschiedlichen europäischen Ländern präsent. Diese wollen einen einzigen Gaslieferanten für mehrere Standorte«, erläutert Hall die Hintergründe. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 9-10/2010