Umdenken führt zum Umsetzen

Spezial: Finanzierung

Abwärme - Überschattet von der kontroversen Diskussion um die Energiewende haben viele Cleantech-Start-ups neue Produkte in den Markt eingeführt. Neue Finanzierungsinstrumente erleichtern es Kunden, Projekte umzusetzen.

28. September 2016

Die Ziele der Energiewende sind ehrgeizig: Laut Aktionsprogramm Klimaschutz der Bundesregierung sollen die klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 um 40 und bis 2050 sogar um 80 bis 95% sinken. Auch in vielen Unternehmen besteht der Wunsch nach effizienterem Ressourceneinsatz und Vermeidung umweltschädlicher Emissionen. Das Angebot an entsprechenden Technologien ist größer als vielleicht zu vermuten wäre, und viele Produkte sind inzwischen markterprobt und funktionieren zuverlässig. Sie sind deutlich rentabler als noch vor einigen Jahren und breit einsetzbar.

Ein konkretes Beispiel für das Potenzial cleaner, also sauberer energieeffizienter Technologien ist die Abwärmeverstromung. Kaum eine andere Technologie hat so geringe Stromgestehungskosten. Allein die Abwärme aus der Industrie, darunter die Glas-, Keramik-, Stahl- und Zementproduktion, sowie aus Infrastrukturen wie zum Beispiel bei Gaspipelines und Druckluftstationen bieten zusammengenommen ein Potenzial von rund 7,6GWel und damit eine Verringerung von 21,4Mio.t Kohlendioxid Jahr für Jahr.

Hinzu kommen sämtliche Anwendungen, in denen ein Motor zum Einsatz kommt, vom Betrieb einer Biogasanlage, einer KWK-Anlage bis hin zum Dieselmotor in Schiffen, Baumaschinen, Zügen und Lkw. Die Technik, um das Potenzial zu erschließen, hat speziell in den letzten Jahren einen großen Schritt gemacht, Serienfertigung inklusive. Biogasanlagenbetreiber etwa können mit der richtigen Technologie zur Abwärmeverstromung rund 30.000€ pro Jahr zusätzlich erwirtschaften. Eine entsprechende Investition amortisiert sich in der Regel innerhalb von drei Jahren.

Bankfähigkeit entscheidend

Auf technischer Seite sind viele Cleantech-Produkte längst den Kinderschuhen entwachsen und die Nachfrage auf Kundenseite entwickelt sich positiv. Lediglich die für eine zügige Marktdurchdringung entsprechend zugeschnittenen Contracting- und Finanzierungslösungen sind noch im Entwicklungsstadium. Die Folge: Der Cleantech-Markt kann nicht das Wachstum aufweisen, das potenziell in ihm steckt. Vor diesem Hintergrund gewinnen Bankinstitute an Bedeutung, Projekt- und Produktinvestitionen zu marktüblichen Konditionen anzubieten.

Es ist jedoch nicht leicht, eine entsprechend förderliche Kreditpolitik wie gewünscht umzusetzen. Die Gründe dafür liegen in der Neuartigkeit und der empfundenen Risikostruktur des Start-up-Sektors auf der einen und einem zunehmend anachronistischen, noch auf Großstrukturen zugeschnittenen regulativen Ökosystem auf der anderen Seite. Der ›tipping point‹ hinsichtlich der Bankfähigkeit von Cleantech-Produkten und -Projekten ist daher noch nicht erreicht.

Neue Finanzierungsinstrumente

Allerdings scheint in jüngster Zeit ein Umdenken sowohl in der Politik als auch bei den Banken einzusetzen. Neue Finanzierungsinstrumente wie zum Beispiel das ›KfW-Energieeffizienzprogramm – Abwärme‹, welches Investitionen in die Modernisierung, die Erweiterung oder den Neubau von Anlagen zur Nutzung von Abwärme fördert, senden positive Signale in den Markt.

Der Weg zum KfW-Kredit führt über die eigene Hausbank. Stimmt das Konzept, kommt der Nutzer dieser Technologie in den Genuss der üblichen Vorteile einer KfW-Finanzierung: über den günstigen Zins und tilgungsfreie Jahre bis hin zu einem Tilgungszuschuss. Es bleibt abzuwarten, ob entsprechende Instrumente von der Bankwirtschaft aufgenommen werden und eine zusätzliche Sogwirkung auf das gesamte Ökosystem Cleantech entfalten können.

Zeit- und marktgerechte Finanzierungsinstrumente können aber nur dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn auch der Abbau regulativer und künstlicher Hürden, die Innovationen verhindern, schneller voranschreitet. Im konkreten Fall ist dies beispielsweise die EEG-Umlage auf Abwärmeverstromung, die energieeffizientes Handeln eher bestraft als fördert. Aber auch hier setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, das Energieeffizienz und Cleantech-Produkte nicht nur ein nice-to-have sind, sondern sich mit Blick auf die Umwelt und das wirtschaftliche Potenzial zu einem Motor für eine Energiewende 2.0 entwickeln können. 

Dr. Andreas Sichert (Orcan Energy)

Erschienen in Ausgabe: 08/2016