Übersicht im Datenmeer

Spezial

Abrechnung - Um künftig Tarife anbieten zu können, die durch günstige Preise den Stromverbrauch auf Zeiten niedriger Nachfrage verschieben, müssen Versorger minutengenaue Werte ermitteln. Auch die Berücksichtigung Dritter in der Stromrechnung wird wichtig, ganz zu schweigen von der komplexen Erlöszuordnung bei E-Autos.

06. April 2011

Heute noch Zukunftsmusik: Waschmaschinen schalten sich automatisch bei niedrigem Stromtarif ein, Kühlschränke bestellen Lebensmittel, die Wohnung wird per Smartphone vorgeheizt und Millionen Elektroautos dienen als Zwischenspeicher im Smart Grid. Energieversorger bieten minutengenaue Tarife, erfassen die extrem großen Datenmengen automatisch und rechnen auch kleine Beträge profitabel ab. Eine Vision – aber die Technologien dafür gibt es schon heute.

Noch ist die Erstellung der Stromrechnung für Versorger relativ einfach: Zähler ermitteln die verbrauchten Kilowattstunden und eine Multiplikation mit dem Tarif ergibt den zu zahlenden Preis. Demnächst könnte dies deutlich komplizierter werden, seit 2010 sind in Deutschland Smart Meter für Neubauten und totalsanierte Gebäude Pflicht. In der EU sollen bis 2020 mindestens 80% der Haushalte damit ausgestattet sein.

Die intelligenten Stromzähler bilden eine wichtige Grundlage für effizientes Energiesparen. Doch einen wirklichen Anreiz gibt nur eine Tarifgestaltung, die durch günstigere Preise die Verschiebung des Stromverbrauchs auf Zeiten niedriger Nachfrage oder der Verfügbarkeit regenerativer Ressourcen fördert.

Dazu müssten die Versorger jedoch minutengenau Stromangebot und Verbrauchslast im Netz ermitteln, um den aktuellen Tarif zu berechnen und anzubieten. Dieser enorme Aufwand lohnt sich derzeit nicht, da Strom durch klassische Energiequellen wie Kohle-, Wasser- oder Atomkraft konstant und meist im Überfluss zur Verfügung steht.

Mittelfristig ändert sich dies aus mehreren Gründen: Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien wird das Angebot deutlich größeren Schwankungen ausgesetzt sein. Die Nachfrage wird ebenfalls deutlichere Unterschiede aufweisen, da immer mehr Haushaltsgeräte und Fahrzeuge durch Strom angetrieben werden. Gleichzeitig dürften im Zuge des Smart-Grid-Ausbaus auch Unternehmen aus anderen Bereichen wie IT und Kommunikation, Medien und Einzelhandel in den Energieversorgungsmarkt einsteigen, wodurch die Konkurrenz erheblich zunimmt.

Flexibilität gefragt

Entsprechend werden sich die Marktteilnehmer verstärkt über flexible Preise, Rabatte, sekundengenaue Abrechnung oder Zusatzdienste zu differenzieren versuchen. Dies ist bereits heute etwa bei Handytarifen zu beobachten. Im Energiesektor werden Smart Home und Elektromobilität für einen deutlichen Schub in diese Richtung sorgen. So können sich etwa Wasch- oder Spülmaschinen automatisch bei niedrigem Stromtarif einschalten. Dazu muss jedoch der Versorger ständig den aktuellen Tarif an den intelligenten Stromzähler im Haus senden, der ihn an die Geräte weiterleitet, und dies flexibel in die Abrechnung einbinden können.

Eine weitere Herausforderung stellt die Berücksichtigung von Dritten in der Stromrechnung dar. Bei der Fernsteuerung von Heizung oder Licht per Smartphone beispielsweise sind Tarife der Telekommunikationsanbieter einzubinden. So wird der Energieversorger zum umfassenden Energiedienstleister, der alle Services auch von Externen über eine Rechnung anbietet.

Noch komplexer wird die Erlöszuordnung bei Elektroautos. Hier sind auch Ladestationen, Steckdosen auf dem Firmenparkplatz sowie Induktionsspulen in der Straße zu berücksichtigen, die von anderen Energieversorgern beliefert werden. Das ›Charge Point interactive Management System‹ (CiMS) von Logica zum Beispiel funktioniert für verschiedene Typen von Ladestationen, unabhängig von Strom- oder Ladeart. So lassen sich Elektroautos an allen Säulen der Partner eines Anbieters laden. Durch eine mögliche Netzübergabe an Wettbewerber, dem Roaming, können jedoch Extra-Gebühren entstehen.

Außerdem können Elektroautos nicht nur Strom laden, sondern diesen auch zu Zeiten hohen Energieverbrauchs wieder in das Netz zurückspeisen. Damit wird der Kunde gleichzeitig zum Anbieter und erwartet spätestens dann eine sekundengenaue Abrechnung sowie attraktive Vergütung.

Durch diese Entwicklungen entstehen riesige Datenmengen. Denn es ist exakt und nachvollziehbar festzuhalten, welche Geräte wann und zu welchem Tarif Strom verbraucht oder zurückgespeist sowie welchen Service von Dritten angefordert haben. Dies ist für Millionen Verbraucher mit jeweils vielen kleinen Beträgen durchzuführen. Daher müssen die Anbieter für eine weitgehend automatische und profitable Massendaten-Abrechnung sorgen.

Prozessverfolgung im Blick

Viele aktuell verfügbare Lösungen für dieses Mass Data Billing sind jedoch störanfällig und kontrollieren kaum, ob tatsächlich alle Vorgänge erfasst und korrekt abgerechnet werden. Dies führt schnell zu deutlichen Einnahmeverlusten. Daher benötigen Versorger eine durchgängige Prozessverfolgung, die Erbringung und Abrechnung der Leistungen miteinander verbindet. Eine solche umfassende Revenue Generation oder Management-Plattform wickelt alle Schritte von der Anforderung bis zum Geldeingang ab und vergleicht sie mit den tatsächlichen Verbrauchs- und Abrechnungsdaten. Zu den wichtigsten Eigenschaften dieser Plattform zählen Prozessorientierung und Wirtschaftlichkeit sowie effektive Kontrolle und Verwaltung des Abrechnungsprozesses über eine Oberfläche.

Folgende Schritte sind dabei zu berücksichtigen: die Übernahme der durch entsprechende Adapter an Stromzählern und Elektrofahrzeugen erfassten Daten, deren Bewertung und Abrechnung, Controlling und Buchhaltung. Weitere wichtige Anforderungen sind Prozesstransparenz, Kosteneffizienz durch hohen Automatisierungsgrad, eine stabile, investitionssichere IT-Plattform sowie ein Zusammenspiel mit vorhandener IT-Landschaft. Zu berücksichtigen ist die Integrationsfähigkeit mit Customer-Relation- und Marketing-Resource-Management-Lösungen sowie den Systemen externer Partner wie Banken oder Drittanbietern.

Erschienen in Ausgabe: 03/2011