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Bilanzierung - 2011 treten die Marktregeln zur Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom (MaBiS) in Kraft. Rechtzeitig umgesetzt lassen sich finanzielle Schäden vermeiden.

04. Oktober 2010

Am 10. Juni 2009 hat die Bundesnetzagentur (BNetzA) durch ihren Beschluss BK6-07-002 die Marktregeln für die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom (MaBiS) festgelegt. Die Detaillierung und Ausformulierung der in diesem Beschluss beschriebenen Prozesse und Datenströme wurden vollständig abgeschlossen und die Prozess- und daraus resultierenden Dateninhaltsanforderungen am 28. April 2010 veröffentlicht.

Grundsätzlich beschreiben die MaBiS – die sich in erster Linie an Bilanzkreisverantwortliche, Verteilnetzbetreiber und Bilanzkoordinatoren richten – die Prozesse und jeweiligen Fristen zum Energiedatenaustausch und der Bilanzkreisabrechnung. Aber auch die Marktrolle des Lieferanten ist betroffen, da MaBiS auf die GPKE (Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität) aufsetzt, um eine konsistente Datenbasis für die Abrechnungsprozesse zu gewährleisten.

Ziel ist es, durch die einheitliche Beschreibung der Aufgaben und Pflichten der einzelnen Marktrollen einen hoch automatisierten und terminierten Ablauf zu definieren. »Die Bilanzierung der Energiemengen auf dem Strommarkt soll dadurch in Zukunft transparenter, einheitlicher und zuverlässiger werden. Hürden der Kommunikation zwischen den Marktpartnern minimieren sich«, erklärt Stefan Garbe, Prokurist bei der c.con Management Consulting. Das Unternehmen ist eine Tochter der cronos Gruppe.

»Allein die neuen und komplexen Anforderungen durch MaBiS stellen die Marktrollen der Stromversorgungsbranche schon vor große Herausforderungen. Der zeitnahe Umsetzungstermin erhöht den Druck.« Bis April 2011 müssen die Vorgaben umgesetzt sein, um das Funktionieren des Marktes sicherzustellen und finanzielle Risiken für die Unternehmen aufgrund nicht umsetzbarer Abrechnungsprozesse auszuschließen.

Risiko bei Verteilnetzbetreiber

Dabei verankert die BNetzA die Risiken einer Nichtumsetzung beim Verursacher. Garbe sieht hier gerade für Verteilnetzbetreiber Handlungsbedarf: »Insbesondere diesen kann ein immenser finanzieller Schaden drohen, wenn sie nicht in der Lage sind, die Ausbilanzierung ihres Netzgebietes bis spätestens zum zehnten Werktag des Folgemonats vollständig und richtig vorzunehmen.«

Eine weitere Bestimmung heizt die Situation zusätzlich an: Ab dem elften Werktag des Folgemonats bedarf es außerdem der Zustimmung jedes betroffenen Bilanzkreisverantwortlichen, wenn Datenmeldungen des Verteilnetzbetreibers noch in die Bilanzkreisabrechnung eingehen sollen. Im Fall der Ablehnung kann der Verteilnetzbetreiber für sein Bilanzierungsgebiet keine Strombilanz mehr aufstellen. Das Risiko trägt er aufgrund der in der MaBiS etablierten Regeln ganz allein – inklusive finanzieller Folgekosten.

»Mit MaBiS wird außerdem EDIFACT endgültig als standardisiertes Kommunikationsformat im Energiemarkt etabliert«, so Garbe. Die Nutzung alternativer Formate und manuell gesteuerter Informationsflüsse wird zukünftig in den zentralen Kommunikations- und Datenaustauschprozessen zwischen verschiedenen Marktpartnern nur noch in Ausnahmefällen möglich sein.

Dies bedeutet, dass alle Marktrollen über entsprechende systemtechnische Kommunikationsfähigkeiten verfügen müssen. Das betrifft die Verarbeitung ein- und ausgehender EDIFACT-Dateien. Des Weiteren sind davon auch deren inhaltliche und formale Prüfung sowie die Ein- und Ausgangsverwaltung von Nachrichten berührt.

Zeitreihen abstimmen

Grundlage des Datenaustauschs ist das Zusammenspiel von Lieferant, Bilanzierungskreisverantwortlichem, Verteilnetzbetreiber und Bilanzkoordinator. »Der Verteilnetzbetreiber wird hier zur zentralen Datendrehscheibe, da er für die Richtigkeit der von ihm fristgerecht bereitzustellenden Daten haftet«, sagt Garbe.

Es ergibt sich folgender Ablauf: Zunächst muss der Verteilnetzbetreiber die Zeitreihen mit den Lieferanten abstimmen. Die daraus resultierenden Zeitreihen als Basis der Bilanzkreisabrechnung werden anschließend an den Bilanzkoordinator versendet, der sie wiederum an den Bilanzkreisverantwortlichen weiterleitet. Von diesem erhält der Bilanzkoordinator Rückmeldungen zur Akzeptanz der Zeitreihen, die abschließend an den Verteilnetzbetreiber übermittelt werden.

Die Frage der Finalen Version

Während dieser an klare Fristen für die Bereitstellung von Zeitreihen gebunden ist, gibt es hinsichtlich der Rückantworten des Bilanzkreisverantwortlichen grundsätzlich keine Vorgaben. Dieser kann beispielsweise auch auf Monatszeitreihen antworten, die nicht dem aktuellsten Stand des Verteilnetzbetreibers entsprechen oder komplett auf eine Rückmeldung verzichten.

Die Detailtiefe bei der Betrachtung von Monatszeitreihen und damit die Basis der Rückmeldung wird dabei zukünftig bis auf Tages-Ebene reichen. »Aufgrund der fehlenden zeitlichen Vorgabe für die Rückmeldung seitens des Bilanzkreisverantwortlichens entstehen neue Anforderungen an die Datenhaltung und die Zuteilung von Versionen zu Zeitreihen oder Teilen von Zeitreihen«, so Stefan Garbe.

Grundsätzlich müssen alle Varianten einer Zeitreihe von den Marktpartnern so lange systemtechnisch vorgehalten werden, bis eine finale Festlegung auf die zur Bilanzkreisabrechnung zu verwendenden Daten erfolgt ist. »Dazu bedarf es einer in der Marktkommunikation konsistenten Versionierung von Zeitreihen, die entsprechend verwaltet und gegebenenfalls von unternehmensinternen Versionen differenziert werden kann«, erläutert er weiter.

Zusätzlich ist es die Aufgabe des Bilanzkoordinators, aus den Datenmeldungen des Verteilnetzbetreibers an den Bilanzkreisverantwortlichen sowie dessen Rückmeldung die am Ende tatsächlich abgestimmte Version der Zeitreihe zur Bilanzkreisabrechnung zu ermitteln.

Um deren Richtigkeit zu prüfen, müssen auch Bilanzkreisverantwortlicher und Verteilnetzbetreiber eine identische Erwartungshaltung in ihren EDM-Systemen entwickeln können. Sind die Markt-partner zu einer solchen Kommunikation nicht in der Lage und es entstehen daraus anderen Marktpartnern finanzielle Nachteile, könnten diese zukünftig im Nachgang geltend gemacht werden.

Um die Zeitreihen unter Berücksichtigung der Rückmeldungen der Bilanzkreisverantwortlichen verwalten und eine finale Version für die Bilanzkreisabrechnung ermitteln zu können, ist es notwendig, die Zeitreihen mit Statusinformationen zu hinterlegen. Relevant sind dabei zwei verschiedene Statusarten, die systemtechnisch gepflegt werden müssen.

›Status 1‹ bezieht sich auf den Prüfungs- oder Abrechnungsstatus sowie Status ›abgerechnet‹. ›Status 2‹ bedeutet keine Rückmeldung beziehungsweise Bestätigung oder Ablehnung durch den Bilanzkreisverantwortlichen. Aus der Kombination der jeweiligen Statusinformationen kann die abrechnungsrelevante Zeitreihe abgeleitet werden.

Frühzeitig reagieren

»Die aus der MaBiS resultierenden Vorgaben zur Verarbeitung von Zeitreihen erhöhen die Komplexität der Datenverwaltung«, erläutert Stefan Garbe. »Eine große Menge von Daten muss kontinuierlich vorgehalten werden und jeder Bearbeitungsschritt auch im Nachhinein immer nachvollziehbar sein, sodass die entsprechende Versionierung und Archivierung systemtechnisch möglich ist.« Darüber hinaus gelte es, auf Basis der Ergebnisse von Fristen- und Statusprüfungen die adäquaten Verarbeitungs- und Kommunikationsprozesse auszulösen und zu verwalten.

»Die Umsetzung der MaBiS bringt hohe Anforderungen an die Systemlandschaft der betroffenen Marktteilnehmer mit sich«, zieht er sein abschließendes Fazit. »Es ist notwendig, frühzeitig die bestehenden Systemlösungen auf Anpassungsbedarf hin zu analysieren und Umstrukturierungen zeitnah umzusetzen, um finanzielle Schäden und Imageprobleme zu vermeiden.«

Info

Edna bietet Hilfe

Ein Maßnahmenkatalog der EDNA-Initiative soll bei der Einführung von MaBiS unterstützen. Gerade kleinere und mittlere Netzbetreiber haben hier laut der Vereinigung von Software-Unternehmen Handlungsbedarf. Sie müssen Bilanzierungsgebiete ausweisen und Kunden zählpunktscharf zuordnen. Bis Ende 2010 müssen etwa Stammdaten und Vertragsunterlagen angepasst werden. Dazu kommen die Prüfung und Bereinigung der Bilanzierungsgebietsstammdaten sowie die Vorbereitung ausgerollter normierter Lastprofile.

Erschienen in Ausgabe: 08/2010