Unsichtbaren Gefahren trotzen

Kraftwerk - Der Wartung kommt im Anlagenbetrieb eine bedeutende Rolle in der Kostendämpfung zu. Das Wasserkraftwerk Wyhlen testete hierzu eine neue Wärmebildkamera.

09. September 2008

»Selbst kleinste Schäden, wie beispielsweise Sickerwasser, können im Kraftwerkssektor zu immens teuren Produktionsausfällen oder gar größeren elektromechanischen Schäden führen«, erklärt Roland Kistner. Er ist stellvertretender Kraftwerksleiter des Rheinkraftwerkes Wyhlen, das mit 38,5 MW installierter Leistung Teil des Zwillingskraftwerkes Augst-Wyhlen nahe der schweizerischen Grenze ist. Die Anlage ist die erste aus dem Kraftwerkssektor, in der die neu entwickelte Wärmebildkamera des Messgeräteherstellers Testo aus Lenzkirch in einem zweiwöchigen Feldtest zum Einsatz kam. Der Anlagenbereich stellt für Testo neben der Bauthermografie eine weitere wichtige Anwenderzielgruppe dar.

»Die Wärmebildkamera erkennt Probleme im Kraftwerksbetrieb lange bevor es zu einem Störfall kommt«, so der Produktgruppenmanager der Wärmebildkamera ›testo 880‹, Daniel Auer. Anhand exakter Temperaturmessungen könne sofort die Dringlichkeit von Reparaturen beurteilt werden. »Funktionsstörungen an produktionswichtigen Anlagenkomponenten wie Motoren oder Pumpen kündigen sich oft über einen Temperaturanstieg am Bauteil an«, erläutert Auer. Für das Wasserkraftwerk nahe der Schweiz war neben den Messungen an den insgesamt elf Turbinen insbesondere die Erfassung geringer Temperaturdifferenzen bedeutsam, welches die Wärmebildkamera ermöglicht. Mit einer thermischen Empfindlichkeit von unter 0,1 °C liefert die Kamera auch bei kleinen Temperaturunterschieden scharfe Infrarot- Bilder.

»Durch Zufall konnten wir auf diese Weise den Weg des Druckwassers sichtbar machen, das durch feinste Risse im über ein Meter zwanzig starken Beton ins Bauwerk einsickert«, erklärt Kistner. Eventuelle Leckstellen und Verläufe der Wasserwege konnten bisher nur intuitiv abgeschätzt werden, da der Eingang des Wassers nicht gleich Austrittstelle ist. Zwischen Eingang und Austritt können bis zu 20 m Versatz sein – »Die thermografische Messung dagegen verdeutlicht den Temperaturunterschied zwischen Wasser und Wand. Die kühleren Stellen weisen auf die wasserbelasteten Stellen hin«, sagte Kistner im Gespräch mit >e. Die Ausbesserung der Maschinenhauswände des Rheinkraftwerkes Wyhlen kann so gezielt in der etwa vier Jahre andauernden und bereits begonnenen Sanierung erfolgen.

Weniger Personal bedingt hohe Technik

Auf die Dauer ist für den Stahlbaumeister der Einsatz der Kamera weniger erforderlich, als vielmehr hilfreich im Sanierungs- und Wartungsprozess. »Unser Werk kam bisher hundert Jahre ohne dieses System aus, doch war früher das Betriebspersonal auch zahlreicher «. Von den 48 Mitarbeitern, die die Anlage im Schichtbetrieb Tag und Nacht kontrollierten, sind heute nur acht übrig geblieben. »Jetzt haben wir für die gleiche Leistung weder die Zeit noch das Personal. Es bleibt die Technik, um den Anlagenbetrieb sicherzustellen «, so Kistner.

Aufgrund der positiven Erfahrungen aus den Feldtests besteht nach seiner Ansicht ein Bedarf an der Wärmebildkamera. Deren Erwerb liegt jedoch im Entscheidungsbereich der Energiedienst Holding AG, der das Rheinkraftwerk Wyhlen angehört und die 750.000 Menschen in Südbaden und der Schweiz mit Strom versorgt. »Da kein Dauereinsatz zur präventiven Instandhaltung nötig ist, kann ich mir vorstellen, dass in Zukunft die Kamera in der Unternehmensgruppe für mehrere Kraftwerke gleichzeitig genutzt wird«, mutmaßt Kistner. Für den Messtechnikhersteller aus dem Schwarzwald stellt die Einführung der ›testo 880‹ den Eintritt in den Markt der Wärmebildkameras dar. Die Testo AG ist sich bewusst, dass sie nicht der »Platzhirsch« in diesem Marktsegment ist, baut jedoch auf den Erfolg.

»Wir wollen weltweit einen Marktanteil von fünf bis zehn Prozent erreichen, auf einzelnen europäischen Märkten sind 20 bis 25 Prozent möglich«, prognostizierte Vorstandsvorsitzender Burkart Knospe auf der Präsentation der Kamera im vergangenen Herbst. »Gerade von der zuverlässigen Messung sehr kleiner Temperaturunterschiede unter 0,1°C profitiert das Rheinkraftwerk Whylen.«, resümiert der Hersteller. Daneben stellt Auer die Flexibilität der Anwendung für unterschiedliche Applikationen in den Vordergrund: »Der Kamerabenutzer kann sehr schnell zwischen Weitwinkel- und Teleobjektiv wechseln und so kleinste Objekte messen.« Auch die einfache Bedienbarkeit sieht Testo als einen klaren Pluspunkt. »Um dennoch Fehldiagnosen zu vermeiden, bieten wir Schulungen zum Umgang mit der Kamera an«, ergänzt Auer.

Erschienen in Ausgabe: 09/2008