Umzug auf sibirisch

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Versorgung - Auf Nordsibiriens Halbinsel Jamal baut Russlands Gaskonzern Gazprom sein neues Förderzentrum aus. Die Infrastruktur wird so ausgelegt, dass ab Ende 2019 vier Stränge von Nord Stream gefüllt werden können.

25. April 2017

Eiseskälte und Schneetreiben liegen im Winter über dem größten Gasvorkommen Bowanenkowskoje auf der Jamal-Halbinsel. Das Thermometer fällt auf bis zu -50 Grad. Unter diesen arktischen Bedingungen fördern die Bohringenieure von Gazprom das Erdgas aus bis zu 2.000 Metern Tiefe, um es an die über 3.000 Kilometer entfernte russische Ostseeküste zu transportieren. Die 1.224 Kilometer bis Lubmin bei Greifswald legt es auf dem Meeresgrund der Ostsee in zwei Strängen der Nord-Stream-Gasleitung zurück. Sie sind für einen Jahrestransport von 55 Milliarden Kubikmeter ausgelegt. Von dort geht es auf dem Festland an die deutsch-tschechische Grenze oder nach Westeuropa weiter.

Das historische Exportwachstum um mehr als 12 Prozent auf 178,3 Milliarden Kubikmeter Gas für Europa und die Türkei im letzten Jahr spornt Gazprom an, bis Ende 2019 noch zwei Leitungsstränge in der Ostsee zu verlegen, um den doppelten Umfang nach Lubmin befördern zu können. Immerhin kaufte Deutschland als größter Kunde im vergangenen Jahr 49,8 Milliarden Kubikmeter russisches Gas ein.

viel Gas auf Vorrat

Dass der Ausbau in der Ostsee wirtschaftlich ist, rechnet Gazprom-Vorstandsvizevorsitzender Alexander Medwedew Investoren auf einem Treffen in Singapur im Februar vor: »Nord Stream 2 ist vom Ressourcenstandort auf Jamal zu unseren Hauptverbrauchern in der EU die kürzeste Exportroute. Der Gastransit über die Ukraine kostet 20 Prozent mehr.« Da die Produktion in der nordwest-sibirischen Hauptförderregion Nadym Pur Taz sinke, verlagerten sich Förderung und Exportströme nach Europa in den Norden, so Medwedew. Von Urengoj in Nordwest-Sibirien sind es auf dem zentralgelegenen Transportweg nach Uschgorod an der ukrainischen Westgrenze rund 4.500 Kilometer.

Das Gros von 419 Milliarden Kubikmetern Gas förderte Gazprom im letzten Jahr im Gebiet Nadym Pur Taz, während die Förderung von Bowanenkowskoje im Norden auf 67,4 Milliarden stieg. Die dortigen Vorräte sind mit 4.900 Milliarden von insgesamt 16.700 Milliarden Kubikmeter Gas auf Jamal gigantisch. Im letzten Januar fand hier die Inbetriebnahme der Ferngasleitung Bowanenkowo-Uchta 2 und weiterer Förderkapazitäten statt. Die erste Gasleitung auf dieser 1.260 Kilometer langen Strecke ging 2012 in Betrieb. Geplant ist, dass beide Leitungsstränge bis 2022 jährlich 115 Milliarden Kubikmeter Gas in Richtung Ostsee abtransportieren können, wenn die drei Gasfelder von Bowanenkowskoje diesen Förderumfang erreichen.

Genehmigungen stehen noch aus

»Die Inbetriebnahme der neuen FerngasleitungBowanenkowo-Uchta 2 und der nördliche Gastransportkorridor verändern die Lieferströme sowohl für Verbraucher in Russland als auch für Gasexporte«, unterstreicht Alexej Miller, Vorstandsvorsitzender von Gazprom. Der Korridor werde zur wichtigsten Route für die Gasversorgung des europäischen Teils von Russland und für den Export nach Europa.

Dementsprechend laufen seit Oktober 2015 vom Knotenpunkt Uchta bis Torschok die Ausbauarbeiten. Ist Ende 2019 der Leitungsabschnitt Uchta-Grjasowez betriebsbereit, erstrecken sich auf dieser Hauptexportschlagader sieben Ferngasleitungsstränge. Die Transportkapazität erhöht sich um 45 Milliarden auf über 200 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr. Ab Grjasowez soll die Zuleitung für Nord Stream 2 nach etwa 900 Kilometern in der Nähe von Ust-Luga westlich von St. Petersburg enden und nicht wie bei der bestehenden Ostseeleitung in Wyborg nördlich der russischen Ostseemetropole. Ust-Luga ist als Drehkreuz für Gastransporte per Pipeline und Schiff im Gespräch. Mit dem britisch-holländischen Öl- und Gasmulti Shell vereinbarte Gazprom, hier eine Gasverflüssigungsanlage zu bauen.

Ebenso gehört Shell mit den deutschen Unternehmen Wintershall und Uniper, Frankreichs Engie und der österreichischen OMV zum europäischen Unternehmerkreis, mit dem Gazprom im September 2015 das Projekt Nord Stream 2 aus der Taufe hob. Zuvor verließen im Sommer die zwei beorderten Verlegeschiffe der italienischen Eni-Tochter Saipem unverrichteter Dinge das Schwarze Meer. Turkish Stream, das Nachfolgeprojekt von South Stream, stoppte nach dem Abschuss eines russischen Militärjets durch die türkische Luftwaffe im Herbst 2015 schließlich ganz. Der Kurs drehte in der Folgezeit auf Nord.

Damit die drei beauftragten Spezialschiffe der Schweizer Allseas-Gruppe planmäßig mit der Verlegung in der Ostsee loslegen können, müssen die Behörden in Schweden, Dänemark, Finnland, Deutschland und Russland das Bauvorhaben noch genehmigen. Denn durch ihre Hoheitsgewässer führt die bestehende Ostseegasleitung, die um zwei Stränge ergänzt werden soll.

Reichte die Gazprom-Pipeline-Tochter in Schweden den Bauantrag für Nord Stream 2 im letzten September ein, liegen im April nun alle Unterlagen auch in Dänemark, Finnland, Deutschland und Russland vor. Simon Bonnell, Head of Permitting bei der Nord Stream 2 AG, rechnet mit allen Genehmigungen im ersten Quartal 2018, um mit dem Pipelineausbau in der Ostsee im zweiten Quartal 2018 zu beginnen. Zudem veröffentlichte sein Unternehmen einen Bericht über potenzielle grenzüberschreitende Umweltauswirkungen, so dass in den Ostsee-Anrainerstaaten Konsultationen stattfinden können. Die Ergebnisse fließen in die Baugenehmigungen mit ein.

Beruhigung im Norden und Süden

Zugleich scheinen Widerstände in der Europäischen Kommission gegen das Ostseeprojekt abzunehmen. Im laufenden Verfahren wegen Missbrauchs seiner marktbeherrschenden Stellung in Zentral- und Mitteleuropa verpflichtete sich der russische Gaslieferant schriftlich, Wiederverkaufsklauseln aus Verträgen zu entfernen, angemessene Preise und freien Zugang zu Pipelines zu gewähren. Auch auf Schadenersatz von Bulgarien für das gescheiterte South-Stream-Projekt will Gazprom verzichten.

Mit diesen Vorschlägen zeigte sich der Vizepräsident der Europäischen Kommission Maros Sefcovic Medienberichten zufolge zufrieden. Ende März weist die Schweizer Projektgesellschaft darauf hin, dass die Europäische Kommission bestätigte, dass das Energiebinnenmarktpaket 3 der EU nicht auf das Offshore-Leitungsprojekt Nord Stream 2 anwendbar sei. Sie bezieht sich dabei auf Äußerungen der Europäischen Kommission zu deren Schreiben an die Energieminister von Dänemark und Schweden.

Unterdessen loten die europäischen Partner die Möglichkeiten einer Beteiligung am 9,9 Milliarden Euro teuren Nord-Stream-2-Projekt aus, nachdem die polnische Wettbewerbsbehörde 2016 mit ihrem abschlägigen Bescheid ihren Einstieg in die Projektgesellschaft vereitelte.

»Wir sind strategisch nach wie vor stark an Nord Stream 2 interessiert und prüfen weiterhin alle Möglichkeiten für eine Unterstützung – das schließt eine finanzielle Unterstützung mit ein«, signalisiert Uniper im März. »Nord Stream 2 ist für uns ein wichtiges Element im Rahmen eines diversifizierten Gasbezugs.« Auch Kurt Bock, Vorstandsvorsitzender der deutschen Wintershall-Mutter BASF bekundete dem russischen Präsidenten Wladimir Putin auf seinem Besuch in Moskau im März sein ungeteiltes Interesse.

Auch im Süden nahm nach der Entschuldigung von Präsident Recep Tayyip Erdogan das Turkish-Stream-Projekt wieder Fahrt auf. Beide Länder schlossen im Oktober 2016 zum Bau von zwei Strängen von Anapa an der russischen Schwarzmeerküste bis Kiyikoy am westtürkischen Bosporus das noch ausstehende zwischenstaatliche Abkommen. Das Abkommen sieht vor, dass das russische Gas, das aktuell über die Ukraine und Bulgarien an die türkische Grenze transportiert wird, der erste Strang von Turkish Stream übernehmen soll. »In der zweiten Hälfte dieses Jahres werden wir mit der Rohrverlegung im Meer beginnen und planen, den Bau der zwei Stränge von Turkish Stream bis Ende 2019 abzuschließen«, zitieren russische Medien Miller im März.

Abkommen mit Italien

Die Pioneering Spirit, das weltgrößte Verlegeschiff von Allseas, ist zum Einsatz ins Schwarze Meer beordert. Außerdem gründete Gazprom eine Niederlassung von seiner holländischen Tochter South Stream Transport in Istanbul, die die Umsetzung des Projektes in der Türkei koordinieren soll. Die jährliche Transportmenge ist für jeden Strang auf je 15,75 Milliarden Kubikmeter Gas veranschlagt. Für den Anschluss an das Gasnetz der Türkei auf dem Festland ist der türkische Leitungsbetreiber Botas zuständig. Für den Bau und Betrieb der Leitungsverbindung zwischen Bosporus und Ipsala an der türkisch-griechischen Grenze ist indessen ein türkisch-russisches Gemeinschaftsunternehmen vorgesehen.

Insbesondere Italien ist an dieser südlichen Transportroute im Schwarzen Meer interessiert. Deswegen verständigte sich der Vorstandsvorsitzende des italienischen Gasversorgers Eni, Claudio Descalzi mit Miller in Moskau im März auf ein Abkommen, um Anschlussoptionen für Turkish Stream zu avisieren. Italien importierte im letzten Jahr wie die Türkei rund 25 Milliarden Kubikmeter Gas. Beide Länder sind neben Deutschland für Gazprom die wichtigsten Kunden.

Daher gelten der Nord-Stream-Ausbau und Turkish Stream als Schlüsselprojekte. Um den wichtigsten Absatzmarkt Europa langfristig zu bedienen, verortet Miller die Zukunft der russischen Gasindustrie auf Jamal. Bis 2030 soll dort der förderbare Umfang von derzeit 90 Milliarden auf 360 Milliarden Kubikmeter Gas steigen.

Josephine Bollinger-Kanne

Erschienen in Ausgabe: 04/2017