Umstrittene Strategiereserven

Markt/Erdgas

<strong>Gasstreit</strong> 37% seines Erdgases bezieht Deutschland aus Russland. Experten fordern europaweite Reserven, auf die der Staat unabhängig zugreifen kann.

09. Februar 2009

Zum Jahresauftakt 2009 stellte Gazprom wie auch im Jahr 2006 seine Lieferungen an die Ukraine ein. Während beide Seiten vor drei Jahren in vier Tagen einen Kompromiss fanden, brauchten sie in diesem Jahr die fünffache Zeit, um sich auf Lieferpreis und Transitgebühr zu einigen. Am siebten Tag des Lieferstopps kam der Transit über die Ukraine sogar ganz zum Erliegen. »Das Ausmaß der aktuellen Gaskrise ist unvergleichlich in der europäischen Geschichte«, konstatierte hierzu die Gas-Koordinierungsgruppe der EU.

80% der Exporte nach Europa liefert Gazprom über ukrainisches Staatsgebiet. »Wir verkaufen jährlich an Europa rund 149 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Über 40 Milliarden Kubikmeter gehen an Deutschland«, sagte der russische Premier Wladimir Putin Mitte Januar in einem Interview. 37% seines Erdgases bezieht Deutschland laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) aus Russland.

Auf die Gasversorgung in Deutschland hatte der zweiwöchige Transitausfall keine Auswirkungen. Zum einen lieferte Russland für Deutschland laut Wingas, E.on Ruhrgas und VNG verstärkt über die ›Jamal‹-Pipeline über Weißrussland und Polen. Zum anderen konnten die deutschen Gasversorger auf ausreichende Speicherreserven zurückgreifen. Insgesamt verfügten sie Ende 2007 gemäß BDEW über rund 20Mrd.m3 Speicherkapazitäten, die gemessen am Gasverbrauch Deutschlands 2008 nach Zahlen der AG Energiebilanzen (AGEB) rund ein Fünftel ausmachen.

Nach Daten von Eurogas, auf die sich das Beratungsunternehmen A.T. Kearney in seiner Studie zur Abhängigkeit Europas vom russischen Gas vom Januar bezieht, betrug 2007 der Anteil von Deutschlands Speicherkapazitäten am Verbrauch 23%. Im Schnitt kamen die 27 EU-Staaten 2007 mit 76Mrd.m3 Speicherkapazitäten auf 15% ihres Verbrauches, so ein Ergebnis der Studie.

Als Konsequenz aus der Gaskrise fordert der Außenhandelsverband für Mineralöl und Energie AFM+E: »Wir brauchen europaweit Gasreserven, auf die der Staat in Krisen unabhängig zurückgreifen kann«, sagte Verbandsgeschäftsführer Bernd Schnittler. Mit dem Bundeswirtschaftsministerium stehe der AFM+E in Kontakt. Mit höheren Liefermengen aus Russland wachse die Abhängigkeit. Entscheidend sei dabei, mehr Flexibilität durch diversifizierte Bezüge einschließlich LNG und entsprechende Speicherreserven zu schaffen. Eine strategische Gasbevorratung unter staatlicher Kontrolle lehne die Branche ab, erklärte der BDEW im Januar 2009 im Verlauf des russisch-ukrainischen Gaskonflikts. Dadurch würde sich das Gas weiter verteuern. Investitionsanreize in Erdgasspeicher würden sinken. Der Staat solle die Eigeninitiative der Unternehmen zum Speicher- und Leitungsbau fördern, hieß es beim Verband. Außerdem sorgten die Unternehmen selbst entsprechend vor.

Leistungsstarke Beschaffung

Zur Wiederaufnahme der russischen Lieferungen am 20. Januar 2009 erklärte Dr. Bernhard Reutersberg, Vorstandsvorsitzender von E.on Ruhrgas: »In den vergangenen Tagen haben wir unter Beweis gestellt, dass wir mit unserer leistungsfähigen Gasbeschaffung und technischen Infrastruktur auch bei extremen Temperaturen einen gravierenden Lieferausfall ohne Auswirkungen für die Kunden beherrschen.« Zudem konnte der deutsche Gaskonzern Versorgern in besonders betroffenen Regionen Mittel- und Osteuropas mit Stützungslieferungen aushelfen. So lieferte E.on Ruhrgas beispielsweise an die Slowakei etwa 4Mio.m3 und an Serbien 3Mio.m3 am Tag. Aus dem Erdgasspeicher in Haidach bei Salzburg flossen während des Transitstopps über die Ukraine täglich rund 4Mio.m3 in den österreichischen Markt, meldete Wingas. An Haidach mit einem Arbeitsgasspeichervolumen von 1,2Mrd.m3 ist das Unternehmen mit einem Drittel beteiligt. Gemeinsam mit Gazprom Export und der österreichischen RohölAufsuchungs AG (RAG) hatte Wingas im Mai 2007 den Speicher in Betrieb genommen.

Um eine sichere Versorgung zu gewährleisten, plane E.on Ruhrgas in den kommenden drei Jahren Investitionen mit einem Volumen von »mehreren Milliarden Euro«, bekräftigte Dr. Reutersberg. »Der überwiegende Teil ist für den Ausbau der nationalen und internationalen Leitungs- und Speicherinfrastruktur sowie für die eigene Gasproduktion und Projekte zum Bezug von verflüssigtem Erdgas vorgesehen.«

Gazprom-Germania will mit Blick auf die Nordstream-Pipeline und zur Absicherung einer kontinuierlichen Versorgung zwei große Speicher in Hinrichshagen (Mecklenburg-Vorpommern) und in Schweinrich (Brandenburg) errichten. Beide Speicher sollen ein Arbeitsgasvolumen von je bis 10Mrd.m3 haben. Die Erkundungsarbeiten für Schweinrich sollen ab Februar 2009 beginnen und bis zum Jahr 2011 laufen. Dafür sind Investitionen von bis zu 21Mio.€ vorgesehen, meldete die Gazprom-Tochter im Januar.

Lehren aus der Gaskrise

Ob die beiden neuen Verträge zwischen Gazprom und Naftogas zu den Gaslieferungen und den Transitbedingungen mit zehnjähriger Laufzeit Bestand haben, wird sich zeigen. Die ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko betonte den »historischen Moment« nach der Unterzeichnung. Sie sprach von »zehn Jahren Ruhe und vorhersehbarem Verhalten im System der Gasversorgung Europas und der Ukraine«.

Premier Wladimir Putin äußerte die Hoffnung, jetzt »langfristige, sichere und stabile Beziehungen« aufbauen zu können. Beim Treffen mit EU-Energiekommissar Andris Piebalgs in Kiew dankte Timoschenko allen EU-Vertretern, die an der Lösung des Gaskonflikts mitgewirkt haben. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hofft, dass die EU aus der Gaskrise ihre Lehren ziehen wird. Ohne Gas seien alle Verlierer. Gebe es Gas, gewönnen alle, fasste EU-Energiekommissar Piebalgs zusammen.

Josephine Bollinger-Kanne

Interview

es: Wie bewerten Sie den russischen Lieferstopp an die Ukraine Anfang dieses Jahres?

Für mich ist das ein wiederkehrendes Ereignis. Regelmäßig zu Neujahr ruft der russische Gaskonzern Gazprom an und kündigt an, die Lieferungen nicht in vollem Umfang garantieren zu können, weil sie sich mit der Ukraine nicht einigen konnten. Ich halte das für ein Transitproblem. Russland ist generell ein zuverlässiger Lieferpartner.

es: Was tun Sie gegen anstehende Lieferengpässe?

Um sicher liefern zu können, diversifizieren wir unsere Gasbezüge und speichern ein. Seit Anfang dieses Jahres produzieren wir zudem auch selbst.

es: Das passiert aber in Norwegen.

Ja, unsere Tochter Bayerngas Norge hat zum Jahresstart die PA Ressources Norway von der schwedischen PA Ressources AB übernommen. Damit erhöhen sich die Gas- und Ölreserven von Bayerngas Norge um sechs Milliarden Kubikmeter Gasäquivalent auf rund vierzehn Milliarden Kubikmeter. Mit PA Ressources Norway haben wir über Bayerngas Norge Anteile an zwei Gasfunden zu fünfzehn und dreißig Prozent sowie zehn Prozent am produzierenden Ölfeld Volve erworben. Ab dem Jahr 2010 soll das erste Gas fließen.

es: Was haben Sie mit den Erlösen aus dieser Gasproduktion vor?

Diese wollen wir in die weitere Gaserkundung und Förderung investieren. Fünfzehn Prozent unseres Gasbedarfs wollen wir durch eigene Förderung abdecken.

es: Was halten Sie von einer strategischen Reserve?

Deutschland braucht keine strategische Reserve. Das Vorhalten einer solchen Reserve ist teuer. Außerdem haben die deutschen Gasversorger selbst genügend Speicher aufgebaut. Sie reichen vom Beginn aus gesehen im Winter zwei Monate. Dazu gibt es beim Zumieten von Speicherkapazitäten keine Restriktionen.

es: Wie stehen Sie zum Gas Exporting Countries Forum GECF, das gemeinhin als Gaskartell bezeichnet wird?

An sich halte ich diese Organisation für eine gute Sache. Die OPEC wurde auch einmal gegründet, um Investitionen koordinieren zu können. Im Fall der Gasbranche wäre das auch sinnvoll. Im übrigen entstehen große Pipelines wie ›Nabucco‹ oder die ›Nordstream‹ nur in enger Kooperation der Beteiligten und nicht in entflechteten Wettbewerbsstrukturen.

es: Welche Tendenz hat der Gaspreis in diesem Jahr für Ihre Kunden?

Preiserhöhungen infolge des Lieferstopps erwarten wir keine. Die Preise werden sinken.

Erschienen in Ausgabe: 1-2/2009