Umweltpotenzial ausgebremst

Kraftstoff Die Gaswirtschaft hat sich hohe Ziele gesteckt, um Biogas im Verkehrssektor voranzutreiben. Die EEG-Förderung kanalisiert das Gas aber eher in Richtung Stromerzeugung.

24. April 2008

»Im Kraftstoffbereich ist die grundsätzliche Wirtschaftlichkeitsschwelle bereits überschritten«, so Dr. Frank Scholwin vom Leipziger Institut für Energetik und Umwelt (IE) auf der Biogas-Jahrestagung in Nürnberg. Zwar sei heute die Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zum fossilen Erdgas noch nicht gegeben, vor dem Hintergrund weiter steigender Ölpreise könne jedoch zukünftig eine Annäherung von Biomethan- und Erdgaspreis erwartet werden. Dass sich auf Erdgasqualität aufbereitetes Biogas ökonomisch als Kraftstoff einsetzen lasse, werde in Schweden schon in größerem Umfang demonstriert, so Scholwin.

Nachdem in dem skandinavischen Land ein klares finanzielles Anreizsystem zur Biogasnutzung fehlt, bildet die Stromerzeugung eher die Ausnahme. In mehreren Städten werden Teile des kommunalen Busverkehrs mit Gemischen aus Erd- und Biogas ökologisch vorteilhaft aus Sicht der Emissionen betrieben. Insgesamt gibt es in Schweden rund 100 Gastankstellen und 12.000 gasgetriebene Kraftfahrzeuge. Insbesondere der Energieversorger E.on Gas Sverige setzt auf Biogas im Straßenverkehr: Er mischt dem Erdgas mindestens 50 % Biogas bei. Von den Erfahrungen der schwedischen Schwester möchte die E.on Ruhrgas AG profitieren.

Der Essener Konzern will in den nächsten Jahren eine Investitionssumme von bis zu 120 Mio. € für den Bau von sechs Biogasanlagen und die Methanaufbereitung bereitstellen. Laut Andreas Filleböck, Referent Technische Grundsatzfragen und Neue Technologien bei der E.on Energie AG, plant der Mutterkonzern zunächst drei Anlagen in Schwandorf (E.on Bayern), Hardegsen (E.on Mitte) und Ketzin/Brandenburg (E.on edis natur). »Wir verfolgen alle Biogas-Nutzungswege. Wenn sich die Chance bietet, bevorzugen wir die Einspeisung. Bei den derzeitigen Rahmenbedingungen ist natürlich die EEG-Vergütung für die Kraft-Wärme-Kopplung der Maßstab. Grundsätzlich sind wir aber auch für die Kraftstoffnutzung offen«, so Filleböck.

Freiwillige Beimischung

Um vom EEG unabhängiger zu sein, möchte die deutsche Gaswirtschaft Biomethan als Kraftstoff forcieren: In einer Selbstverpflichtung erklärt sie sich bereit, bis 2010 dem Erdgas, das als Kraftstoff abgesetzt wird, 10 % Biomethan beizumischen. Dieser Anteil ist höher als die gesetzlichen Biokraftstoffquoten für Benzin und Diesel. Bis 2020 wollen die Gasversorger die Beimischquote sogar auf 20 % steigern. Zur Erfüllung der eigenen Vorgaben ist jedoch noch nicht viel passiert: Es gibt deutschlandweit lediglich eine Handvoll Projekte zur Biogaseinspeisung.

Die Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), die im Januar 2009 in Kraft treten soll, und Änderungen in der Gasnetzzugangsverordnung sollen Einspeisungen ins Erdgasnetz erleichtern. Seit November 2007 hat die Energieversorgung Weser-Ems (EWE) AG in Werlte eine Biogasaufbereitungsanlage am Netz. In der Vergärungsanlage sollen jährlich 3 Mio. m³ Biomethan im Druckwechseladsorptionsverfahren aufbereitet und eingespeist werden. An mehr als 50 Erdgastankstellen sind nun 10 % Biomethananteil erhältlich.

Sogar 20 % biogenes Gas mischen die Stadtwerke München (SWM) ihren sieben Erdgastankstellen bei. Das Biomethan stammt aus der Plieninger Aufbereitungsanlage. Der Tankstellenpreis von 90,9 ct pro kg liegt auf dem Niveau von normalem Erdgas. Auf Anfrage von >e teilten die SWM mit: »Mit der Beimischung von Bioerdgas an unseren Erdgas- Tankstellen verfolgen wir das Ziel, den umweltfreundlichen Kraftstoff Erdgas mit dem CO-freien Bioerdgas noch mehr aufzuwerten und so noch attraktiver zu machen«. Aktuell sind bundesweit sechs Biogasaufbereitungsanlagen in Betrieb, davon fünf mit Netzeinspeisung (Werlte, Pliening, Mühlacker, Straelen bei Aachen und Könnern bei Halle).

Eine arbeitet sozusagen im Inselbetrieb: Mit ›Genosorb‹ – einer organischen Waschflüssigkeit – erzeugt eine Anlage in Jameln ›Wendländer Biogas‹ mit 96 % Methangehalt. Bis zu 150 m3 Rohbiogas pro Stunde können dort aufbereitet werden. Das veredelte Gas gelangt über eine Rohrleitung direkt zur Tankstelle, wo es verdichtet und in Flaschenbündeln mit 250 bar zwischengespeichert wird. Ende Juni 2006 wurde die erste Biogas-Tankstelle Deutschlands eröffnet. Im Vergleich zu fossilem Erdgas reduziert Biomethan aus nachwachsenden Rohstoffen den CO2-Ausstoß um rund 45 %.

Richtig positiv werden Treibhausgas- und Kostenbilanz, wenn das Biomethan aus vergorener Gülle stammt. Eine Tankstelle, die Produktgas aus einer Gülleanlage bezieht, kann sich mit Gestehungskosten von 5,8 ct / kWh an den Tankstellenpreis von Erdgas annähern. Dieser wurde in einer Studie des IE Leipzig aus dem Jahr 2006 mit 0,71 € / kg angenommen, was einem Preis von circa 5,4 ct / kWh entspricht. Im Schnitt kostet die Produktion von 1 kWh Gaskraftstoff 6 bis 8 ct. Nur bei Kleinanlagen mit einer Erzeugung von nur 50 m³ / h Rohbiogas ist die Methanaufbereitung unwirtschaftlich.

Der Vergleich verschiedener Grundstoffe zur Biogaserzeugung ergab allerdings, dass die Kosten noch etwa dreimal so hoch wie die Importpreise für Erdgas sind, die zwischen 2 und 3 ct liegen. Das fossile Erdgas ist bis Ende 2018 mit einem deutlich reduzierten Mineralölsteuersatz begünstigt, der auch für anteiliges Biomethan gilt. »Um das CO2-Senkungspotenzial von Bio-Erdgas nutzen zu können, sind entsprechende Rahmenbedingungen im Verkehrssektor nötig. Aufgrund der steuerlichen Gegebenheiten fehlt der Anreiz für den Verbraucher, Bio-Erdgas zu tanken«, resümiert Dr. Karl-Peter Thelen, Regulierungsmanager bei E.on Ruhrgas.

Christian Dany

Erschienen in Ausgabe: 05/2008